Wasser in Zeiten der Dürre (Jeremia 14,1-9)

Das ist das Wort des Herrn,
das er Jeremia wegen der Dürre mitgeteilt hat:
Juda liegt traurig da,
seine Tore sind verfallen.
Trauernd sind die Menschen zu Boden gesunken,
Klagegeschrei steigt auf aus Jerusalem.
Die Reichen schicken ihre Diener, um Wasser zu holen.
Sie gehen zu den Zisternen,
aber sie finden kein Wasser mehr.
Sie kehren mit leeren Krügen zurück.
Enttäuscht und betrübt verhüllen sie ihren Kopf.
Der Erdboden hat lauter Risse,
weil es nicht geregnet hat.
Auch die Bauern sind betrübt und verhüllen ihren Kopf.
Selbst die Hirschkuh lässt ihr Junges im Stich.
Gleich nach der Geburt hat sie es verlassen,
weil es nirgendwo mehr Gras gibt.
Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen
und hören sich an wie heulende Schakale.
Ihre Augen sind trüb geworden,
denn weit und breit wächst kein Grün mehr.
Das Volk betet um Hilfe.
Ach Herr, unsere Schuld klagt uns an,
aber hilf uns doch um deines Namens willen!
Wir haben viel Schlimmes getan und uns so gegen dich gestellt.
Doch du bist die Hoffnung Israels,
unser Retter in Zeiten der Not!
Warum interessieren wir dich dann nicht?
Unser Land scheint dir gleichgültig wie einem Fremden,
wie einem Wanderer, der nur eine Nacht bleibt.
Warum tust du so, als ob du nicht helfen kannst?
Warum bist du wie ein Held, der nicht retten kann?
Dabei bist du doch mitten unter uns, Herr, und wir tragen deinen Namen!
Lass uns doch nicht im Stich!
(Jeremia 14,1-9 BasisBibel)

Es gibt Zeiten, da trocknet nicht nur der Boden aus.
Da vertrocknet auch das Vertrauen.
Meine Geduld wird rissig.
Und dieses Grundgefühl, dass die Welt irgendwie… gehalten ist, zerbröselt zu Staub.

Das kann manchmal ganz schnell so gehen. Wenn Beziehungen zerbrechen oder der Tod unerwartet durch die Hintertür kommt. 
Eine Diagnose oder einfach das Gefühl, mit der Welt und ihrem Tempo überfordert zu sein. Das kann jeder und jedem von uns hier passieren.

Und manchmal sitze ich abends auf dem Sofa – klicke noch ein Video, noch ein Push, noch eine Analyse – und ich merke: Das alles macht mich gar nicht klüger. Es macht mich nur unruhiger.

Grönland. Ukraine. Unsere Demokratie unter Stress. Menschen, die wieder „Wir gegen die“ spielen – als wäre das ein Sport. Der verrückte Mann in Washington, der macht, was er will. 
Und über allem schwebt dieses Gefühl: Regeln gelten nur noch, wenn die Mächtigen es wollen.

Es fühlt sich dann so an, als würde um mich herum immer trockener. (Und das hat ausnahmsweise mal nichts mit dem Klimawandel zu tun.) 

Wie gut finde ich mich da wieder in dem alten Text aus dem Jeremia-Buch. 
Der eignet sich nicht gerade als Kalenderspruch, kein „Kopf hoch“.
Denn da ist Dürre. Risse in der Erde. Leere Brunnen. Menschen, die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll. Tiere, die verdursten.

Und dann passiert etwas, das ich stark finde:
Die Leute fangen an zu beten – nicht besonders fromm, oder elegant. sondern ziemlich roh:
„Gott, wo bist du?“ fragen sie. „Warum wirkst du wie ein Fremder? Wie einer, der nur kurz vorbeischaut? So tut, als ob er nicht helfen kann?“

Ehrlich, das ist kein hübsches Gebet.
Das ist ein Gebet, wie es klingt, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht.

Zur der Zeit, als der Prophet Jeremia aufgetreten ist, war die Gleichung oft simpel:

Wenn Schlimmes passierte, haben die Leute gedacht, dass sie was falsch gemacht haben und Gott sie bestraft.

Heute würden viele sagen: „Quatsch.“ Und das zurecht. Wenn überhaupt noch jemand was mit „Gott“ anfangen kann, dann doch nicht als der, der für den ganzen Mist hier verantwortlich ist.

Und trotzdem: Wir sind gar nicht so weit weg von diesem Denken.
Denn Menschen lieben Zusammenhänge. Wir wollen doch immer einen Grund für das, was passiert. Eine Erklärung, die das Chaos sortiert. Oder eben einen Schuldigen, den man verantwortlich machen kann.

