Wartet geduldig,
Jakobus 5,7-8 (BasisBibel)
Brüder und Schwestern,
bis der Herr wiederkommt.
Seht, wie der Bauer
auf die kostbare Frucht der Erde wartet:
Er wartet geduldig,
bis der Frühregen und der Spätregen gefallen sind.
So seid auch ihr geduldig
und stärkt eure Herzen,
denn das Kommen des Herrn
steht bevor.
Weihnachten steht vor der Tür. Und Advent ist eine Wartezeit, jedes Jahr aufs neue. Warten, sich Gedulden. Wir Menschen gehen sehr unterschiedlich damit um. Manche sind geduldiger als andere. Und oft kommt es auch drauf an, worauf man wartet.
Worauf wartest du? Auf freie Zeit? Endlich Urlaub, endlich Ferien? Endlich Schluss mit der ganzen Hektik der Vorweihnachtszeit? Oder wartest du auf die Gemütlichkeit der Feiertage? Das Zusammensein mit lieben Menschen? Familie, Freunde, die sich selten treffen? Oder gehörst du zu denen, die insgeheim froh sind, wenn Weihnachten wieder vorbei ist und die eigene Einsamkeit nicht mehr so dolle weh tut?
Ich glaube, wir alle warten auf sehr unterschiedliche Dinge, so verschieden wie wir halt sind.
Es gibt aber eine gute Nachricht für alle Ungeduldigen: Dieses Jahr ist die kürzeste Adventszeit, die es geben kann. Schon heute in zwei Wochen ist Heilig Abend. Dann sind hoffentlich zumindest manche Wartereien zu Ende.
Ich warte jedes Jahr auf den Ruf der Engel: „Friede auf Erden“, so schallt es dann überall aus dem Chor der himmlischen Heerscharen durch die Kirchen. „Friede auf Erden“, das gehört für mich zur DNA von Weihnachten dazu wie der Christbaum oder der finnische Steckrübenauflauf, den es bei uns natürlich gibt.
Doch ich muss zugeben: Dieses Jahr ist es irgendwie anders. Schon letzte Weihnachten konnte ich den Friedensruf nicht mehr ungebrochen hören. Musste bei dem Gedanken an die Menschen in der Ukraine schlucken, wie sie sich in kalten U-Bahnhöfen „Frohe Weihnachten“ wünschen, während über ihren Dächern Raketen unterwegs sind.
Letztes Jahr hatten wir auch ein besonderes Krippenspiel für die Kinder ausgesucht. Da ging es um den Engel, der nicht mehr mitsingen wollte vom „Frieden auf Erden“. Es war ein hilfloser Versuch, dem Ernst der Lage gerecht zu werden. Hat wahrscheinlich kaum jemand verstanden.
„Friede auf Erden“ – das ist im Jahr 2023 noch mal mehr ein frommer Wunsch des Himmels. Spätestens seit dem Angriff der Hamas-Terroristen auf Israel und der militärischen Reaktion ist das mit dem Frieden für mich noch fragwürdiger geworden. In den letzten Jahren sind unzählige Menschen in so vielen Kriegen ums Leben gekommen. Soldat:innen und Zivilst:innen. Mensch ist Mensch und tot ist tot.
Wer heute fordert, dass die Waffen in der Ukraine oder im Heiligen Land schweigen sollen, nimmt in Kauf, dass sich das Unrecht durchsetzt. So einfach kann ich nicht laut sagen „Frieden schaffen ohne Waffen“. Das Recht sich zu verteidigen braucht manchmal auch Waffen. Leider. Und trotzdem oder gerade deshalb warte ich so ungeduldig auf den Ruf der Engel „Friede auf Erden“.
Frieden braucht Geduld und den Wunsch aller Beteiligten, den Hass hinter sich zu lassen. Deshalb gibt es für Frieden auch kein Patentrezept. Gab es nicht früher und auch heute nicht in der aktuellen Weltlage.
Wartet geduldig, Brüder und Schwestern! Heißt es im Jakobusbrief.
Sagt sich so leicht. Denn geduldig auf die Wiederkehr des Herrn warten, also darauf, dass Jesus aus dem Himmel zurückkehrt, das erschien den Menschen damals am Ende des 1. Jahrhunderts ja genauso verrückt wie heute, wenn wir „Friede auf Erden“ herbeisehnen. Die Christinnen und Christen haben gewartet. Ob sie dabei besonders geduldig waren, ist nicht überliefert. Aber sie haben diese Wartezeit gestaltet. Die christlichen Gemeinden waren ja klein, aber sehr aktiv. Sie waren Orte, an denen alle Menschen willkommen waren. Völlig unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Portemonnaie oder ihrer sexuellen Identität. Alle hatten einen Platz in der Gemeinschaft. Und das war damals revolutionär! Das gab es woanders nicht. Und damit waren sie Orte des Friedens, trotz ihrer Verschiedenheit. Haben das Miteinander gestaltet beim Warten.
Und auch ich mit meiner Ungeduld, warte darauf, dass die Engel wieder rufen „Friede auf Erden“. Ganz ehrlich, in dieser Wartezeit 2023 helfen mir die Worte aus dem Jakobusbrief. Ich will mich an ihnen festhalten, bei allem Warten.
Seht, wie der Bauer auf die kostbare Frucht der Erde wartet: Er wartet geduldig, bis der Frühregen und der Spätregen gefallen sind. So seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen, denn das Kommen des Herrn steht bevor.
Ja, ich will warten auf den Frühregen der Liebe und den Spätregen der Gerechtigkeit.
Will warten darauf, dass eines Tages,
wenn die letzte Patrone verschossen
und die letzte Drohne abgestürzt ist,
wenn die letzten Eltern um ihre Kinder getrauert haben,
Zeit für Frieden ist.
Dann bricht eine neue Zeit an. Und dann, endlich, wird der Ruf der Engel wahr werden: „Friede auf Erden“. Dann ist Weihnachten, was auch immer das für eine Jahreszeit sein wird.
Amen.