Es war eine bahnbrechende Erkenntnis, damals vor 500 Jahren. Als Martin Luther verstanden hat, um was es im christlichen Glauben geht. Dieses Verstehen kam nicht über Nacht. Es war ein Prozess. Nachdem er selbst lange in Angst gelebt hatte. Nachdem er sich so aufgeregt hat über die Zustände seiner Zeit, seiner Welt und vor allem in seiner Kirche. Denn das war damals nicht viel anders als bei uns heute. Auch im Jahr 1517 konnte man an der Welt verzweifeln. Kriege gehörten zur Tagespolitik.
Hier in Sievershausen weiß die Ortsgeschichte davon ein trauriges Lied zu singen. 1553, ein paar Jahre nach dem Thesenanschlag, als hier auf dem Feld Richtung Arpke so viele Menschen in kurzer Zeit ums Leben kamen. Auch Krankheiten gehörten zur Tagesordnung. Medizinische Versorgung kannte man so noch nicht. Der Tod lauerte an jeder Ecke. Die Menschen hatten Angst. Viel Angst. Angst vor dem Leben und Angst vor dem Tod. Und die Kirche bediente sich dieser Angst. Sie machte damit Geschäfte und festigte ihre Macht.
Aber dann hat Luther verstanden. Und er war nicht der einzige damals. Es lag schon irgendwie in der Luft. An vielen Stellen in Europa wollten Menschen sich nicht mehr mit der Angst abfinden. Mit der Verzweiflung über die Zustände der Welt. „Es muss doch was anderes geben. So, wie es ist, ist es nicht gut.“ Haben sie gedacht. Zwingli, Calvin, Bugenhagen, Bucer, Melanchthon und wie sie alle hießen. Sie alle haben verstanden. Nämlich, dass das Geschäft mit der Angst nichts über Gott sagt.
Die reformatorische Erkenntnis lässt sich leicht zusammenfassen und sie klingt wie das Evangelium selbst: Wir können nicht gerecht werden – oder mit moderneren Worten – wir können niemals glücklich werden durch das, was wir tun. Wir haben es nicht selbst in der Hand. Der Schlüssel zu einem wirklich glücklichen Leben, also zu einem Leben ohne Angst, ist Vertrauen. Vertrauen darauf, dass ich nicht alleine durchs Leben gehe. Vertrauen, dass es Menschen in dieser Welt gibt, die auch den Frieden suchen. Die genauso damit hadern, was gerade in der Welt abgeht.
Die Barmherzigen, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten.
Die Sanftmütigen, die um zivile Opfer auf allen Seiten des Krieges trauern.
Die dürsten und hungern nach der Gerechtigkeit. Für Israel und die Urkaine, für Menschen in Palästina und in Afghanistan.
Die Seligpreisungen, wir haben sie gerade gehört, sind Wegweiser für so ein Leben. Eigentlich sind es „Glücklichpreisungen“. Denn im griechischen Urtext heißt es makarioi, und das bedeutet eher „glücklich“ als „selig“.
Das haben Luther und die anderen Reformatorinnen und Reformatoren verstanden. Es bringt überhaupt nichts, der Kirche Geld zu zahlen dafür, dass man ohne Angst vor der Hölle leben könnte. Und heute können wir es so verstehen: Es bringt nichts, alle Schwierigkeiten in unserem Land auf die Migration zu schieben. Das Geschäft mit der Angst macht heute nicht mehr die Kirche.
Das haben die Populisten übernommen. In einer Welt, die unübersichtlich scheint wie nie zuvor, haben viele Menschen Angst. Und statt einen Ablassbrief zu kaufen, wenden sie sich denen zu, die einfache Antworten bieten und schnell einen Schuldigen finden.
Aber der Kern der Reformation war Verstehen. Deshalb legten Luther und Co so großen Wert auf die Bildung. Alle sollten lesen und schreiben lernen. Alle sollten in der Lage sein, die Heilige Schrift in ihrer Muttersprache zu verstehen.
Ich finde, so ist es auch heute noch unser Auftrag, das Verstehen zu fördern. Das Verständnis füreinander. Das Verständnis zwischen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen und Haltungen.
Jüdinnen und Muslime, Deutsche mit und ohne Migrationsgeschichte. People of Color und Weiße.
Männer und Frauen, Transmenschen und Cis. Asexuelle und Heteronormative.
Gerade weil die Definitionen immer feinporiger werden, ist es so wichtig, miteinander im Gespräch zu sein. Einander Verstehen ist heute vielleicht sogar wichtiger als jemals zuvor. Wegen Internet und Social Media. Ich erlebe viele Mitmenschen schon so, dass sie nicht mehr bereit sind, sich mit anderen Sichtweisen auseinander zu setzen.
Aber wenn ich die Glücklichpreisungen ernst nehme als Wegweiser für ein Leben ohne Angst, dann mag es gehen. Vielleicht schrittweise nur, aber immerhin. Ich möchte vertrauen. Vertrauen, dass ich nicht alleine auf dem Weg bin. Dass ich nicht alleine beinahe an dieser Welt verzweifle. Dass da noch andere sind, denen Menschenrechte und Menschenwürde etwas bedeuten. Und die sich auch die Mühe machen, andere zu verstehen.
Darauf vertraue ich. Dazu steh ich.
Amen.