Vergilbtes Foto (Mt 3,13-17)

Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen.
Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten.
Er sagte: »Ich müsste doch eigentlich von dir getauft werden! Und du kommst zu mir?«
Jesus antwortete: »Das müssen wir jetzt tun.
So erfüllen wir, was Gottes Gerechtigkeit fordert.«
Da gab Johannes nach.
Als Jesus getauft war,
stieg er sofort aus dem Wasser.
In diesem Moment öffnete sich der Himmel über ihm.
Er sah den Geist Gottes,
der wie eine Taube auf ihn herabkam.
Da erklang eine Stimme aus dem Himmel:»
Das ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude.«
(BasisBibel)

Zwischen den Jahren ist ja so eine besondere Zeit. Endlich mal nicht von Termin zu Termin hetzen, die Familie ist wieder weg und alle offiziellen Feiern sind vorbei. 

Ich hätte es mir zwar anders gewünscht, aber bei uns zuhause wurde zwischen den Jahren ordentlich umgeräumt. 

Unsere Kinder werden gerade zu Jugendlichen und da muss natürlich einiges verändert werden. Und wie das so ist: Wenn man erstmal an einer Stelle anfängt aufzuräumen, dann geht das so weiter. 

Und dabei ist mir ein altes, vergilbtes Foto von meiner Taufe in die Hände gefallen.

Menschen in den für die 70er Jahre typischen Klamotten, vor der Kirche. Ich weiß, es war der Tag des Endspiels um die Fußballweltmeisterschaft. Und deshalb endete die Feier wohl in einer Kneipe vor dem öffentlichen Fernseher. So wurde es mir erzählt.

Wer von euch erinnert sich noch an die eigene Taufe?
Ich meine, wahrscheinlich nicht viele. Denn die meisten sind ja doch als Babys getauft worden.

Und trotzdem: Auch wenn wir uns nicht erinnern – die Taufe erinnert sich an uns.
Sie steht da wie ein Zeichen über unserem Leben. Leise vielleicht. 
Aber klar.

Heute wird ja generell viel hinterfragt. Auch an der Kirche. 
Und auch die Taufe leuchtet vielen nicht mehr ein:
„Braucht man das noch?“
„Ich kann doch auch so an Gott glauben.“
„Warum soll ich mein Kind taufen lassen – was bringt das?“
„Mein Kind soll später mal selbst entscheiden, mir ist das doch egal.“

Ich verstehe diese Fragen. Wirklich.
Denn Taufe kann von außen ziemlich seltsam aussehen: Wasser auf den Kopf, alte Worte, ein bisschen Ritual. Und dann soll das etwas „Großes“ sein?

Vielleicht hilft ein zweiter Blick. 
Und der Blick geht heute an den Fluss Jordan:

Da steht Johannes. Kein gemütlicher Typ, so „Alles gut“-mäßig. Nein. 
Eher so einer, der nicht lange um den heißen Brei redet und unangenehme Sachen sagt. „Kehrt um. Schaut hin. Ändert was.“

Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – stehen die Leute Schlange.
Weil sie merken: Da ist was dran.
Weil sie spüren: Ich brauche nicht noch eine Meinung. 
Ich brauche einen neuen Anfang.
Und dann steigen sie ins Wasser. 
Wie ein Zeichen: 
Ich will neu anfangen. 
Ich will sauber werden. 
Ich will nicht festkleben an dem, was schiefgelaufen ist.

Und dann kommt Jesus dazu.

Das ist der Moment, der mich jedes Mal trifft: Jesus kommt nicht wie so ein VIP, ein Promi.
Nicht mit Sonderrechten.
Er stellt sich einfach dazu.
Mitten unter die anderen.

Aber Johannes merkt sofort: 
„Das passt doch nicht. Eigentlich müsste ich von dir getauft werden!“
Und Jesus sagt ganz gechillt: 
„Doch, doch. So machen wir das.“

Warum?
Weil Jesus von Anfang an zeigt: 
Ich stehe nicht über euch. 
Ich stehe neben euch.

Ich gehe dahin, wo Menschen ihre Lasten nicht mehr allein tragen wollen.
Wo sie spüren: 
So wie es ist, soll es nicht bleiben.
Ich mische mich nicht erst ein, wenn alles schön und heilig ist.
Ich steige ins Wasser, hinein in euer echtes Leben.

