„Aufbruch durch’s Nadelöhr“ (Lukas 18,20-30)

Der Tag ging dem Ende zu. Es wurde schon kühler und die frische Abendluft kündigte die Nacht an. Petrus zog seinen Mantel enger um die Schultern. Er stand ein bisschen abseits vom Feuer, das die anderen angemacht hatten. Er musste jetzt allein sein und nachdenken über diesen Tag. Denn das war heute starker Tobak gewesen.

Da war dieser Mann gekommen, wahrscheinlich so ein Neureicher, der von Jesus wissen wollte, wie er das ewige Leben erlange könnte. Und Jesus hatte zu ihm gesagt: „Halte die 10 Gebote.“

Das tue er schon, versicherte der Mann. „Dann gib deinen ganzen Besitz den Armen und folge mir nach.“ Da wurde der Mann traurig und ging weg. Wortlos.

Jesus aber hatte sich zu seinen Freunden gedreht und gesagt: „Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.“

Petrus und die anderen waren schockiert. „Wie soll denn dann überhaupt jemand dorthin kommen?“ fragten sie ihn.

„Alle Menschen haben doch Besitz! Etwas, das ihnen wichtig ist, an dem sie hängen.“ Woraufhin Jesus in seiner unverwechselbaren Art sie fest anschaute und meinte: „Bei Gott ist nichts unmöglich.“

Petrus sog die kühle Luft ein und runzelte die Stirn. Das war ganz schön verwirrend. Manchmal war dieser Jesus ihm unheimlich. So radikal, das er damit vielen Leuten vor den Kopf stößt. Wie stellt er sich das vor? Es können doch nicht alle so einfach auf ihre Habe verzichten. Sag das mal einem Menschen, der ein bisschen was angespart hat, mühsam vom Munde weg. Je mehr die Leute haben, desto schwerer fällt es ihnen doch, das alles aufzugeben. Wer viel hat, hat viel zu verlieren.

„Verkauf alles und folge mir nach.“ Das sagt sich so leicht.

Und dann die Familie. Dinge aufgeben – das geht ja vielleicht noch. Aber die geliebten Menschen hinter sich lassen, Frauen, Kinder, Eltern, die ganze Hausgemeinschaft. Das ist nun wirklich schwer.

„Lass alles stehen und liegen und folge mir nach!“

Auch er hatte diese Worte schon gehört. Petrus erinnerte sich noch genau, wie Jesus ihn damals gerufen hatte: „Von nun an wirst du Menschen fischen.“

Daraufhin hatte er sein Boot an Land gebracht, sich kurz von seiner Familie verabschiedet und war mitgegangen. Einfach so. Damals war es ihm nicht schwer gefallen. Es war etwas an Jesus, das ihn faszinierte, etwas Überzeugendes, bis heute. Ja, man könnte sagen, Jesus ist unwiderstehlich, wie er so von Gottes Reich spricht, in dem alle Menschen gut und friedlich miteinander leben. Dafür hatte er alles verlassen und war mit ihm gegangen.

Aber wenn Petrus jetzt so darüber nachdachte, vermisste er seine Familie, seine Lieben. Er spürte Sehnsucht nach seinem Boot und den Nächten auf See. Die Stunde am Morgen, wenn die Netze sauber in der Sonne glänzten und er zufrieden auf die Früchte seiner Arbeit blicken konnte. Das wenige was er hatte, wie sehr hing er noch daran. Die Reaktion des reichen Mannes vorhin hatte ihn nachdenklich gemacht. Der wollte wohl nicht alles hinter sich lassen. Oder vielleicht konnte er auch nicht. Und er selbst? Er fühlte sich heimatlos, ohne festen Ort und ohne blassen Schimmer, wo er vielleicht mal ankommen könnte. So stand Petrus da und schaute in den dunklen Abendhimmel. Er fühlte sich einsam.

Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Überrascht fuhr er herum. Er war so sehr in Gedanken gewesen, dass er nicht gemerkt hatte wie Jesus zu ihm getreten war.

