Wer singt, blüht auf! (Kol 3,12-17)

Gott hat euch als seine Heiligen erwählt,
denen er seine Liebe schenkt.
Darum legt nun das neue Gewand an.
Es besteht aus herzlichem Erbarmen,
Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld.
Ertragt euch gegenseitig 
und vergebt einander,
wenn einer dem anderen etwas vorwirft.
Wie der Herr euch vergeben hat,
so sollt auch ihr vergeben!
Vor allem aber bekleidet 
euch mit der Liebe.
Sie ist das Band,
das euch zu vollkommener Einheit zusammenschließt.
Und der Friede, 
den Christus schenkt,
lenke eure Herzen.
Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes.
Und dafür sollt ihr dankbar sein!
Das Wort, in dem Christus gegenwärtig ist,
wohne in reichem Maß bei euch.
Lehrt einander und ermahnt euch gegenseitig.
Tut das in aller Weisheit.
Singt Gott aus vollem Herzen
Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder.
Denn er hat euch Gnade geschenkt.
Alles, was ihr sagt und tut,
soll im Namen des Herrn Jesus geschehen.
Dankt dabei Gott, dem Vater, durch ihn.
(BasisBibel)

Neulich habe ich bei einer Kollegin, die sehr aktiv und erfolgreich in den sozialen Medien unterwegs ist, gelesen, dass sie eigentlich überhaupt nicht gerne im Gottesdienst singt. Immer dieses „auf Kommando irgendwas Singen“, und dann auch noch etwas, das man gar nicht mal kennt. 

Das hat mich doch im ersten Moment gewundert. Bisher dachte ich immer, dass das Singen und die Liebe zur Musik quasi zu unserem Beruf als Pastorinnen und Pastoren dazugehört. Zumindest habe ich das nie hinterfragt und einfach von mir auf andere geschlossen.

Es gibt da so einen Spruch im Englischen, den habe ich bisher sehr verinnerlicht: 
„If you can walk, you can dance. 
If you can talk, you can sing“
(Wenn du laufen kannst, kannst du auch tanzen.
Und wenn du reden kannst, kannst du auch singen.)

Weiß jetzt nicht, wie ihr das findet, aber natürlich kann jeder Mensch singen. Nur manche möchten es anderen lieber nicht zumuten. 
Und das ist auch völlig okay.

„Singt Gott aus vollem Herzen.“ 
So schreibt es Paulus an die Gemeinde in der griechischen Stadt Kolossä. Und mitten in einem Absatz über das Leben in der Gemeinde, da taucht dieser Satz auf: 
„Singt Gott aus vollem Herzen.“

Die Gemeinde, der er da schreibt, hatte es echt nicht leicht damals. 
Sie war klein, oft missverstanden, von der Gesellschaft bedrängt.
Es gab Konflikte von außen und Spannungen in Innern. 

Paulus weiß das. Und deshalb schreibt er ihnen nicht, dass sie einfach durchhalten sollen.
Er sagt nicht „Kopf hoch, das wird schon!“.
Nein, er schreibt: 
„Legt das neue Gewand an. 
Herzlicher Erbarmen, Güte, Demut, Freundlichkeit und Geduld. 
Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander. 
Und singt Gott aus vollem Herzen.“

Ich finde das bemerkenswert.
Singen ist für Paulus kein Luxus, nicht reserviert für gute Zeiten und gute Laune. 
Nein, Singen ist eine Notwendigkeit in schwierigen Zeiten.

Es wird heute ja viel von Resilienz geredet – von der Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, nicht zu zerbrechen, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. 
Und Singen ist wahrscheinlich eine der ältesten Resilienz-Übungen der Menschheit. Ich hab das als Kind oft erlebt und vielleicht kennt das der eine oder die andere hier auch: Immer, wenn ich zuhause in den dunklen Keller runter musste, um meiner Mutter irgendwas hochzuholen, da habe ich immer dabei gesungen. Egal was, Hauptsache Töne gegen die Angst. Das berühmte „Pfeifen im Walde“ war bei mir „Singen im Keller“. 
Aber es hat geholfen. Damit habe ich mir damals Mut gemacht.

