Zwischen Himmel und Erde (Apg 1,11)

Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.“

Apostelgeschichte 1,11

Nun ist also wieder Himmelfahrt und endlich, ja endlich können wir wieder Open Air zusammenkommen. Ohne dieses Event wäre es für Euch wahrscheinlich einfach ein freier Tag wie andere. 

Allerdings… bei Himmelfahrt denken auch viele in unserem Land an „Vatertag“. Vatertag, das ist der Tag mit der Lizenz zum Komasaufen. Wenn man nicht aufpasst, kann man heute marodierende Horden von jungen bis nicht mehr ganz so jungen Männern sehen, die mit Bollerwagen durch die Feldmark ziehen, laute Musik und jede Menge Bölkstoff dabei. Dasprägt an vielen Orten das Bild von diesem Feiertag.

Und was habe ich neulich mal gehört von einem Jugendlichen im besten Konfirmandenalter? Himmelfahrt wird angeblich auch deshalb Vatertag genannt, weil da Jesus in den Himmel fährt zu seinem Vater. Zu Josef! Okay…

Naja, das ist aber auch ganz schön kompliziert mit den Familienverhältnisses von Jesus. Josef, der Heilige Geist, Gott der Vater… da kann man schon mal durcheinander kommen. Aber gut.

An Himmelfahrt verabschiedet sich Jesus von seinen Followern und wird „emporgehoben“. Eine Wolke nimmt ihn auf, so dass er nicht mehr zu sehen ist. Wie genau jetzt Jesus in den Himmel kommt, also ob nun mit oder ohne Bollerwagen. wird in der Bibel nicht beschrieben. 

Und das hat sicher Gründe. Denn wahrscheinlich ist das gar nicht so wichtig. Viel entscheidender ist die anschließende Szene: Denn da stehen die Freundinnen und Freunde von Jesus noch zusammen und starren ihm nach in den Himmel. Ich vermute mal, ihnen wird erst in diesem Moment richtig bewusst, dass sie nun alleine klarkommen müssen. Okay, der Heilige Geist soll ja auch bald vorbeikommen, aber bis Pfingsten dauert es eben noch ein paar Tage. 

Denn so wie die da stehen, so sind wir. Mit beiden Beinen auf dem Boden. Echte Menschen, die wissen wie sich Leben anfühlt. Was alles schief gehen kann, was aber auch echt Spaß macht. Ja, Christen sind Menschen die mitten im Leben stehen. Und mitten in dieser manchmal etwas merkwürdigen Welt. Wir haben kapiert, wie es um die Menschen steht und um die Schöpfung.

Also wie Petrus und Co. da noch so rumstehen und nach oben schauen, gesellen sich plötzlich zwei andere zu ihnen, ganz in Weiß gekleidet. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ fragen sie. Und das ist einer meiner absoluten Lieblingsszenen! Das kann ich mir bildhaft vorstellen: Wie die Jünger und Jüngerinnen da so stehen, am besten noch mit offenem Mund und glotzen in die Wolken. Ich stelle mir das zwar ein bisschen lustig vor, aber ganz ehrlich: Das ist doch ein super Bild für alle Christinnen und Christen.

Aber das ist ja nicht alles. Petrus und die anderen in der Geschichte habe den Blick in den Himmel gerichtet. Mit beiden Augen schauen sie Jesus hinterher. Richtung Ewigkeit. Weg von den ganzen Sachzwängen, in denen wir hier oft feststecken. 

Weg von dem ganzen Elend und dem Leid, das Menschen sich auf Erden antuen. In der Ukraine, in Texas und an so vielen anderen Orten. Ja, Christinnen und Christen schauen immer auch in den Himmel. Hin zu dem Ort, von wo aus eine andere Sicht auf die Welt möglich ist. 

Denn bei aller Bodenhaftung hilft dieser Blick nach oben, damit wir nicht zu sehr stecken bleiben in dem ganzen Mist, der gerade wieder so passiert. 

Christen sind Menschen, die auch auf die Ewigkeit schauen. Auf Jesus, bei dem die Menschen schon eine Vorahnung bekommen konnten, wie es „im Himmel“ ist.

Von Jesus wissen wir, dass es außer dieser Welt noch eine andere gibt, in der die Dinge anders laufen. Zu Glück! Wir nicht von Krankheiten eingeschränkt werden. Wo wir nicht immer nur auf unseren eigenen Vorteil schauen müssen. Nicht immer nur Hauptsache mir geht‘s gut. Nein, bei Gott im Himmel, da gehen die Uhren anders.

Es wird ja oft von diesem „Himmel“ gesprochen, etwa wenn jemand gestorben ist und wir dann versuchen, es Kindern zu erklären: Die Oma ist jetzt im Himmel! Dann ist das doch ein wunderschönes Bild für eine große Weite. Für Freiheit. Und für eine Wirklichkeit, die ganz anders ist als das, was wir uns vorstellen können.

So sieht es aus: Zwischen Himmel und Erde, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen und zugleich beide Augen auf Gottes Welt gerichtet, so stehen wir Christen da. 

Und es ist genau diese Haltung, die seit dem Beginn des Christentums Menschen dazu angespornt haben, diese Welt zu verändern und menschlicher zu machen.

Das was wir in der letzten Zeit, ja in den letzten drei Jahren erleben mussten, wie die Pandemie uns erschreckt hat, wie viele Menschen richtig krank geworden oder gar gestorben sind, aber auch dass es in Europa immer noch möglich ist, brutal Krieg zu führen, das zeigt uns doch nur, wie viel noch zu tun ist in dieser Welt.

Und zumindest mir geht es so: Wenn ich dann nicht ab und zu mal die Augen in den Himmel richten würde, dann hätte ich kaum Hoffnung. So aber – mit dem Blick in die Wolken – eröffnet sich mir eine ganz andere Perspektive. Gottes Perspektive. Vielleicht schauen wir heute und in der nächsten Zeit mal öfters hoch zum Himmel und machen uns bewusst, dass wir Christen – wie die Apostel am Himmelfahrtstag – ausgestreckt sind zwischen Himmel und Erde. Ganz ohne Bollerwagen. Amen.