Licht im Dunkeln (2. Korinther 4,6-10)

Gott hat einst gesagt:
»Aus der Dunkelheit soll ein Licht aufleuchten!«
Genauso hat er es in unseren Herzen hell werden lassen.
Durch uns sollte das Licht der Erkenntnis aufleuchten:
Die Herrlichkeit Gottes sollte sichtbar werden,
die uns in Jesus Christus begegnet.
Wir tragen diesen Schatz aber
in zerbrechlichen Gefäßen.
So soll deutlich werden,
dass unsere übergroße Kraft von Gott kommt
und nicht aus uns selbst.
Wir stehen von allen Seiten unter Druck,
aber wir werden nicht erdrückt.
Wir sind ratlos, aber wir verzweifeln nicht.
Wir werden verfolgt,
aber wir sind nicht im Stich gelassen.
Wir werden zu Boden geworfen,
aber wir gehen nicht zugrunde.
Täglich erleben wir am eigenen Leib
etwas von dem Sterben, das Jesus erlitten hat.
Denn unser Leib soll auch das Leben zeigen,
zu dem Jesus auferstanden ist.

2. Brief an die Korinther, 4,6-10 (BasisBibel)

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde diese Welt gerade ziemlich dunkel. Und damit meine ich nicht das grau-trübe Januar-Wetter. Nein, mir geht die gesellschaftliche Wetterlage nicht aus dem Kopf.

Irgendwie habe ich immer gedacht, es wird schon wieder besser. Wir kriegen die Krisen in den Griff! Erst Corona, dann die Wirtschaft, Ukraine, Energiekrise, Inflation und Gaza-Krieg. Vom Klimawandel gar nicht zu sprechen. Dazu diese rechtsextreme Partei, die in Deutschland immer mehr Zulauf bekommt. All das macht mir Sorgen.

Doch das sind nur die „großen“ Baustellen. Hinzu kommen noch die persönlichen Tragödien in der Familie, im Freundeskreis. Wer in den letzten Wochen einen lieben Menschen verloren hat, erlebt jetzt schwere Tage der Trauer und man fragt sich, wie es weitergeht. Oder bei Jugendlichen: Wenn es Streit mit der Bestie gibt oder Stress mit den Eltern. Das kann man alles nicht gegeneinander ausspielen. Die gesellschaftlichen Probleme sind abstrakt und betreffen doch alle. Die persönlichen Sorgen sind ganz konkret, gelten aber nur im eigenen Umfeld.

Und nun, seit letzten Donnerstag, ist die Welt noch dunkler geworden. Wahrscheinlich haben es viele hier mitbekommen, dass eine Studie zu sexualisierter Gewalt in der evangelische Kirche veröffentlicht wurde. Es ist dramatisch, was da ans Tageslicht gekommen ist. Wie Pastoren und andere kirchliche Mitarbeitende ihre Verantwortung für die Menschen ausgenutzt und sich an Minderjährigen vergangen haben. Früher habe ich in Gesprächen immer wieder – neben aller Solidarität mit Betroffenen – darauf verwiesen, dass das Ausmaß dieser schrecklichen Übergriffe in der katholischen Kirche ja viel größer wäre als „bei uns“.

Jetzt kommen nicht nur schreckliche Taten ans Licht, die schon lange passiert sind und immer noch passieren. Nein, den Landeskirchen wird vorgeworfen, sie hätten viele Akten nicht rechtzeitig oder nicht in vollem Umfang zur Verfügung gestellt. Das wirft ein noch schlechteres Licht auf uns als Kirche und ich will mir gar nicht ausmalen, wohin dieser Vertrauensverlust noch führt. 

Wenn jetzt immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, kann ich das sogar nachvollziehen. Neben den Beschuldigten und den verurteilten Tätern hat auch die „Institution Kirche“ Schuld auf sich geladen. 

Da wird mir fast schwarz vor Augen. 
Dunkel wohin ich schaue.

Aber Gott hat einst gesagt: »Aus der Dunkelheit soll ein Licht aufleuchten!«

Es ist natürlich Zufall, dass ausgerechnet heute diese Worte aus dem Zweiten Korintherbrief von Paulus als Predigttext vorgegeben sind. Und doch kann ich damit gerade viel anfangen. 

„Aus der Dunkelheit soll ein Licht aufleuchten!“

Das ist ein Zitat. Es stammt aus der Schöpfungsgeschichte, also ganz am Anfang der Bibel. Die „Erde war wüst und leer und Finsternis lag auf der Tiefe“ heißt es dort. Und da hinein sprich Gott: „Es werde Licht!“ Und es wurde hell. 

