„Geheimniskrämerei“ (1. Korinther 2,1-10)

Das große, alte Haus war schon lange nicht mehr bewohnt. Seit ich mich erinnern kann, stand es am Rande unserer Siedlung, direkt am Feld. Dunkel und verlassen. Für uns Kinder hatte das Haus einen ganz besonderen Reiz. Oft sind wir drum herum geschlichen, haben mal hier und da einen Blick riskiert. Es war sehr unheimlich. Niemand konnte genau sagen, was es damit auf sich hatte, warum dort niemand mehr lebte. Man konnte auch nicht einfach so da rein gehen. Wer wusste schon, was da auf einen lauerte? Und so blieb dieses Haus ein spannender Ort,  besonders in der Abenddämmerung. Auch ein bisschen gruselig. Welches Geheimnis mochte es wohl bergen? Wir haben es nie herausgefunden.

Geheimnisse sind etwas Wunderbares, nicht nur für Kinder. Es sind Orte oder Dinge, von denen ich nicht genau weiß, was sich dahinter verbirgt. Wie eben jenes alte Haus. Aber nicht nur Orte, auch Menschen können geheimnisvoll sein. Menschen, deren Geschichte ich nicht kenne. Oder aus denen ich nicht ganz schlau werde. Sie haben etwas Besonderes an sich, machen mich neugierig oder manchmal auch ratlos.

Im Grunde liebe ich Geheimnisse. Sie regen meine Phantasie an und lassen mir keine Ruhe. Und sie fordern mich heraus. Mich und meine Neugier. Geheimnisse sind etwas Wunderbares, in ihnen steckt ein Zauber. Von einem ganz besonderen Geheimnis handelt auch unser Predigttext:

Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Die Worte des Apostels Paulus sind nicht ganz einfach zu verstehen. Viele Worte, viele Sätze. Dazu in einem Deutsch, dass heute nicht mehr viele so einfach verstehen. Aber es geht um etwas Spannendes. Es geht um das Geheimnis Gottes! Das Geheimnis Gottes! Klingt schon wieder sehr geheimnisvoll. Was das wohl bedeutet? Sofort steigen in mir Bilder auf, Bilder von dunklen Höhlen, von einem tiefen Wald, ein seltsames Licht. Wo wohnt Gott? Wer ist Gott?

Man könnte meinen, dass dieses Geheimnis in unserer Zeit nicht so wichtig ist. Eine Zeit, in der viele Menschen der Kirche den Rücken kehren. Wo man doch eher an den Weltmeistertitel im Fußball glaubt oder daran, dass die Aktienkurse steigen. Oder höchstens noch der Schutzengel. Rund zwei Drittel aller Deutschen glaubt an ihn. Zumindest hat das eine Umfrage im letzten Herbst ergeben. Und doch: Das Geheimnis Gottes – ich glaube, gerade in unserer Zeit sind viele Menschen auf der Suche danach.

Da ist zum Beispiel mein Freund Jürgen. Mit dem habe ich mal zusammen gewohnt. Ein netter Kerl, und auf der Suche. Auf der Suche nach Erleuchtung und Erkenntnis, ja auf der Suche nach dem Geheimnis Gottes. Jürgen geht gerne zum Meditieren in einen buddhistischen Tempel. Er hört sich Vorträge an über das göttliche Wesen und wie die Menschen diesem Wesen nahe kommen können. Ich mag ihn. Er versucht wirklich hinter dieses Geheimnis zu kommen.

Und so wie ihn gibt es (glaube ich) viele, die Gott suchen, auf ganz unterschiedlichen Wegen. Sie wollen wissen, wer oder was Gott ist und wo man ihn finden kann. Sie suchen Gottes Nähe, eine Macht, die beschützt. Sie suchen Heilung und inneren Frieden. Gerade in unserer Zeit.

Wir Menschen können viele großartige, kluge und schöne Dinge über Gott glauben und behaupten. „Hohe Worte und hohe Weisheit“ nennt Paulus das in seinem Brief an die Korinther. Doch damit kommen wir Gottes Geheimnis nicht auf die Spur. Mit allem Tiefsinn, mit Büchern und Frömmigkeit können wir es nicht lüften. Wer Gott ist, dieses Geheimnis – das kann nur Gott selbst den Menschen zeigen.

