Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Evangelium nach Lukas 2 (Luther 2017)
Nun ist es Heilig Abend geworden. Nach der kürzesten Adventszeit, die man haben kann. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber als wir gestern in der Kirche den Christbaum geschmückt haben, ist zum ersten Mal so ein Hauch von Weihnachtsgefühl bei mir eingezogen. Als der Herrnhuter Stern über der Krippe golden leuchtete, da wurde mein Herz warm.
Sonst war diese Adventszeit wirklich nochmal dunkler als sonst. Zu viele schlechte Nachrichten. Zu viele Schlagzeilen und das laute Trommeln der Populisten.
Dabei geht es mir eigentlich doch gut. Ich bin gesund, hab ein Dach über dem Kopf, einen Job, Familie und das Gefühl, etwas Sinnvolles im Leben zu machen.
Was sollen erst andere sagen?
Die jemanden verloren haben in diesem Jahr.
Die mit einer Diagnose umgehen müssen.
Oder erst die Menschen in den Kriegsgebieten: Ukraine, Gaza, Israel… Ich glaube darüber wird in vielen Predigten heute Abend gesprochen. Und das zu Recht. Denn die Geschichte von der Geburt Jesu, die spielt ja auch nicht in einem warmen Wohnzimmer unter dem Weihnachtsbaum. Jedes Jahr muss ich mich mühsam daran erinnern, dass die Bibel von ziemlich ungemütlichen Umständen erzählt, in denen das Christkind zur Welt kommt. Zu tief ist Weihnachten für mich mit der Vorstellung verbunden, dass es „besinnlich“ zugehen soll. Harmonisch und friedlich.
Aber die Weihnachtsgeschichte geht ganz anders: Da wird ein Kind geboren an einem Ort, wo die Eltern nicht zuhause sind. Sie haben buchstäblich „keinen Platz in der Herberge“, keinen Kreißsaal und keine Hebamme. Geschweige denn, einen Weihnachtsbaum.
Da kommen die Hirten. Auch nicht gerade Leute, die man zur Geburtstagsparty einladen würde. Aber: die meinen es ehrlich und staunen über das Neugeborene, dass der verheißene Friedensfürst sein soll.
Der „Retter der Welt“. Auf den wartet das jüdische Volk schon seit Jahrhunderten. Und der soll es sein? Ein Baby, klein und arm, mit „Migrationshintergrund“ und Fluchtgeschichte?
Gerade das dürfen wir in diesen Tagen nicht vergessen, wo Europa die Schotten dicht macht. Wenn Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, an den EU-Grenzen abgefangen werden und nur im Schnellverfahren gecheckt wird, ob sie überhaupt Schutz erhalten oder nicht.
Ich meine, diese Menschen suchen Rettung, genauso wie die Menschen in der Ukraine. Rettung vor dem Krieg, der ihnen aufgezwungen wurde. Genau wie die Menschen in Gaza. Rettung vor der humanitären Katastrophe. Und wie die Menschen in Israel. Rettung für die Geißeln.
Man könnte meinen, Weihnachten 2023 steht ganz im Zeichen der Rettung. So viele müssen gerettet werden. Und so viel muss gerettet werden. Viel davon könnten wir Menschen selber retten. Leben im Mittelmeer, das Klima, den Frieden.
Und was ist mit uns hier im friedlichen Deutschland? In unserem Dorf mit einer guten Gemeinschaft? Wer rettet uns?
Wer rettet uns vor dem schleichenden Gift der Spaltung? Wer rettet uns davor, die Welt einzuteilen in „wir“ und „die anderen“? Wer rettet uns vor den vermeintlich einfachen Antworten der Populisten? Vor dem Mistrauen gegen „die da oben“? Ja, wer rettet uns davor, dass wir die Welt nur noch schwarz sehen? Und Schuld daran sind immer die anderen?
Zurück zur Weihnachtsgeschichte. Diese Szene mit der Futterkrippe hat für mich etwas Tröstliches. Da ist das Licht des Sterns, das so golden leuchtet, wie die Rettungsdecke auf der Sea Watch 4 im Mittelmeer. Ein echter Hoffnungsschimmer! Und die Engel rufen: Fürchtet euch nicht! Trotz der krassen Umstände ist es eine Mutmachgeschichte. Die Rettung beginnt.
„Christ, der Retter, ist da!“ So heißt es in dem Lied, das wir gleich singen werden. In dieser „Stillen Nacht, heiligen Nacht“ wird unser Blick auf das Kind gelenkt. Denn Gott wird Mensch. Das kann man nicht erklären, nicht mit wissenschaftlichen Thesen und auch nicht mit bibelfestem Glauben. Gott wird menschlich. Am Ende rette uns genau das!
Viele können ja mit Gott heute nichts mehr anfangen. Für diejenigen, die noch an Gott glauben, ist es eher eine unbestimmte „höhere Macht“, die vielleicht das Universum zusammen hält. Für den christlichen Glauben ist Gott das zwar auch. Aber diese Macht hat sich gebunden. Aus freien Stücken ist Gott Mensch geworden. Menschlich, verletzlich, angreifbar. Seit Weihnachten kennt Gott unsere Ängste und unsere Sehnsucht nach Frieden. Seit Weihnachten wissen wir, wo wir nach dem Retter suchen müssen.
Gott wird menschlich, damit auch wir menschlich werden können.
Ja, Menschlichkeit ist die Rettung!
Wenn ich in meinem Gegenüber einen Menschen entdecke, der genauso Sorgen und Ängste wie ich. Wenn ich verstehe, dass im Grunde alle Menschen nach Glück und Geborgenheit suchen. Gut, bei manchen ist da im Leben was schief gelaufen. Aber tief im Herzen sehnt sich jede und jeder doch nach Nähe und Frieden. Als Menschen sind wir miteinander verbunden. So unterschiedlich wir auch sind.
Warum werden immer so sehr die Unterschiede betont? Warum eigentlich? Wir sind doch alle Menschen, und verdienen Mitgefühl. Es kostet so wenig, einander einen freundlichen Blick zu schenken. Ein Lächeln. Und manchmal auch ein Tränchen.
Ja, Gott wird menschlich, damit wir menschlich werden.
Die Menschlichkeit ist der Weg, der rausführt aus den Krisen unserer Zeit. Aus den selbstgemachten und den Krisen, die einfach so über uns hereinbrechen. Menschlichkeit ist der Weg, der von der Krippe aus Bethlehem bis hierher führt.
Wenn Gott Mensch werden. Können wir es auch. Du und ich.
Amen.