Wenn in der Welt etwas eskaliert, fragen wir doch: Wer hat angefangen? Wer ist schuld?

Wenn die Demokratie wackelt, fragen wir: Wer hat’s verbockt? Die da oben? Die Medien? Die anderen?

Wenn Rechtsextreme stärker werden, suchen wir die eine Ursache – als könnte man das Problem mit einem einzigen Schraubenzieher lösen. Ich sag nur: Migrationspolitik.

Und wenn ein lieber Mensch plötzlich nicht mehr da ist, dann ist da auch Wut. Wie kann Gott oder das Schicksal oder wer auch immer das zulassen?

Verstehen kann ich das alles.
Wenn es einen Schuldigen gibt, fühlt es sich so an, als könnten wir das Problem irgendwo abgeben.

Aber dadurch wird die Welt ja selten besser, oder?

Ich selber halte nichts von einem Gottesbild, das Leid als Erziehungsmaßnahme erklärt.
Ein Gott, der Kriege „schickt“ – der Menschenleben als Lektion benutzt – das wäre kein Gott, dem ich vertrauen könnte.

Aber: Dieser alte Propheten-Text zeigt mir etwas anderes.
Er zeigt, was Menschen tun können, wenn sie nicht mehr weiterwissen:
Sie reden mit Gott.
Sie klagen.
Sie halten Gott die Realität hin – ungeschönt, ohne Filter. Trockene, rissige Erde.

Und ich glaube: Das ist kein Rückschritt. Das ist Reife. Weil Klage nicht dasselbe ist wie Zynismus.
Der Zyniker sagt: „Isso. Menschen sind halt doof. Bringt eh nichts.“
Die Klage sagt: „So darf es nicht bleiben! Und ich halte dir das hin, Gott.“

Am Ende steht da dieser eine Satz wie ein kleiner Tropfen Wasser in der Wüste – aber er verdampft nicht in der Hitze:
„Dabei bist du ja doch mitten unter uns, HERR… lass uns nicht im Stich.“

Das ist keine Garantie, dass alles gut wird.
Aber damit wird gesagt: „Wir lassen dich nicht raus aus der Rechnung.“ Wir rechnen mit Gott, gerade wenn wir alles nicht verstehen.

Und vielleicht passt genau das zu der Epiphanias-Zeit, in der wir sind: Gott ist kein Superheld und löst alles.
Gott zeigt sich als der, der dabei bleibt. Auch wenn es schwierig wird. Der Trost nicht aus der Ferne schickt, sondern Nähe aushält.

Was heißt das aber konkret – zwischen Grönland, Ukraine und unserem eigenen Herzen?
Wenn die Welt austrocknet, ist die Versuchung groß, innerlich zuzumachen. Hart zu werden. Oder sich in Lager zu flüchten. „Wir gegen die“.

Aber der Jeremia-Text lädt zu drei kleinen, erstaunlich praktischen Schritten ein, die ich kurz nennen will:

  1. Sag die Wahrheit.
    Du musst nicht alles beschönigen. Nicht „wird schon“.
    Sondern: „Es macht mir Angst.“ – „Ich bin wütend.“ – „Ich fühle mich ohnmächtig.“
  2. Such einen Adressaten.
    Dreh dich nicht nur im Kreis. Nicht nur scharf kommentieren.
    Beten kann genau das sein: die Angst aus dem Bauch holen und irgendwohin legen.
  3. Bleib menschlich.
    Gerade wenn’s rauer wird.
    Demokratie lebt nicht zuerst von großen Reden, sondern von unserem Alltag:
    Wie wir über andere sprechen. Wen wir schützen. Wem wir zuhören. Wo wir Grenzen ziehen, wenn Menschen verächtlich gemacht werden. Und wo wir Grenzen öffnen, um anderen Schutz zu geben.

Das sind keine kleinen Dinge. Das sind die Brunnen, aus denen eine Gesellschaft trinkt. Und auch letztlich jede und jeder persönlich.

Zum Schluss: Ich weiß nicht, ob Beten „alles löst“.
Aber ich glaube, Beten kann verhindern, dass wir innerlich vertrocknen.
Und dann, vielleicht ganz leise, kommt dieser Ruf von Weihnachten durch den Text – bis in unsere Tage:
„Fürchte dich nicht.“ Du bist nicht allein. Gott lässt dich nicht im Stich. Wasser in dürren Zeiten…
Amen.

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