„Reli-Stunde“ (Deuteronomium 7,6-12)

Es geschieht in einer ganz normalen Reli-Stunde: Die Klasse nimmt gerade das Thema Judentum durch. Da meldet sich Janine und verkündet mit überzeugter Stimme: „Der Gott im Alten Testament ist ein böser Gott. Da geht es immer nur um Mord und Totschlag.“

Ich bin erstaunt über diese scharfe Aussage und frage Janine, woher sie das weiß. „Na“, meint sie, „das lernt man doch schon in der Grundschule: Dieser blutige Gott, der die Ägypter im Meer ertrinken lässt und… dann diese Story mit der Sintflut, wo alles untergeht bis auf den Noah und so ein paar Tiere. Das ist doch schlimm!“

Überrascht höre ich Janine zu und staune über ihr Detailwissen von biblischen Geschichten. Dann lesen wir. Die ganze Klasse. Alle schlagen die Bibeln auf und gemeinsam gehen wir auf eine Entdeckungstour. Wir schauen nach, ob das wirklich stimmt im Alten Testament: Gott als der strafende, gewaltsame Herr.

Wir lesen dann gemeinsam im 5. Buch Mose, Kapitel 7 die Verse 6-12:

 

Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.

 

Es ist eines der ältesten Missverständnisse der Christenheit: Was Janine in der Reli-Stunde da behauptet hat, denken immer noch viele: Der Gott im Alten Testament hat nichts zu tun mit dem Gott Jesu Christi. Hier der Rachegott, dort die bedingungslose Liebe. Aber so einfach ist das nicht und das zeigt uns der Predigttext: Es ist ein Liebesbrief Gottes an das Volk Israel, das „heilige Volk“, auserwählt unter den Völkern.

Dabei hat Gott keine besonders einleuchtende Wahl getroffen. Dieses kleine Völkchen aus Staatenlosen und Ex-Sklaven, ohne glorreiche Kultur, genießt eine besondere Aufmerksamkeit, ja es spielt die Hauptrolle in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Warum nur? Der Predigttext gibt Aufschluss: Es geschieht allein aus Liebe und reiner Barmherzigkeit!

Aus Barmherzigkeit hat Gott Israel erwählt. Vielleicht weil Gott Augen für das Kleine, Unbedeutende hat, für das hässliche Entlein, den Ladenhüter. Ich finde das sympathisch, Gott wählt sich den Underdog, den Außenseiter. Jedenfalls ist nicht von ruhmreichen Taten Israels die Rede, nicht von großen Helden und Heldinnen, sondern nur von: der Barmherzigkeit Gottes.

Mit der Erwählung hat es das Gottesvolk nicht immer leicht gehabt. Dadurch wurde es von anderen Völkern der Erde abgesondert, Israel wurde etwas Besonderes. Besonders zu sein heißt auch gleichzeitig anders zu sein. Viele von uns hier wissen aus eigener Erfahrung, was das bedeuten kann: Die anderen sind neidisch, oder gönnen einem das Anderssein nicht. So was beginnt oft im Kleinen, schon in der Schule, wenn man nicht zur Clique gehört, nicht die Klamotten trägt, die alle haben. Und schnell ist man beim Mobbing, am Arbeitsplatz oder im Verein. Wenn andere missgünstig sind und genau gucken, ob man einen Fehler macht und hinter dem Rücken lästern. Selbst die Kirche ist vor Mobbing nicht sicher.

Auch Israel hat sehr darunter gelitten, dass es anders ist. Die endlose Geschichte der Judenverfolgung, lange vor den Nazis, und schließlich das Unvorstellbare, der durchorganisierte Völkermord, die KZs – das ist alles gerade mal 60 Jahre her! Es ist für die Jüdinnen und Juden nicht immer leicht gewesen, von Gott ausgesondert, besonders, zu sein. Ephraim Kishon, ein berühmter Satiriker, der den Holocaust überlebt hat, hat einmal gesagt: „Ach Gott, manchmal wünscht ich mir, Du hättest ein anderes Volk auserwählt.“

Anders sein, besonders sein ist nicht einfach. Und Gott verlangt eine Menge von dem erwählten Volk: Es soll seine Gebote halten. Davon gibt es im Alten Testament viele, viel mehr als nur die zehn, die wir kennen und im Konfi-Unterricht auswendig lernen. Gott verlangt viel von seinem Volk, aber Gott hat auch viel zu bieten: Nämlich Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied, bis zur tausendsten Generation, das bedeutet: Bis in alle Ewigkeit ist Gott barmherzig.