Singen bewirkt ja mehreres gleichzeitig:

Es verbindet uns mit unserem Atem. Wer singt, atmet tief. Wer tief atmet, beruhigt sein Nervensystem. Singen ist echte Körperarbeit, Seelenarbeit.

Singen verbindet uns auch mit anderen Menschen. Müsst ihr mal drauf achten: Wenn wir gemeinsam singen, entsteht etwas, das größer ist als jeder und jede Einzelne. Ein Chor ist mehr als die Summe seiner Stimmen. 
Die Gemeinschaft wird hörbar, spürbar, tragfähig.

Und Singen verbindet uns mit etwas Größerem als uns selbst. Paulus spricht von „Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern“. Das sind Texte, die über Generationen weitergegeben wurden. Wenn wir sie singen, sind wir Teil einer größeren Geschichte – einer Geschichte von Menschen, die vor uns geglaubt, gehofft und auch gezweifelt haben.

Sogar in den Konzentrationslagern der Nazis haben Menschen gesungen. Oder in Gefängniszellen, in Krankenhäusern, auf der Flucht. Nicht weil den Menschen zum Singen zumute war, sondern weil ein Lied hilft, nicht zu verzweifeln.

Eine Gesellschaft, die singt, ist eine Gesellschaft, die verbunden ist. 
Die übt, aufeinander zu hören. 
Die übt, sich einzuschwingen. 
Die übt, Unterschiede auszuhalten – verschiedene Stimmen, verschiedene Lagen – und daraus Harmonie zu schaffen.

Ich finde, das ist hoch politisch.
Denn eine Gesellschaft, die das Singen verlernt, verlernt auch das Miteinander. Sie zerfällt in isolierte Individuen, die mehr gegeneinander schreien, statt miteinander zu klingen.

Paulus meint, wir sollen „für Gott singen mit Dankbarkeit im Herzen“. Dankbarkeit verdrängt nicht, was alles gerade doof ist, aber es ist eine Haltung. 

Eine Haltung, die sagt: Trotz allem, was schwer ist, erkenne ich, was trägt. Trotz aller Dunkelheit höre ich eine Melodie.

Singen hilft uns, diese Haltung einzuüben. Es richtet unseren Blick neu aus. Nicht weg von den Problemen, sondern auf die Ressourcen, die wir haben. 
Auf die Gemeinschaft, die uns trägt. Auf Gott, die größer ist als unsere Angst.

Aber: Was heißt das für uns?

Erstens: Wir dürfen singen – auch wenn du denkst, du kannst es nicht. Es geht nicht um Perfektion. Es geht darum, deine Stimme zu erheben. 
Ob allein, unter der Dusche oder im Auto. Gemeinsam, hier in der Kirche, in einem Chor, in der Familie.

Zweitens: Wir sollen alte Lieder lernen und neue. Die alten verbinden uns mit der Tradition. Die neuen helfen uns, unsere Gegenwart zu besingen. Beides brauchen wir.

Drittens: Mach das Singen zu einer Gewohnheit. In guten und in schlechten Zeiten. „Resilienz“ entsteht ja durch Übung. Wenn du nur singt, wenn es dir gut geht, verlierst du das Lied genau dann, wenn du es am meisten brauchst.

Viertens: Wir sollen füreinander singen. Für die, die gerade nicht singen können. Für die, denen die Stimme versagt. Und auch für die, die nicht mehr da sind. Unser Lied trägt sie mit.

Singen erinnert uns: Wir sind nicht allein. Wir sind Teil einer größeren Geschichte. Einer Geschichte, die gut ausgeht.
Lasst und für Gott singen dankbar in unseren Herzen.
Lasst uns für uns singen.
Für die Welt.
Lasst uns immer wieder singen,
weil es Leben schafft.

Amen.