Weihnachten ohne Jesus (All I want for Christmas)

Es ist wie jedes Jahr. Kurz vor Heilig Abend, alle sind im Wohnzimmer. Aus der Box dudelt Maria Careys „All I want for Christmas is you“. Als wir die Krippe aufbauen, die traditionell unterm Weihnachtsbaum steht, fällt es unserer Jüngsten als erstes auf:
„Papa, wo ist Jesus?“ fragt sie beim Auspacken. 
„Na, der muss da in der Kiste sein, wo er hingehört.“ antworte ich. (Ihr müsst wissen, wir lagern die Krippenfiguren immer am gleichen Ort, in so einer durchsichtigen Ikea-Kiste, im Keller ganz hinten. Muss man ja eh nur einmal im Jahr ran.)
„Nee, da isser aber nicht!“ ruft K3.
Komisch, denke ich mir da schon. Wo soll er sonst sein? Ich meine, am Ende der Saison werden doch alle Krippenfiguren wieder ordnungsgemäß verpackt und eingelagert.  Bei uns ist das traditionell der 15. Januar. Dann wird auch der Baum geplündert und abgeschmückt. Warum genau, weiß ich gar nicht. Hat aber irgendwas mit dem finnischen Teil der Familie zu tun. 

Naja, jedenfalls gehen wir alle auf die Suche nach dem Jesuskind. Die ganze Ikea-Kiste wird ausgeräumt. Erstaunlich, was man da so alles noch findet, was scheinbar auch zur Krippe gehört. Der Stab von nem Hirten, den haben wir schon einige Jahre gesucht! Und auch ein Elefant aus Holz liegt da ganz unschuldig auf dem Boden der Kiste. Seltsam, ich erinnere mich gar nicht, dass Elefanten in der Weihnachtsgeschichte vorkommen? Habe ich vorhin wohl auch wieder überhört?

Wir suchen weiter. Gründlich, denn Weihnachten ohne Jesus – wird schwierig. Hab versucht, mir das vorzustellen. So nur Maria und Josef, die Engel, Hirten, Stall. Da fehlt doch was, etwas sehr Zentrales: Marias Blick, erschöpft von der Geburt unter nicht gerade klinischen Bedingungen, geht ins Leere. Und auch Josef, der immer noch so in bisschen zweifelnd dreinschaut, guckt auf die verwaiste Krippen. Kein Gottessohn, keiner der „o wie lacht“. 

Weihnachten ohne Jesus, das geht wirklich nicht. Da fehlt dann doch mehr als nur eine Holzfigur, da fehlt mir das Heilige. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, klappt das in unserem Land eigentlich schon ganz gut so ohne Jesus. Pünktlich zu Weihnachten berichten die Medien ja gerne, dass wieder so viele Menschen aus der Kirche ausgetreten sind. Dass zwei Drittel derjenigen, die noch in der Kirche sind, an Weihnachten gar nicht in einen Gottesdienst gehen und so weiter. Aber feiern tun sie Weihnachten doch alle. Irgendwie. Sogar Muslime oder Atheisten, Menschen jeder politischen oder sonstigen Überzeugung. 

Versteht mich nicht falsch, ich finde das super. Man muss die Feste ja feiern, wie sie fallen. Und Weihnachten gehört zum Festkalender der ganzen Welt. Dafür braucht man weder Christ sein, noch Kirchenmitglied.

Wie dem auch sei. Ich sitze im Wohnzimmer auf den Knien etwas ratlos, und hebe nochmal das Packpapier hoch, in das wir sonst die Figuren einwickeln. Vielleicht hat sich Jesus in einem Papierknäuel versteckt. Das ist ja der Nachteil von ihm. Zur Geburt ist das Baby ja sehr klein, also die kleinste unserer Krippenfiguren. Das kann dann schon mal abhanden kommen. Bei all dem Trubel. Aber auch diese Suche ist vergeblich.

Also Weihnachten ohne Jesus… Ausgerechnet in diesem Jahr? 2024? Wo so viele schwierige Dinge passiert sind? So viel Streit und schlechte Nachrichten? Ukraine, Israel, Gaza, Libanon, Syrien, Sudan. Immer mehr nationalistische Regierungen in Europa, und Putin reibt sich die Hände. Dazu der Bruch der Ampel-Regierung, am selben Tag wie die Präsidentenwahl in den USA! Und dann auch noch diese schreckliche Tat in Magdeburg, die einen fassungslos zurücklässt.

Mir wird schwindelig, wenn ich darüber nachdenke. Was für ein Jahr! Und jetzt fehlt auch noch Jesus. Mist. Wäre ja ganz gut, wenn der noch auftaucht. Auch wenn nicht mehr alle was mit ihm als „Sohn Gottes“ anfangen können und andere ihn dagegen für das Maß wirklich aller Dinge halten.

Aber es geht ja um seine Botschaft. Dass Menschen miteinander menschlich umgehen sollen. Bei aller Kritik und unterschiedlicher Ansichten in der Sache, das scheint mir in diesem Wahlkampf besonders wichtig zu sein. Oder dass es immer möglich ist, wieder neu anzufangen. Nicht vom Alten festgehalten zu sein, sondern umzukehren, wenn man einen Fehler erkannt hat. 

Das Leben von diesem Jesuskind wird der Welt ein Beispiel geben. Das Reich Gottes, also eine neue Qualität im Miteinander, bricht an. Immer wieder. Nicht erst nach dem Tod.  Und genau dieser Jesus wird einmal ans Kreuz genagelt. Aus Solidarität mit all denen, die sich nicht wehren können. Als Konsequenz seiner Botschaft von der Liebe, die wirklich alles umgibt. Einer der sagen wird: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Liebt eure Feinde. Der geht ans Kreuz und besiegt den Hass.

Ohne diesen Jesus, ohne seine Botschaft Weihnachten feiern im Jahr 2024? Das wäre doch… 

„Papa, ich hab ihn!“ ruft da das Mittelkind.
Und mir fällt ein Stein vom Herzen. Tatsächlich, da ist das kleine Holzjesuskindbaby. Und dann verstehe ich: Er war gar nicht weg! Er war da. Die ganze Zeit, das ganze Jahr über: Lag einfach in dem Körbchen auf dem Klavier, da wo die Weihnachtskarten vom letzten Jahr auch noch liegen.

Puh, denke ich. Das war knapp. Aber irgendwie kann es jetzt doch auch richtig Weihnachten werden, trotz allem! Und mein Wunsch wurde erhört: “All I want for Christmas is you”, Jesus!

Amen.

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