Winnetou und Bathseba (2. Sam 12,1-15a)

Der Prophet Natan zieht David zur Rechenschaft

Der Herr schickte Natan zu David. Als er zu ihm kam, erzählte er ihm eine Geschichte:
»Zwei Männer lebten in einer Stadt.Der eine war reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder. Der Arme aber hatte nichts als ein kleines Lamm. Das hatte er sich gekauft und aufgezogen. Es wuchs bei ihm heran, zusammen mit seinen Kindern. Es aß von seinem bisschen Brot, trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß. Es war für ihn wie eine Tochter. Eines Tages kam ein Reisender zu dem reichen Mann. Und es war üblich, ein Essen für den Gast zuzubereiten, der zu ihm gekommen war. Doch der reiche Mann wollte seinen Besitz schonen und keines von seinen Schafen und Rindern nehmen. Deshalb nahm er das Lamm des armen Mannes. Das bereitete er zu und setzte es dem Gast vor, der zu ihm gekommen war.«
David wurde sehr zornig über den Mann und sagte zu Natan: »So gewiss der Herr lebt! Ein Kind des Todes ist der Mann, der das getan hat! Und das Lamm muss er vierfach ersetzen – zur Strafe dafür, dass er das getan hat und das Lamm des Armen nicht verschonte.« Doch Natan entgegnete David: »Du bist der Mann! So spricht der Herr, der Gott Israels:Ich habe dich zum König über Israel gesalbt und dich aus der Hand Sauls gerettet. Den Besitz deines Herrn habe ich dir gegeben und die Frauen deines Herrn dir in den Schoß gelegt. Ich habe dir das Haus Israel und Juda gegeben. Und wenn das zu wenig gewesen ist, dann will ich dir noch dies und das dazugeben! Warum hast du das Wort des Herrn verachtet? Warum hast du getan, was er verurteilt: Den Hetiter Urija hast du mit dem Schwert getötet und dann seine Frau geheiratet. So soll jetzt das Schwert für alle Zeit gegen dein Haus gerichtet sein – zur Strafe dafür, dass du mich verachtet hast: Du hast dir die Frau des Hetiters Urija genommen und sie zu deiner Frau gemacht. So spricht der Herr: Ich werde dafür sorgen, dass aus deinem eigenen Haus Unheil über dich kommt.Vor deinen Augen nehme ich dir die Frauen weg und gebe sie einem, der dir nahesteht. Der wird mit deinen Frauen schlafen im hellen Licht der Sonne. Du hast es im Geheimen getan. Ich aber lasse es im hellen Licht der Sonne geschehen, sodass ganz Israel zuschauen kann.«
Da bekannte David vor Natan: »Ich habe Unrecht getan gegenüber dem Herrn!«
Und Natan antwortete David: »Der Herr sieht über deine Schuld hinweg, sodass du nicht sterben musst. Doch der Sohn, der dir geboren ist, muss sterben. Denn du hast den Herrn dadurch verhöhnt, dass du ein solches Unrecht begangen hast.« Und Natan ging nach Hause.

2. Samuel 12,1-15a (BasisBibel)

Kennt Ihr Winnetou, den Häuptling der Apachen? Ich habe die Bücher von Karl May als Jugendlicher verschlungen. Ich glaube, es waren die ersten Bücher überhaupt, die ich so am Stück freiwillig gelesen habe. Fesselnd geschrieben, mit Tiefsinn und Spannung. Indianer waren edel und Cowboys eher „rustikal“. Bösewichte und Helden gab es auf allen Seiten.

Aber ich weiß auch noch: Ich war ziemlich irritiert, als ich erfuhr, dass Karl May noch nie im Wilden Westen war, als er seine Bücher schrieb. Noch nicht mal im zivilisierten Osten der USA. Er hatte sich das alles mit viel Phantasie ausgedacht.

Die Bücher von damals entstanden Ende des 19. Jahrhunderts. Und auch wenn Karl May versuchte, voller Sympathie für die Ureinwohner Nordamerikas zu schreiben, waren seine Geschichten doch natürlich geprägt vom Geist seiner Zeit. Da ist immer von „Rothäuten“ und „Bleichgesichtern“ die Rede. Und in manchen seiner Bücher werden schlimme Klischees von jüdische Menschen oder Muslimen wiedergegeben. Einfach so.