Dagegen klingt das noch harmlos:  Er „vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen“. Janine aus der Reli-Klasse wirft ein: Also doch! Vergeltung ist doch bloß ein anderes Wort für Rache!“ Stimmt, sage ich, aber hier geht es um eine Beschränkung: Nicht die Nachkommen tragen Schuld an den Taten ihrer Vorfahren, nein jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich und muss mit den Konsequenzen seines eigenen Handelns leben. Ich finde das realistisch. Es ist eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, es gibt immer wieder Menschen, die gottlos handeln, so tun als ob es egal ist, wie man miteinander umgeht. Und denen vergilt Gott ins Angesicht, auf sie selbst fallen ihre Taten zurück.

Janine lässt nicht locker: „Aber was ist mit all den gruseligen Geschichten sonst noch: Israel soll die anderen Völker im heiligen Land ausrotten, Jericho wird platt gemacht, viele Menschen müssen sterben.“  In der Tat, die Bibel kennt auch solche Geschichten, und wir können nicht einfach so tun, als gäbe es sie nicht. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass diese Geschichten von Menschen aufgeschrieben wurden. Sie sind nicht einfach so vom Himmel gefallen. Menschen haben ihre Lebenserfahrungen mit Gott und dem Glauben zusammengebracht. Da fällt es manchmal schon schwer zu trennen zwischen Menschenwort und Gotteswort.

Jedenfalls will Gott, dass mit seiner Liebe gut umgegangen wird: „Ich liebe dich“, sagt Gott zu Israel, „und deshalb kannst du meine Gebote halten. Ich habe dich befreit aus Ägypten, aus der Sklaverei. Nun gestalte diese Freiheit zum Wohle aller: Du musst nicht mehr töten, klauen, lügen, um leben zu können.“ So steht es auch in den Zehn Geboten.

Die Liebe traut dem Gegenüber viel zu. Auch ich erwarte etwas von den Menschen, die ich liebe. Es ist mir nicht egal, wie sie leben. Ich traue ihnen etwas zu. Und zugleich bin auch ich barmherzig: In meinen Augen sind sie schön, sind sie gut. Ganz gleich, was andere meinen, mit einem liebenden Blick sehe ich über so manchen Fehler hinweg.

„Gott hat euch nicht angenommen und erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker  denn du bist das kleinste unter allen Völkern – sondern weil Gott euch geliebt hat.“ Das ist wirklich eine Liebeserklärung! Vielleicht geht es Euch ja wie mir, und Ihr spürt, wie nahe diese Liebeserklärung an dem dran ist, was Jesus gesagt hat. 1000 Jahre nach unserem Predigttext taucht dieser Jesus von Nazareth auf und verkündet es allen Menschen: Ihr werdet von Gott nicht geliebt, weil ihr so toll seid, nicht wegen eurer Fähigkeiten, eures Besitzes, sondern: weil Gott euch liebt. Einfach so, das könnt ihr nicht begreifen, und das müsst ihr auch nicht.

Und Jesus läuft durchs Land und begegnet den Menschen. Sitzt mit ihnen zusammen, hört ihnen zu. Teilt mit ihnen das Brot. In seinem Tun und Reden erfahren sie die Barmherzigkeit Gottes. Jesus heilt die Menschen, d.h. sie werden „heil“, heilig, sie gehören zu Gott.

Und, nicht vergessen, liebe Janine, Jesus war Jude! Durch ihn hat Gott seine Liebe, seine Barmherzigkeit ausgeweitet, sogar bis auf uns. Er hat uns mit hinein genommen in das Volk Israel. Denn das geschieht in der Taufe. Wir werden getauft in diese Liebe. Sie ist die gleiche wie im Alten Testament, ja Gott ist der Gleiche. ER ist der Gott Israels!

In der Schriftlesung haben wir vorhin den Taufbefehl gehört. „Geht und macht zu Jüngern alle Völker“ sagt Jesus dort. D.h. geht und erzählt von der Barmherzigkeit des Gottes Israels, gewinnt alle Menschen für Gott, dass sie seine Liebe spüren und seine Gebote halten. Der Gott des Alten Testaments ist der Vater Jesu. Er hat eine große Vorliebe für die Kleinen und für die „Looser“, wie man heute neudeutsch sagt. Das bedeutet aber auch für uns: Ganz gleich wie unbedeutend wir uns manchmal fühlen, wie unzufrieden wir mit uns selbst sind, Gottes Liebe ist größer.

Amen.

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