Drüben (Offb 21,1-5)

Dann sah ich einen neuen Himmel
und eine neue Erde.
Denn der erste Himmel und die erste Erde
sind vergangen,
und das Meer ist nicht mehr da.
Und ich sah die heilige Stadt: das neue Jerusalem.
Sie kam von Gott aus dem Himmel herab.
Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her rufen:
»Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen!
Er wird bei ihnen wohnen,
und sie werden seine Völker sein.
Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein.
Er wird jede Träne abwischen von ihren Augen.
Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben,
kein Klagegeschrei und keinen Schmerz.
Denn was früher war, ist vergangen.«
Der auf dem Thron saß, sagte:
»Ich mache alles neu.«

Offenbarung des Johannes 21,1-5 (BasisBibel)

Drüben ist Ruhe
drüben ist Frieden
drüben sind alle gleich
drüben ist jeder irgendwann
drüben 
kommt jeder sicher an
und dann
keine Sehnsucht
keine Tränen
keine Sorgen
ohne Gestern
ohne Heute
ohne Morgen
drüben ist Ruhe
drüben ist Frieden
drüben sind alle gleich
drüben ist jeder irgendwann
drüben 
kommt jeder sicher an
und dann
nie mehr warten
nie mehr suchen
nie mehr frieren
nichts begehren
nichts besitzen
nichts verlieren
drüben ist jeder irgendwann
drüben 
kommt jeder sicher an
und dann
drüben ist Ruhe
drüben ist Frieden

Rolf Zuckowski „Drüben“

„Drüben ist Ruhe, drüben ist Frieden“ so heißt es im Lied von Rolf Zuckowski. „Drüben“ – das ist ein ungewöhnliches Wort. Drüben ist irgendwo da hinten, 
auf der anderen Seite, irgendwo jenseits von dem, wo wir sind oder was wir gerade greifen können.

Immer wieder haben mich viele gefragt, wo ihre Lieben denn jetzt sind. Ja, wo sind diejenigen, die wir in diesem Jahr zu Grabe getragen haben. Wo?
Denn der Platz am Tisch ist leer,
das Handy schweigt, ein Stuhl zu viel. Steht stumm in der Ecke.
Wer einmal im Leben wirklich Abschied nehmen muss, weiß: Das Leben ist viel zerbrechlicher, als wir immer dachten.

Wo sind die, die wir vermissen und die uns fehlen? Sind sie „drüben“?

Die Bibel spricht auch von einem „Drüben“. Sie kennt das Wort zwar nicht, aber sie erzählt davon mit ähnlichen Bildern. Wie in der Vision vom Ende der Welt aus der Offenbarung des Johannes. Da ist die Rede von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Von einer Stadt, in der Gott mitten bei den Menschen wohnt.

Und dann dieser große Satz: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz.“ Diese Wort wurden in eine Zeit hinein geschrieben, in der Menschen unter Verfolgung, Gewalt und Angst leiden. Es ist ein Text für Leute, denen das Leben gerade alles andere als leicht fällt. Und deswegen sind diese Worte so ehrlich: 
Sie machen die Tränen nicht klein.
Sie rechnen mit dem Schmerz.
Aber sie sagen auch:
Das Letzte, was über deinem Leben stehen wird – ist nicht der Tod, nicht der Schmerz, nicht das Leid. Sondern Gott selbst wird die Tränen abwischen.

Nicht irgendein Engel, kein spezieller Algorithmus, nein, es ist Gott persönlich! So stellt sich die Bibel das vor: Gott ganz nah, ganz zärtlich, wie jemand, der mir die Tränen vorsichtig aus dem Gesicht streicht.

Das Lied „Drüben“ ist für mich wie eine moderne Auslegung dieses biblischen Bildes. Es fasst in einfache Worte, was Christinnen und Christen schon immer glauben, hoffen: Dass es bei Gott einen Ort gibt – oder besser: eine Wirklichkeit – in der Frieden ist, in der Menschen heil werden, in der niemand übersehen wird.

„Drüben sind alle gleich“ – das ist ein sehr starkes Bild: Da spielt es nämlich keine Rolle mehr, wie erfolgreich jemand war, wie reich, wie angesehen. Ja, und auch wie alt oder jung. Kein Vergleich, kein Konkurrenzkampf mehr. Nur noch Gott und wir – und diese Liebe, die bleibt.

Solche Worte sind zart. Man kann sie nicht wie ein Pflaster auf frische Wunden kleben und sagen: „Na, jetzt ist doch alles gut.“

Für manche liegt der Abschied ganz nah, und vielleicht könnt ihr heute nur denken: „Es tut weh. Wie gerne hätte ich ihn, hätte sie noch bei mir.“ Aber der christliche Glaube hat, wie ich finde, etwas sehr Ehrliches: Er sagt nicht: Weil es drüben schön ist,  ist es hier egal. Sondern: Weil wir glauben, dass es drüben gut ist, dürfen wir hier traurig sein. Wir dürfen weinen, wir dürfen vermissen, wir dürfen auch Gott unsere Fragen hinwerfen nach dem „Warum“.

Diese Frage ist nicht gottlos. Sie steht in der Mitte der Bibel. Und ich glaube: Gott hält diese Frage aus. Die Offenbarung des Johannes zeigt uns nicht alle Details, wie es „drüben“ sein wird. Sie gibt keine Landkarte des Himmels.

Dafür macht sie etwas anderes: Sie zeichnet uns ein Gegenüber, mit sanften Strichen:  Gott sagt:  „Siehe, ich mache alles neu.“ Alles neu – das heißt: Auch das, was bei uns unversöhnt geblieben ist. Beziehungen, in denen wir verletzt wurden. Worte, die wir nicht mehr zurücknehmen können. All das ist Gott nicht egal. Gott sieht die ganze Geschichte eines Menschenlebens, auch die Schatten und Abgründe. Aber Gott ist größer als unser Versagen. Vielleicht ist das für den einen oder die andere heute der wichtigste Gedanke: Unsere Verstorbenen sind nicht mehr in unserer Hand – aber sie sind in Gottes Hand.

Und: Auch wir selbst sind in Gottes Hand. Mit unserer Trauer, mit unserer Müdigkeit, mit unserer Hoffnung, die manchmal ganz klein geworden ist. Manchmal, wenn ich dieses Lied „Drüben“ höre, stelle ich mir vor: Unsere Verstorbenen sind an einem Ort angekommen, den wir noch nicht sehen können. Aber eines Tages werden wir ihnen nicht mehr nur hinterherschauen, sondern uns wiedersehen – in einer Wirklichkeit, in der Gott alles zurecht bringt.

Bis dahin bleiben wir hier. Mit all dem, was zu unserem Leben gehört. Mit unserem Alltag, unsere Aufgaben, unsere Beziehungen.Und vielleicht ist es ja auch eine Einladung dieses Tonnensonntags: Dass wir unser Leben hier „hüben“ bewusst gestalten –

in der Liebe, im Vertrauen, im Respekt voreinander – und getragen von der Hoffnung, dass unser Ziel „drüben“ bei Gott ist.

Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das letzte Wort spricht Gott – und dieses Wort heißt: Leben.
Amen.

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