Heute, 150 Jahre später, ist Vieles von dem, was man damals als ganz normal empfand, so nicht mehr zu sagen. Denn die Welt hat sich weiter gedreht. Wir wissen heute mehr über die damalige Zeit. Wissen, wie brutal Nord- und Südamerika von europäischen Siedler erobert wurde. Wie chancenlos die indigene Bevölkerung war gegenüber den Schusswaffen und auch den Krankheiten, die die Europäer einschleppten. 

Deshalb gibt es gerade laute Kritik an einen neuen Kinderfilm, der gerade in den Kinos läuft: „Der junge Häuptling Winnetou“. Die Geschichte ist zwar inspiriert von Karl May, aber sie wird so erzählt, als würden wir immer noch im Jahre 1870 leben. Als gäbe es keine kritische Aufarbeitung der Kolonialisierung. 

Und jetzt hat der Ravensburger Verlag zwei Begleitbücher zu diesem Film zurückgezogen. Damit hat der Verlag auf Kritik reagiert von Menschen, die selbst Indigene sind. Gibt so Leute auch in Deutschland und die heißen „Natives in Germany“. Daraufhin zog der Verlag die zwei Buchtitel vom Markt zurück. Und nun wird in Deutschland heiß gestritten. Wieder einmal.

Wie gesagt, niemand will Karl Mays Bücher verbieten. Geht auch gar nicht, da die ursprünglichen Texte mittlerweile gemeinfrei sind, also keinem Urheberrecht mehr unterliegen. Aber es wird gestritten darüber, ob man heute, im Jahr 2022 noch so einfach Klischees weiterverbreiten kann, wie der neue Kinofilm es macht. Ob man so tun kann, als gäbe es keine kritische Aufarbeitung der Kolonialzeit. Die Welt hat sich weiter gedreht und die Zeiten sind andere geworden.

Und da sind wir auch bei David und Bathseba. 

Was für eine Geschichte! Sex and Crime in der Bibel. Ein lüsterner König, der sich nimmt, was ihm gefällt und hinterher seine Sünden versucht zu vertuschen. Nathan, der Prophet, tritt auf und überführt David durch eine geschickt erzählte Geschichte von einem Lieblingstier. David selbst spricht das Urteil über sich: Der Mann in der Geschichte soll des Todes sein!

So weit, so spannend. Aber nun, weil David seine Schuld eingesehen hat und bereut, wird die Todesstrafe von ihn genommen. Stattdessen soll das Kind sterben, das Bathseba in sich trägt. Ein unschuldiges Baby bekommt die Strafe für den sündigen König. Das ist doch gemein, oder?

Diese Geschichte wurde erzählt – da sind sich Theolog:innen mittlerweile einig – um Gottes Gnade und Vergebung zu betonen. Also obwohl David schlimme Verbrechen wie Ehebruch und quasi Mord begangen hat, kommt er mit dem Leben davon. Unverdient erfährt er Gnade vor Recht.

Das ist gut für König David – aber schlecht für das Kind! Was ist das für eine Vorstellung von Gott, der unbedingt eine Sühne braucht? Der ein unschuldiges Leben fordert als Wiedergutmachung im Austausch mit Davids Leben? Dieser Text ist sehr alt und er stammt aus einer Zeit, in der die Menschen noch viel stärker an einen strafenden Gott glaubten, der in die Welt eingreift. 

Die Bibel ist an vielen Stellen ein Buch mit Vorstellungen, die uns heute komplett fremd sind. Denen wir heute als aufgeklärte, moderne Menschen eigentlich sehr kritisch gegenüber stehen müssten.

Und da kommen wir als Christinnen und Christen mitten in die Winnetou-Debatte hinein.

Denn müsste nicht eigentlich auch die Bibel verboten werden? So viel Gewalt wird darin beschrieben. Auch viele antijüdische Aussagen, gerade im Johannesevangelium im Neuen Testament. Da werden „die Juden“ z. B. als „Kinder des Teufels“ bezeichnet. Diese Schriften haben einen schrecklichen Einfluss bei der Entstehung des weltweiten Antisemitismus gehabt, der ja in der Shoa, dem Holocaust in Auschwitz und anderen Orten gipfelte. 

So richtig kommt niemand auf die Idee, die Bibel zu verbieten. Und doch zeigt uns diese Geschichte von David und Bathseba, dass wir im Lichte der heutigen Zeit kritisch mit der „Heiligen Schrift“ umgehen können, ja sogar auch umgehen müssen. Und wir dürfen das auch. Wenn wir die Logik des Propheten Nathan und seines Gottesbildes hinterfragen, kommen wir weiter. 

