Auf dem Prüfstand (Mt 4,1-11)

Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt.
Dort sollte er vom Teufel auf die Probe gestellt werden.
Jesus fastete 40 Tage und 40 Nächte lang.
Dann war er sehr hungrig.
Da kam der Versucher und sagte zu ihm:
»Wenn du der Sohn Gottes bist, befiehl doch,
dass die Steine hier zu Brot werden!«
Jesus aber antwortete:
»In der Heiligen Schrift steht:
›Der Mensch lebt nicht nur von Brot.
Nein, vielmehr lebt er von jedem Wort,
das aus dem Mund Gottes kommt.‹«
Dann nahm ihn der Teufel mit in die Heilige Stadt.
Er stellte ihn auf den höchsten Punkt des Tempels
und sagte zu ihm:
»Wenn du der Sohn Gottes bist, spring hinunter!
Denn in der Heiligen Schrift steht:
›Er wird seinen Engeln befehlen:
Auf ihren Händen sollen sie dich tragen,
damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.‹«
Jesus antwortete:
»Es steht aber auch in der Heiligen Schrift:
›Du sollst den Herrn, deinen Gott,
nicht auf die Probe stellen!‹«
Wieder nahm ihn der Teufel mit sich,
dieses Mal auf einen sehr hohen Berg.
Er zeigte ihm alle Königreiche der Welt
in ihrer ganzen Herrlichkeit.
Er sagte zu ihm: »Das alles will ich dir geben,
wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest!«
Da sagte Jesus zu ihm: »Weg mit dir, Satan!
Denn in der Heiligen Schrift steht:
›Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten
und ihn allein verehren!‹«
Daraufhin verließ ihn der Teufel.
Und es kamen Engel und sorgten für ihn.
(Mt 4,1-11 BasisBibel)

Es sind wirklich schwierige Zeiten. Wenn ich so die Nachrichten verfolge, komme ich irgendwie nicht mehr hinterher. 
Jeden Tag haut der amerikanische Präsident wieder eine neue Schlagzeile raus.
Die Weltordnung, die sich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gebildet hat, gerät ins Wanken. 
Die Ukraine kämpft im dritten Jahr um die Verteidigung ihres Landes. Und sie kämpft auch für unsere Freiheit in Europa. 

Immerhin ist die Bundestagswahl vorbei, zum Glück. Ich konnte das unbarmherzige Gegeneinander im Wahlkampf kaum ertragen. Nun versuchen demokratische Parteien, sich schnell zu einigen und eine stabile Mehrheit hinzubekommen.

Und doch… Doch merke ich gerade am Beginn dieser Passionszeit, wie sehr mich die Lage in der Welt anstrengt, ja fast schon überfordert. 

Es wird mir alles zu viel. 

Ich, der ich eigentlich ein Nachrichten-Junkie bin, spüre gerade die große Versuchung, mich vom Weltgeschehen gefühlsmäßig zu entkoppeln. Am liebsten gar nichts mehr mitbekommen. Nichts damit zu tun haben wollen, was gerade in der Welt so abgeht. Wo ich hinschaue, treffe ich Leute, denen es ähnlich geht. Wenn man so will, haben solche Versuchungen derzeit Hochkonjunktur.

Aber es gibt noch mehr viel mehr Versuchungen. Und damit meine ich jetzt nicht die, dass man Süßigkeiten isst  in der Fastenzeit oder generell das Glas zu viel. Nein, es geht mir um die Versuchungen, die uns das Leben angeblich leichter machen wollen und angenehmer. Und die sich am Ende doch irgendwie nicht richtig anfühlen.

Es ist, als wenn sich einer neben mich stellt und mir Angebote macht, wie mein Leben leichter sein könnte. Woher diese innere Stimme kommt, kann ich gar nicht sagen. Aber sie ist da.Vielleicht ist es der „Versucher“. Einer, der mich auf die Probe stellt. Versucher, das ist in der Bibel eine der vielen Bedeutungen des Teufels, oder auch Satan, Diabolos. 

Jesus kann ein Lied davon singen, wie sich das anfühlt. Ich meine, 40 Tage hat er gefastet! 40 Tage dauert auch unsere Fastenzeit bis Ostern. Kein Wunder also, dass er danach Hunger hat. Nach so einer Zeit wäre doch jeder schwach und angreifbar.

