Lob der Torte (Ps 103,2)

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir gutes getan hat. 

Ps 193,2 (Lutherbibel)

Ansprache zur Jubiläumskonfirmation

Hier geht es um ein Loblied, ganz klar. Kommt ja in der Kirche öfters vor. Ganz oft heißt es sonntags dann „Wir loben Gott und preisen seinen Namen“. Und ich frage mich, wie es wohl damals bei den Konfirmationen war, vor 50 Jahren, vor 60 oder gar 70 Jahren.

Die meisten von Euch wurden ja hier in der Kirche konfirmiert. Ich kann mir vorstellen, dass nicht nur während der Konfirmation selbst viele Loblieder gesungen wurden, sondern auch in den anderen Gottesdiensten, die die Konfis damals noch so zahlreich besuchen mussten. Da kam vielleicht manchem von euch das Lob schon wieder aus den Ohren raus.

Gerade in Gottesdiensten spielt das Lob offensichtlich eine große Rolle. Wir loben Gott so oft, das bekommen die meisten gar nicht mehr richtig mit. Manchmal reicht schon ein einfaches Wort: Halleluja! Ja, richtig gehört: Halleluja, das ist Hebräisch, die Sprache des Alten Testaments, und bedeutet auf Deutsch: Lobet Gott.

Nun ist das mit dem Loben ja so eine Sache. Ich meine, Loben – wann tun wir das so im normalen Leben? Gut, ich lobe meinen Sohn, wenn er die Spülmaschine ausgeräumt hat, ohne dass ich ihn mehrfach dazu auffordern musste.

Oder ich lobe die Töchter, wenn sie hin und wieder selbständig ihre Hausaufgaben machen. Ich lobe auch unsere liebe Küsterin, wenn sie die Kirche liebevoll vorbereitet. Und die Leute vom Ortsausschuss, ohne die hier gar nichts laufen würde. 

Ja, ich lobe eigentlich ganz schön viele.

Aber ist das wirklich Loben? Heute lobt man doch nicht mehr! Heute gibt man ein „positives Feedback“, eine gutgemeinte Rückmeldung.

Ich überlege: Wenn wir uns gegenseitig Loben im Alltag, dann steckt da mehr drin, als ein Satz wie: „Das hast du aber gut gemacht.“ So loben manche vielleicht ihren Hund. Aber unter Menschen spricht man nicht so! 

Nein, ich glaube, wer lobt, ist auch dankbar. Also wenn ich beim Geburtstagsbesuche im Dorf die leckere Torte lobe, dann schwingt da auch Dank mit. Denn ich bin natürlich auch dankbar für die Torte. 

Und so ist das wohl auch mit dem Gotteslob: „Lobe den Herrn meine Seele“, das soll doch eher bedeuten: „Danke dem Herrn“. Ja, in der Bibel gibt es viele Gründe, um Gott dankbar zu sein. Ganz allgemein wird Gott etwa für die Schöpfung gelobt, und dafür dass sie alles geschaffen hat, was lebt.

Aber auch ganz konkret machen Menschen in der Bibel die Erfahrung, dass Gott sie an einer bestimmten Stelle in ihrem Leben hält. Gerade auch in schweren Zeiten. Und das lässt sie loben.

Aber kann man heute noch loben? Ja, kann man überhaupt noch so dankbar sein? Gerade in dieser verrückten Zeit, wo gefühlt alles nicht mehr gilt, was in den letzten Jahrzehnten Sicherheit gegeben hat. 

Ihr, liebe Jubilare kennt das. Vor 30 Jahren zum Beispiel habt Ihr so einen Umbruch schon einmal erlebt. Als der eiserne Vorhang fiel und auf der anderen Seite, im Ostblock, plötzlich Menschen zum Vorschein kamen, wie du und ich. Das war auch eine Zeitenwende, aber doch eine schöne.

Heute mit all den Krisen, in der Ukraine, aber auch mit den Energiekosten und dem Klimawandel fühlt sich das Leben schon bedrohlicher an. Und dann ist auch noch die Queen gestorben. 70 Jahre hat sie regiert und für viele ist das auch eine große Veränderung, selbst wenn man die Monarchie an sich für veraltet hält.

Zumindest für die Generation eurer Kinder und Enkelkinder ist das eine völlig neue Situation. Ja, wofür kann man angesichts all dessen heute noch dankbar sein und Gott loben?

Genau da kommt ihr, liebe Jubilare, ins Spiel. Denn ihr könnt ja auf echte Lebenserfahrung schauen. Und beim Blick zurück sieht man vieles klarer. Ihr habt alle genug erlebt, um zu erkennen, wofür Menschen Gott dankbar sein können. Natürlich nur für all die schönen Moment, die es im Leben halt so gibt. Wenn man das Gefühl hat, sein Leben zu gestalten können, wie man es gern möchte. Ob mit oder ohne Kinder, gemeinsam oder lieber alleine. 

Und dann gibt es ja auch in jedem Leben schwierige Zeiten. Krankheit und Trennung, Verlust und Traurigkeit. Können wir auch dafür dankbar sein? 

Ich glaube, das kann man so pauschal gar nicht sagen. Aber zumindest habe auch ich schon erlebt, dass Krisen in meinem Leben im Nachhinein zu etwas Gutem geführt haben. Es gibt da ein italienisches Sprichwort, das heißt: „Für jede Tür, die sich schließt, öffnet sich eine Pforte.“ (Original: „Per ogni porta Che si chiude, si apre un portone!“)

Gut, das gilt vielleicht nicht für alles, was schiefgeht. Aber es gibt doch diese Erfahrungen, die für uns hinterher einen Sinn ergeben haben. Dafür können Menschen auch dankbar sein und Gott loben.

Letzten Endes können wir für so viel dankbar sein. Wie sich die Lebenswege gefügt haben. Mal direkt, mal auf Umwegen. Manche von uns sind schon nicht mehr mit dabei. Von einigen mussten wir uns früh verabschieden.

Manchmal wünschte ich, dass nicht nur die älteren Mitglieder unserer Gesellschaft einen dankbaren Blick auf ihr Leben haben. Wie schön wäre es, wenn auch aktuelle Konfis, also die pickeligen 13-Jährigen sich und andere annehmen, so wie sie sind, ohne Beauty Filter. Dankbar sein, Gott loben dafür, einfach dass sie leben. Dass sie atmen und jeden Tag neue Ideen haben. 

Stellt euch mal vor, man könnte für einen Tag oder so die Perspektive von Jubelkonfirmanden annehmen. Wie eine Brille, die man aufsetzt. Und dann auf das eigene Leben schauen. Plötzlich all die Dinge sehen, für die man dankbar sein kann. Das unverdiente Glück. Gesellige Momente, umgeben von Menschen, die einen mögen und Gutes tun.Dann würden sich die Krisen dieser Welt wahrscheinlich wie von selbst auflösen. 

Denn Dankbarkeit ist eine Haltung. Und wer dankbar ist, dem kommt das Lob schnell über die Lippen. Ich hoffe, Ihr habt Grund zur Dankbarkeit im Blick zurück. Trotz all dem, was aktuell um uns herum abgeht, im Iran, in der Ukraine, in Afghanistan. 

Aber danken und Gott loben, dafür ist – neben allem – hoffentlich immer wieder Platz: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Amen.