Wir müssen eben nicht alles einfach so hinnehmen, was in der Bibel steht. Klar, für jüdische und christliche Menschen sind diese Geschichten in der Bibel das „Wort Gottes“, also die in Menschenworte geronnene Erfahrung des Göttlichen. Doch wir dürfen auch protestieren gegen so manches, was da aufgeschrieben wurde.

Ich möchte Gott klagen, dass ich nicht einverstanden bin mit dieser Lösung. Und ich kritisiere dieses Gottesbild.  Zum Glück ist es nicht das einzige in der Bibel. Zum Glück finde ich dort auch einen zärtlichen Gott, der sich „wie eine Mutter um ihre Kinder kümmert“.

Da ist in der Bibel so viel Güte und Vergebung von Anfang an. Und solche Stellen möchte ich stärker machen – gegen diese Geschichte. Ja, das darf man als Christ – und vielleicht müssen wir das heute auch!

Was bei dem Streit um die Winnetou-Bücher und den neuen Film mir deutlich geworden ist: Niemand will das Karl May-Epos verbieten. Keine Cancel Culture von Leuten, die einfach zu „woke“ sind. Nein, es geht schlicht darum, dass man bestimmte Aussagen einfach nicht mehr so unkritisch hinnehmen kann. Man kann heute nicht mehr so tun, als wüsste man nichts von der brutalen Kolonialisierung Nord- und Südamerikas. 

Man kann heute nicht mehr einfach so unkritisch die dortigen Ureinwohner „Indianer“ nennen. Und das muss man auch gar nicht. Man kann Karl Mays wilde Romantik immer noch schön finden und zugleich trotzdem neue Darstellungsformen finden, die in die heutige Zeit passen. 

Und genauso ist es mit einigen schwierigen Stellen in der Bibel. Oft sind es fundamentalistische Stimmen, die behaupten, man müsse alles in der Bibel so glauben, wie es dort steht. Aber das müssen wir wirklich nicht! 

Wenn wir erkannt haben, um was es Gott wirklich geht, also wenn wir die Worte und Taten von Jesus ernst nehmen, dann können wir auch „schwierige“ Stellen lesen und sagen: Nein, das kann man heute so über Gott nicht mehr unkritisch behaupten.

Man könnte die Geschichte von David und Bathseba ja auch anders interpretieren: Am Ende steht nicht der schlimmen Tod eines Neugeborenen. Denn nur kurz darauf folgt die Geburt eines weiteren Kindes. Ein Sohn, der dann einmal das Königreich Israel von David erben wird und der noch viel weiser und klüger sein wird als sein Vater. Salomo wird dieser neue König. Er wird zum Inbegriff eines umsichtigen Herrschers. 

Wenn man so will, ist aus dem Unglück am Ende noch etwas Gutes erwachsen. Und das ist Lebensgeschichte und Glaubenserfahrung, die wir hoffentlich alle in unserem Leben mal machen können. Dass Dinge, die uns widerfahren, auf den ersten Blick schlimm sind. Und aus denen sich etwas Gutes entwickeln kann, auch wenn wir es im Moment noch nicht sehen.

Daran will ich glauben, gerade in dieser verrückten Zeit.

Amen.

2 Gedanken zu “Winnetou und Bathseba (2. Sam 12,1-15a)

  1. Sehr geehrter Herr Leißer,

    haben Sie vielen Dank für ihre Predigt. Ich möchte mich gern (abseits der medialen Debatte um Karl May) zur vorliegenden Bibelstelle äußern.
    An einen strafenden Gott mag ich nicht glauben – ebensowenig an einen prüfenden Gott. Ein Gott der Anlass zur persönlichen und gesellschaftlichen Reifung gibt, ist mir da schon grundnäher. Jedenfalls frage ich mich unabhängig der Intention Gottes, welche Grausamkeit darin liegen sollte, daß Gott ein unschuldiges aber unter schwierigen Vorzeichen geborenes Kind wieder zu sich(!) holt und möglicherweise die gleiche Menschenseele unter deutlich versöhnlicheren Vorzeichen erneut zu uns schickt? Soll ein unschuldiges Kind ein Leben lang unter den begangenen aber bereuten Sünden des Vaters leiden? Wäre das nicht viel strafender?
    So der Glaube vermag die Angst vor dem Tod zu besiegen, ist die Handlung der Geschichte nicht grausam und keinensfalls ungerecht.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Daniel D. Dietze

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