Für viele von uns ist das der klassische Ansatzpunkt im Leben. Dann kommen die Versuchungen. Dann, wenn wir besonders angreifbar sind. Wenn unsere Bedürfnisse groß sind und unsere Kraft klein. Da muss gar nicht wie jetzt bei mir die Weltpolitik ausschlaggebend sein. 

Es gibt ja genug andere Momente im Leben, die uns verletzlich machen:

Eine unklare Diagnose zum Beispiel, wenn man nicht weiß, was eigentlich gerade mit der Gesundheit los ist. 

Oder die Unzufriedenheit mit sich selbst, wenn man sich im Spiegel anschaut und einfach nur doof findet. 

Auch wenn man um einen Menschen trauert, der lange zu einem gehört hat und jetzt nicht mehr da ist. 

Immer dann, wenn die inneren Kräfte scheinbar aufgebraucht sind, hat der Versucher leichtes Spiel. 

Das muss gar keine Person sein. Ich werde besonders auf TikTok oft gefragt, ob ich „an den Teufel glaube“. Und ich antworte dann immer: „Den Teufel“, den gibt es für mich so nicht. Aber teuflische Gedanken, die habe ich schon kennen gelernt. Und die Versuchung gehört dazu. 

Wahrscheinlich nennt das Matthäusevangelium deshalb den Teufel auch „Versucher“ oder „Prüfer“.

Ich finde, die Geschichte von der Versuchung in der Wüste ist eine Geschichte über die Kraft, Nein zu sagen – auch dann, wenn die Verlockung groß ist. Es ist eine Geschichte über Vertrauen und die Frage, was uns wirklich trägt.  Der Versucher schlägt ja Jesus vor, Steine in Brot zu verwandeln – warum sollte er nicht seinen Hunger stillen, wenn er es doch kann? Er fordert Jesus auf, sich vom Tempel zu stürzen – schließlich wird Gott ihn doch retten, oder? Und er bietet Jesus Macht und Reichtum an, wenn er ihn nur anbeten würde. 

Es sind drei große Versuchungen: Genuss, Sicherheit und Macht. Aber Jesus widersteht. Er bleibt bei Gott und bleibt damit sich selbst treu. 

Vielleicht ist das auch für mich ein Weg, um den Versuchungen zu widerstehen? 

Der Versuchung, sich nur noch um sich selbst zu kümmern und andere zu vergessen. 

Der Versuchung, in Wut oder Hass zu verfallen, weil es so viel einfacher erscheint als Vergebung und Frieden. 

Der Versuchung, den einfachsten Weg zu wählen, Kopf in den Sand, auch wenn er nicht aufrichtig ist.  

Wie oft locken einfache Lösungen, schnelle Antworten, vermeintliche Sicherheiten? Doch bei Jesus lerne ich: Nicht alles, was leicht wäre, wäre auch gut. 

Wie können wir also den Versuchungen widerstehen? Am Aschermittwoch hat die Fastenaktion der evangelischen Kirchen angefangen. Das Motto heißt dieses Jahr: „Luft holen! Sieben Wochen ohne Panik“. 

In den Wochen bis Ostern werden sich die Situationen, die uns in Panik, Angst oder Trauer versetzen, zwar kaum ändern. Aber wir können unsere Widerstandskräfte stärken. Wir können uns der Realität zwar nicht verschließen, aber wir können ändern, wie wir darauf reagieren. Wir können unsere Gefühle zwar nicht abstellen, aber wir können unsere Gedanken immer wieder auf das lenken, was gut ist und hilfreich. 

Wir können unseren Atem bewusst steuern. Wir können auf Ablenkung verzichten und stattdessen einmal tief durchatmen. Wir können uns so tatsächlich der Versuchung verweigern, die uns fliehen lassen will vor den Herausforderungen, die jeder und jede einzelne von uns derzeit hat. 

Halten wir uns an das, was wirklich zählt. An die Liebe, die Gott uns geschenkt hat. An den Mut, Gutes zu tun für andere, auch wenn es schwer fällt. An den Glauben, dass Gott uns trägt, auch in unsicheren Zeiten.  Amen.

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