„Was ist, mein Freund? Ich habe dich schon gesucht. Warum stehst du hier so im Dunkeln alleine?“

Petrus überlegte kurz und fasste sich dann ein Herz: „Ich habe darüber nachgedacht, was du heute zu dem Reichen gesagt hast. Ich habe die Traurigkeit in seinen Augen gesehen, als er einfach so fortging.“

Jesus sah ihn aufmerksam an. „Und, weiter?“

„Na da musste ich darüber nachdenken, wie es wohl mit uns hier ist. Wir haben ja alles aufgegeben und sind dir nachgefolgt.“

„Mein lieber Petrus“, Jesus sah ihn gutmütig an, „niemand von euch, der alles aufgegeben hat für das Reich Gottes, bleibt am Ende allein. Im Gegenteil! Du erhältst es doch alles vielfach zurück: Deine Familie ist viel größer geworden. Alle Menschen sind jetzt deine Geschwister. Die ganze Welt ist dein Zuhause, du hast Gott zum Freund. Das hast du alles schon bekommen. Hier und jetzt, in diesem Moment. Und dann, in der kommenden Welt wirst du nicht verloren gehen, sondern aufgehoben sein bei Gott.“

Freundlich schaute Jesus ihn an und ging wieder zurück zum Feuer, von wo die vertrauten Stimmen herüber klangen. Petrus seufzte. Vielleicht hatte Jesus ja Recht. Schlecht ging es ihnen nicht. Es gab irgendwie immer genug zu essen und zu trinken. Wohin sie auch kamen, überall trafen sie Menschen mit offenen Armen und offenen Herzen. Menschen auf der Suche, auf der Suche nach dem, was sie trägt im Leben. Und Jesus hatte ja eine große Vorliebe für diejenigen, die nicht perfekt waren. Die am Rand standen, ziemlich komische Gestalten, denen Petrus sonst gar nicht so über den Weg getraut hätte. Er dachte an die Huren und den Zöllner, all die Besessenen und Verrückten, die sich bei näherem Hinsehen gar nicht so verrückt benahmen.

Sie alle gehörten dazu. Eine wirklich große Familie, in die man nicht hineingeboren wird, sondern in die man durch den Glauben hineinwächst. In dieser Familie wurde auch viel gelacht, heiter und ernst ging es zur Sache, wenn Jesus vom Reich Gottes sprach. Dass es aufglüht wie ein Funken, wo Menschen miteinander das Leben teilen, wo sie füreinander sorgen und versuchen gerecht zu leben. Sich gegenseitig zu stützen, besonders dann, wenn das Leben schwer wird. Wenn plötzlich kein Stein mehr auf dem anderen steht und man nicht mehr weiß, wo man hin soll. Dann füreinander da sein…

„Da ist es mitten unter euch“ hatte Jesus gesagt. Es geht nicht um eine ferne Zukunft, irgendwann am Sanktnimmerleinstag. „Gottes Reich beginnt hier, bei uns“, dachte Petrus, wir müssen uns nur aufmachen. Denn dass die Menschen aufbrechen, das wollte Jesus immer wieder erreichen. Aufbrechen aus ihrem alten Trott, weg von der Gewohnheit und hin zu einem offenen Leben, offen für die Sorgen des Nächsten. Offen für andere Menschen, für ungewohnte, neue Erfahrungen.

Aufbrechen… Petrus war aufgebrochen. Und wahrscheinlich musste er immer wieder aufbrechen. Es gab keinen Weg zurück in die Vergangenheit, aber das war auch nicht nötig. Denn die Zukunft hatte so viel zu bieten – Schönes und Unangenehmes, wer wusste das schon.

Petrus blickte in den Nachthimmel. All die Sterne, die das Dunkel erhellten. Genau so hatte er bisher das Reich Gottes erlebt. Kleine Momente, nicht sehr spektakulär, aber doch so intensiv, dass sie das Leben veränderten. Für immer. Er zuckte mit den Schultern und ging zurück zum Feuer. Zu den anderen. Und irgendwo in der Ferne sang eine Nachtigall.

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