Neulich ist es mir mal wieder aufgefallen: Da war ich mit jemandem unterwegs, der war irgendwie erst ganz nett. Und plötzlich wurde er anders. Reagierte auf eine Kleinigkeit mit einem großen Theater. Und ich stand ratlos daneben und wusste wirklich nicht, was da gerade bei ihm abging. Vielleicht hat ihn irgendwas getriggert? Vielleicht war er schon die ganze Zeit angespannt und dann brachte diese Kleinigkeit das Fass zum Überlaufen? Boah, dachte ich mir. Keine Ahnung, Menschen sind halt wie Eisberge. Man sieht nur die Spitze.
Und tatsächlich: So ein Eisberg ist ein faszinierendes Naturphänomen. Wenn er im Meer treibt, wirkt er groß und mächtig. Doch tatsächlich kann man nur einen Bruchteil von ihm sehen. Etwa ein Zehntel ragt über die Wasseroberfläche hinaus – der weitaus größere Teil, 90 Prozent, bleibt unsichtbar. Kein Wunder also, wenn man manchmal so sagt: Menschen sind wie Eisberge.
Auch bei uns sieht man nur die Spitze: das, was wir zeigen – unser Gesicht, unsere Kleidung, unsere Gesten, manchmal auch unsere Leistungen. Aber das meiste bleibt verborgen: Nämlich unsere Ängste, Hoffnungen, Sorgen, Verletzungen, Sehnsüchte oder die Fragen, die uns nachts nicht schlafen lassen.
Manchmal wünschte ich mir, dass ich den ganzen Eisberg – Pardon – den ganzen Menschen sehen könnte. Mit allem, was ihn ausmacht. Leider bleibt dies nur ein Wunsch.
„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an.“ (1. Sam 16,7)
Das stammt aus der Geschichte, wie David zum König von Israel gemacht werden soll. Der Prophet Samuel bekommt von Gott den Auftrag, einen neuen König salben. Er schaut auf die Söhne von Isai. Stark, groß, eindrucksvoll – besonders Eliab, der Älteste. Samuel denkt: „Das ist er.“ Aber Gott widerspricht: „So siehst du, Samuel. Doch ich sehe tiefer. Ich sehe das Herz.“ Und Gott wählt nicht den Starken, nicht den Erfahrenen – sondern den Jüngsten, den Hirtenjungen David. Ja, genau der David von „David gegen Goliath“. Klein und schlau.
Samuel hat es so gemacht, wie wir Menschen halt sind: Wir urteilen schnell nach dem, was man sehen kann. Nach dem, wie die Spitze aussieht. Wie oft bilden wir uns ein Urteil nach Äußerlichkeiten! Nach Aussehen, Kleidung, Herkunft, Leistung. Ich sehe die Eisbergspitze – und meine, damit alles erkannt zu haben. Aber so werden wir einander nicht gerecht.
Aber Gott sieht tiefer.
Gott sieht, was verborgen ist. Gott erkennt, was uns antreibt, was uns bedrückt, was uns verletzt. Und sie sieht nicht nur unsere dunklen Seiten – sie sieht auch das Gute, das andere oft übersehen. Gott kennt die verborgenen Talente, die Liebe im Herzen, unsere Sehnsucht nach Frieden.
Gottes Blick ist ein liebender Blick. Es ist nicht der Blick eines Richters, der alles ans Licht zerrt, um es bloßzustellen. Es ist eher der Blick eines Vaters, einer Mutter, die ihr Kind ansieht: voller Zuneigung, voller Geduld, voller Vertrauen.
Darum gilt: Vor Gott muss ich nicht so tun, als wäre die Spitze meines Eisbergs alles, was ich bin. Ich darf ehrlich sein, mit allem, was darunter liegt. Gott kennt mein Herz – und liebt mich trotzdem.Lasst uns mal einen Moment Zeit nehmen und überlegen: Was sieht man bei mir, bei dir nur an der Oberfläche? Was trägst du verborgen in deinem Herzen? Was kann – wenn überhaupt – nur Gott sehen?
Ich finde, das Bild vom Eisberg kann uns auch helfen, achtsamer miteinander umzugehen. Wenn ich mir immer mal wieder bewusst mache: Von jedem Menschen sehe ich nur die Spitze, dann kann ich vorsichtiger urteilen. Dann kann ich mir sagen: „Da steckt bestimmt mehr dahinter, als ich gerade sehe.“ So wächst Verständnis. Und auch Barmherzigkeit.
Zum Schluss noch ein Gedanke: Wir Menschen sind wie Eisberge – sichtbar und verborgen zugleich. Menschen sehen nur die Spitze. Gott aber sieht das Ganze. Und sein Blick ist voller Liebe.
Amen.