Daran erinnert uns der Apostel Paulus mit seinem Brief. Gott schafft Licht in der totalen Dunkelheit. Gott schenkt Leben, wo es nicht möglich war. Uns Menschen ist das Licht ins Herz gegeben, so geht es bei Paulus weiter. Ich finde, das ist ein tolles Bild, gerade in unserer Zeit. Manchmal leuchtet es heller, manchmal ist es nur am glimmen. Paulus weiß, dass dieses Licht bei uns nur „in zerbrechlichen Gefäßen“ aufgehoben ist. Denn wir sind vergänglich, unsere Lebenszeit begrenzt. Nicht nur das: Ich fühle mich auch zerbrechlich, verletzlich, infrage gestellt angesichts der Krisen in der Welt und in der Kirche. Man könnte sagen: Unsere Komfortzone ist ziemlich geschrumpft. 

Ich frage mich schon, wie sollen wir als Christinnen und Christen, die noch zur Kirche gehören, in Zukunft glaubwürdig von Gottes Zärtlichkeit sprechen. Von ihrer großen Liebe zu allem, was lebt. Ja, wie können wir uns engagieren für Recht und Gerechtigkeit, für alle, die Unrecht erleiden, die Unterdrückt und diskriminiert werden? 

Und wie kann auch ich als Pastor in Zukunft noch vertrauenswürdig arbeiten? Seelsorge lebt ja von einem gewissen Maß an Intimität und Vertrauen?  Ehrlich, ich weiß es nicht. Nicht im Moment.

Da höre ich wieder Paulus, der den Christen in Korinth schreibt:

Wir stehen von allen Seiten unter Druck, aber wir werden nicht erdrückt.
Wir sind ratlos, aber wir verzweifeln nicht.
Wir werden verfolgt, aber wir sind nicht im Stich gelassen.

Das sind schon starke Worte. Voller Vertrauen. Ich meine, die Leute in Korinth standen wirklich auch unter Druck. Denn damals, in den ersten Gemeinden war es gefährlich, sich als Fans von Jesus Christus zu outen. Denn die wurden verfolgt, eingesperrt und umgebracht. Paulus selbst wurde immer wieder bedroht und schließlich in Rom hingerichtet. Und trotzdem, ganz ohne Komfortzone, ohne Kirchensteuern und doppelten Boden, spricht der Apostel vom Licht, das in unseren Herzen leuchtet. 

Ich möchte davon etwas abhaben, von dieser Zuversicht, von dem festen Glauben, dass Gottes Herrlichkeit aufscheint in unserem Tun und Lassen. Am Ende führt Paulus alles zurück auf Jesus: Auf sein Leben und Sterben.  Und seine Auferstehung. Diese Hoffnung ist Teil der DNA unseres Glaubens. Wenn es noch so dunkel aussieht, wenn alles schwierig und ausweglos scheint, dann müssen wir doch nicht verzweifeln. Denn da leuchtet dieses Licht im Herzen. In deinem Herzen. Und in meinem. 

Paulus sagt am Ende:

Unser Leib soll das Leben zeigen, zu dem Jesus auferstanden ist.

Das will ich mitnehmen in meinen Alltag. Gegen die drohende Dunkelheit. In den vielen Krisen der Zeit. Ich möchte so leben, dass die Menschen Vertrauen haben, nicht so sehr in mich als Person, sondern vor allem Vertrauen zu diesem Gott, der das Licht in den Herzen aufscheinen lässt. 

Und ich möchte, dass wir als Kirche auch hier im Lehrter Land so leben, dass sich wirklich jeder und jede bei uns gut aufgehoben fühlt. Dass wir ein Schutzraum sind, ein „Safe Space“ für Menschen, die sonst im Alltag ausgegrenzt und gemobbt werden. Denen das Leben nicht leicht fällt.

Ich möchte, dass meine Kirche sich der Verantwortung stellt bei der Aufarbeitung all der schrecklichen Taten. Schonungslos und radikal. Auch auf die Gefahr hin, dass wir dadurch noch weniger werden. Weniger Menschen, weniger Einfluss auf die Gesellschaft. Aber davor müssen wir keine Angst haben: 

Wir werden zu Boden geworfen, aber wir gehen nicht zugrunde.

Lieber aufrichtig und klar an der Seite der Betroffenen sein, statt im Verdacht zu stehen, irgendwas zu vertuschen oder nicht aufdecken zu wollen. Und ganz ehrlich: Vielleicht ist so ein Gottvertrauen auch ein Weg durch die anderen Krisen. Auch durch die persönlichen, die Zeit der Trauer und des Verlusts.

Ich brauche immer wieder die Erinnerung daran und vielleicht hilft es Dir auch: 

Gott hat einst gesagt:
»Aus der Dunkelheit soll ein Licht aufleuchten!«
Genauso hat er es in unseren Herzen hell werden lassen.

Lassen wir es leuchten. In der Dunkelheit. Jetzt!

Amen.

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