Willkommen im Glashaus (Joh 8,2-11)

Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr

Johannes 8,2-11 (Luther 2017)

Willkommen im Glashaus!

Wir sitzen zwar gerade in einem Festzelt und hier gab es in den letzten beiden Tagen eigentlich nur Glas, aus dem man trinken kann. Aber wir sitzen im Glashaus. In einem ziemlich großen Glashaus.

Das Bild kennen vermutlich alle hier, oder? „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.“ Anders kann man den Text aus dem Johannesevangelium von heute nicht zusammenfassen. „Jesus und die Ehebrecherin“ – so wird die Geschichte traditionell genannt. Aber ich finde, eigentlich müsste die Überschrift heißen: Willkommen im Glashaus!

Die Geschichte ist ja schon ein bisschen seltsam: Da wird eine Frau zu Jesus gebracht, die wohl gerade auf frischer Tat beim Fremdgehen ertappt wurde. Zur damaligen Zeit ist das kein Kavaliersdelikt. Darauf steht die Todesstrafe. Und das wissen alle.

Jetzt soll Jesus was dazu sagen. Ausgerechnet er, der Wanderprediger, der immer wieder davon schwärmt, wie bedingungslos Gott die Menschen liebt. Der nicht nur durch Worte zeigt, dass es Gott ernst mit den Menschen meint. Sein zentrales Gebot ist ganz einfach: Habt einander lieb. 

Ich kann mir vorstellen, wie gespannt die Leute sind und warten, was jetzt passiert. Da ist bestimmt Neugier dabei, aber auch Schadenfreude. So ein Skandal ist spannend.

Aber Jesus reagiert… erstmal gar nicht. Was er da genau in den Staub schreibt, kann niemand sehen. Ist wohl auch nicht so wichtig. Vielleicht hat er auch keine Lust auf die Moralapostel. Vielleicht braucht er einfach ein bisschen Zeit, um über den Fall nachzudenken.

Und dann kommt sein berühmter Satz vom Glashaus: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. 

So einfach ist das. Und so schwierig zugleich.

Jesus sagt das, weil er genau weiß, dass alle Menschen Fehler haben. Weil er weiß, dass wir alle manchmal gegen unser Gewissen handeln. Etwas tun, von dem wir genau wissen, dass es nicht in Ordnung ist, uns und anderen nicht gut tut.

Diese – ich sage mal – Unvollkommenheit gehört zum Menschsein dazu. Niemand von uns ist besser als der andere. Auch wenn man das manchmal von sich selber gern glauben möchte. Aber am Ende sind wir alle gleich gut oder gleich schlecht. (Je nachdem wie man’s nimmt.)

Wir sitzen alle im Glashaus. Und da ist es echt gefährlich, mit Steinen rumzumachen.

Jesus weiß das. Er weiß auch, dass wir Menschen dazu neigen, uns über andere zu stellen. Jeder auf seine Weise. Das passiert ja andauernd. Aber im Moment habe ich das Gefühl, es passiert noch viel mehr als sonst. 

Gerade haben wir ja die Pandemie ein bisschen hinter uns gelassen. Was haben wir darüber gestritten, wie man am besten mit Corona umgehen sollte! Puh. Und jetzt ist da dieser furchtbare Krieg mit allen seinen Auswirkungen bis zu uns hier.  Und da wird dann wieder gestritten, wie man die Folgen am besten abfedern sollte. Tankrabatt oder 9-Euro-Ticket. Ich frage mal: Wer von Euch hat schon ein 9-Euro-Ticket gekauft?

Die einen rümpfen die Nase über andere, jeder weiß es besser und am Ende des Jahres sitzen wir vermutlich alle in unseren Wohnungen und werden frieren.

Jesus sagt: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Dabei ist ihm ganz klar, dass da niemand „ohne Sünde“ ist. Höchstens er selber – als Sohn Gottes. (Aber das ist eine sehr komplizierte Angelegenheit, die wir mal wann anders besprechen werden.) 

Der Satz vom Glashaus hat etwas Egalitäres. Er macht uns Menschen einander gleich, zumindest im Blick auf die Moral. Niemand von uns ist besser als der andere. Gerade jetzt, kurz vor den Zeugnissen, müssen wir uns von Jesus daran erinnern lassen. Auch wenn die Schulnoten verschieden sind, der Wert jedes einzelnen Menschenkindes ist damit wirklich nicht erfasst.

Und wenn wir das erkennen, dann wird was anders in dieser Welt.

Wenn wir verstehen, dass wir in Gottes Augen alle gleich wert sind, die Ehebrecherin genauso wie der größte Sittenwächter, dann können wir zusammenhalten. Endlich. Dann können wir diesen schrecklichen Krieg in der Ukraine auch hier zuhause etwas entgegen setzen. 

Wir können Menschen aufnehmen, sie im Alltag unterstützen. Aber auch dafür sorgen, dass die Ärmeren unter uns nicht am Hungertuch nagen müssen, weil die Energiepreise weiter durch die Decke gehen.

„Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ In der letzten Konsequenz bedeutet dieser Satz von Jesus doch, dass wir miteinander solidarisch sein können. Wir können nur zusammen was auf die Beine stellen. Unser Immenser Dorfladen ist dafür doch ein super Beispiel! Oder auch dieses Dorf-Fest hier. Denn die Zeiten sind vorbei, wo einzelne starke Persönlichkeiten mit viel Geld und Macht die Dinge einfach geregelt haben. Aber wir können zusammenhalten, denn am Ende sitzen wir nicht alle in einem Boot, sondern miteinander im selben Glashaus.

Niemand ist ohne Sünde! Das ist einfach so. Hoffentlich verstehen wir Menschen bald, dass wir dadurch einander sehr ähnlich sind. Menschengeschwister, auch wenn wir andere Sprachen sprechen, unterschiedlichen Religionen angehören oder verschiedene Essgewohnheiten pflegen. Hoffentlich erkennen wir bald, wie viel wir gemeinsam haben. Im guten wie im schlechten Sinne. 

Und dann packen wir es an, dann gestalten wir diese Welt. Gemeinschaftlicher, nachhaltiger, friedlicher. Das wäre doch was, wenn wir in diesem gemeinsamen Glashaus sitzen und unser Zusammenleben gestalten.

Amen.