Paulus hat das Geheimnis den Leuten in Korinth verkündet. Er hat eine Ahnung bekommen, denn Gott hat sich gezeigt. Und was Paulus darüber sagt, ist geradezu revolutionär: „Ich hielt es für richtig, nichts zu wissen als allein Jesus Christus den Gekreuzigten.“ Paulus hat es erkannt: In Jesus hat Gott sich den Menschen zu erkennen gegeben, hat ihnen gezeigt, wer er ist. In einem schutzlosen Menschen, dem Kind in der Krippe, aber auch dem Verratenen, dem Gekreuzigten! Das ist  ziemlich unerhört! In den Weltreligionen ist Gott ist doch der Inbegriff von Weisheit und Allmacht. Und deshalb müsste Gott sich doch zu erkennen geben in den schlauen Gedanken, Worten und Schriften der großen Meister. Aber nichts! Und in den Meditationen frommer und weiser Menschen? Fehlanzeige!

Gott wird zwar oft auch „König“ genannt, der von seinem Himmelsthron aus regiert, aber seine Herrlichkeit spiegelt sich nicht im Glanz der irdischen Herrscher. Und etwas von Gottes Geheimnis müsste doch dort aufleuchten, wo Menschen Großes und Prächtiges erbauen, in den Palästen der Reichen, den Kirchen und Tempeln der Religionen. Oder wenigstens in den großen Entdeckungen und Erfindungen, die das Leben der Menschen erleichtern. Gott im technischen Fortschritt? Leider nein, sagt Paulus.

Stattdessen begegnet Gott der Welt in Gestalt eines Menschen, der eben nicht zu den Großen und Mächtigen gehört. Er begegnet uns in einem wehrlosen kleinen Kind. Gott offenbart sein Geheimnis in einem Menschen, der seinen Willen auf Erden tut: in Jesus Christus, der ganz für die andern da ist, der für sie lebt und stirbt. Der auf Gewalt und Herrschaft verzichtet. Der fast schon besessen ist vom Vertrauen auf Gott. Der so menschlich ist und doch ganz anders.

Gott begegnet uns in der Ohnmacht dessen, der verfolgt wird, ans Kreuz gehängt und getötet wird. Der in den Augen der Menschen gescheitert ist mit seiner Botschaft von der Liebe Gottes. Das durchkreuzt alle Vorstellungen und Gottesbilder, die Menschen sich bisher gemacht haben. Es ist wirklich so, wie es geschrieben steht: „Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herzen gekommen ist…“

Das Geheimnis Gottes zeigt sich gerade da, wo wir es nicht erwarten. Es zeigt sich in den Umbrüchen des Lebens. Gott ist nahe, eben genau dann, wenn es nicht mehr weiter geht. Da, wo Lebensentwürfe scheitern, wo Menschen spüren, dass ihnen ihr Leben entgleitet. Etwa in der gescheiterten Ehe, wenn man feststellt, dass man sich in der langen Zeit auseinander gelebt habt. Oder wenn die Diagnose einer schlimmen Krankheit sich wie ein schwerer Stein auf das Herz legt. Wenn plötzlich der Arbeitsplatz verloren geht und man vor dem Scherbenhaufen seiner beruflichen Existenz steht. Oder wenn die Trauer über einen lieben Menschen einfach nicht aufhört will. In solchen Momenten, da zeigt sich Gott, da lüftet sich das Geheimnis. Da muss Gott raus aus der dunklen Höhle, raus aus dem geheimnisvollen Haus. Denn ihm liegt so viel an den Menschen, dass Gott gar nicht anders kann, als uns nahe sein.

Dann ist Gott die Freundin, die meine Hand hält, die Tränen trocknet. Dann ist Gott die Schulter, an die mich anlehnen kann. Ein gutes Wort auf der Straße, der leise Gedanke von jemandem, der an mich denkt. Die zarte Hand, die mir über den Rücken streichelt.

Natürlich, es gibt sie immer noch, diese Erfahrungen des Scheiterns im Leben. Und ich fürchte, es wird sie immer geben. Ein sorgenfreies Leben, eine gute Welt, in der alle Platz haben und zu ihrem Recht kommen, in der es keine Krankheiten und keine Ungerechtigkeit mehr gibt – wie schön wäre das! So sehr wir uns es auch wünschen – das Leben sieht oft anders aus. – Und doch ist Gott da!

Vielleicht ist dies das Geheimnis Gottes: Dass Gott nahe ist in den Tiefen unseres Lebens. Das ist vielleicht ein Widerspruch oder eben ein Geheimnis, hinter das wir nicht kommen. Und vielleicht ist das auch gut so. Denn ein Geheimnis, das man aufdecken kann, verliert seine Kraft, seinen Zauber. Niemand kann Gott erklären oder begreifen. Alles, was wir über ihn sagen, ist nur Bruchstück. Keine Formel erklärt Gott, sie beschreibt höchstens sein Geheimnis, das doch Geheimnis bleibt. Aber dieses Geheimnis lässt uns nicht im Dunkeln tappen, nein es will unser Leben erhellen. Licht in den „Tiefen der Gottheit.“

Amen.

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