Und dann geschieht das, wofür diese Geschichte seit Jahrtausenden erzählt wird:
Der Himmel öffnet sich.
Der Geist Gottes kommt wie eine Taube.
Und eine Stimme sagt:
„Das ist mein geliebter Sohn. 
An ihm habe ich Freude.“

Das ist kein Satz für die Kirchenwand.
Das ist ein Satz fürs Leben.
Weil er nicht mit „Du musst“ anfängt.
Sondern mit „Du bist“.

Und genau da liegt für mich das Geheimnis der Taufe.

Taufe bedeutet nicht: 
„Jetzt gehörst du zu den Guten.“
Taufe heißt nicht: „Jetzt wird dein Leben garantiert leichter.“
Taufe meint auch nicht, dass du jetzt religiös genug bist.

Taufe, das bedeutet: Gott sagt Ja.
Bevor du irgendwas vorweisen kannst.
Bevor du dich bewährst.
Bevor du alles im Griff hast.

So wie bei Jesus: Diese Zusage kommt, bevor er predigt, bevor er heilt, bevor er Konflikte aushält, bevor er ans Kreuz geht.
Am Anfang steht nicht Leistung. 
Am Anfang steht Liebe.

Und wenn heute ein Kind oder ein Erwachsener getauft wird, dann ist das im Kern genau das:
Ein Mensch bekommt zugesprochen:
Du gehörst zu Gott.
Du bist Gottes Kind, gehalten von Gott in dieser Welt.

Jetzt könnte jemand sagen: 
„Okay, klingt alles schön. 
Aber was bringt mir das im Alltag?“

Gute Frage.

Denn wir wissen ja: 
Die Taufe ist kein Schutzanzug.
Sie verhindert keinen Streit.
Sie verhindert keine Krankheit.
Sie verhindert nicht, dass die Welt manchmal anstrengend, unsicher und laut ist, so wie in diesen Tagen.

Auch Jesus – der Getaufte, der „geliebte Sohn“ – erlebt alles, was uns im Leben Angst machen kann:
Ablehnung. Verrat. Einsamkeit. Schmerz. Und am Ende den Tod.

Die Taufe nimmt das Leid nicht weg.
Aber sie setzt ein Zeichen dagegen.
Wie ein Anker.
Die Taufe sagt:
Du bist Gottes geliebtes Kind.
Und das heißt: Du musst es nicht erst verdienen. Du darfst zuerst da sein.

Und noch etwas: 
Die Taufe stiftet Gemeinschaft, sie macht aus dir und dir ein „wir“.
Man nennt es die Familie Gottes, Geschwister – ein großes Wort, ja ich weiß. Aber es meint etwas sehr Konkretes:
Niemand muss alles allein schaffen.
Glaube heißt: „Ich darf getragen werden – und ich trage mit.“

Vielleicht ist das die eigentliche Kraft in dieser schwierigen Zeit:
Dass wir Menschen nicht nur nach Meinung sortieren.
Nicht nach „dafür oder dagegen“.
Nicht nach „die da“ und „wir hier“.
Sondern dass wir uns daran erinnern: Wir sind zuerst einmal Menschen. Geliebte. Verletzliche. Suchende. Und vor Gott: Kinder.

Und dann kann es passieren, dass man anders in die Woche geht.
Nicht ohne Sorgen. Die bleiben.
Aber mit einem anderen Grundton.

Wie bei meinem vergilbten Tauffoto: Ich erinnere mich nicht an den Moment.
Ich weiß nicht mehr, 
wie das Wasser sich angefühlt hat.
Aber dieses Bild sagt mir: 
Da gab es Menschen, die mir Gutes gewünscht haben.
Und da gab es – tiefer noch – einen Zuspruch Gottes, der älter ist als meine Erinnerung.

So ist das mit Getauften in der Welt:
Wir müssen nicht alles perfekt machen.
Nicht alles aufräumen, in der Wohnung wie im Inneren.
Sondern einfach wieder hören, was am Anfang steht:

Du gehörst zu Gott.
Du bist nicht allein. Du hast Geschwister, die auch Kinder Gottes sind.
Und nichts – wirklich nichts – kann dich trennen von Gottes Liebe.

Das ist mal ein Anfang!

Amen.

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