„Alle Jahre wieder“ (Jesaja 52,7-10)

„Einmal werden wir noch wach, heißa dann ist Weihnachtstag.“ Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht, aber für mich ist das heute ein komischer Tag: Heute, am vierten Advent, so kurz vor Weihnachten, da bin ich in einer seltsamen Stimmung.

Ist es die Ruhe vor dem Sturm? Oder doch vielmehr das Ausruhen nach getaner Arbeit? Die meisten Leute haben ihre Vorbereitungen für das Fest getroffen. Weihnachtsbäume wurden eingekauft, Geschenke besorgt, Briefe geschrieben und die Wohnungen herausgeputzt.

Ja, Weihnachten kann jetzt kommen. Ich finde es interessant, wie ernst solche Vorbereitungen doch genommen werden. Auch in meiner Familie musste alles tiptop sein und Weihnachten konnte erst dann beginnen, wenn die Hausfrau halb bewusstlos unter dem Weihnachtsbaum lag.

Klar, ich verstehe das: An Weihnachten wollen wir es schön haben. Kerzen und Lichter in den Fenstern, gemütlich und ordentlich soll es sein. Dagegen ist nichts zu sagen, auch mir geht es oft so. Und ich leide darunter, dass ich nicht so zur äußeren Vorbereitung komme, wie sonst. Aber ich frage mich, warum das so ist. Warum muss für viele von uns alles glänzen und erledigt sein vor den Festtagen?

Da ist eine Ahnung: Vielleicht sagt der ganze Trubel, den wir in der Adventszeit veranstalten, nicht nur etwas über Weihnachten aus, sondern auch über unsere Sehnsucht. Unsere Sehnsucht nach dem Ganzen, dem Heilen in der Welt. Dann wären der Lichterglanz und die lieblichen Rauschgoldengel nicht bloßer Kitsch, sondern der Gegenentwurf zu dem, was in der Welt tagtäglich „in echt“ passiert.

Denn man muss ja nicht besonders aufmerksam zu sein, um mitzubekommen, dass unsere Welt immer noch weit entfernt ist von dem Ruf „Friede auf Erden“. Die Anschläge in Afghanistan und im Irak überhöre ich mittlerweile schon, so oft werden sie in den Nachrichten genannt. Und den Arbeitsplatzabbau bei den großen Firmen, wie er jetzt wieder pünktlich zu Weihnachten von Siemens verkündet wurde, den nehme ich ratlos zur Kenntnis. Kindersoldaten in Darfur sind aber ebenso ein Skandal wie verwahrloste Kinder in unserem Land.

All das und noch viel mehr zeigt mir: Unsere Welt hat einen Friedefürst bitter nötig. Einen, der den Menschen endlich eine Portion Menschlichkeit bringt und die Dinge zu Recht rückt.

Aber auch unser persönliches Leben liegt manchmal in Trümmern. Wenn Träume zerplatzen und Lebenspläne sich nicht verwirklichen lassen, dann stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Wenn Beziehungen scheitern oder Krankheiten auftreten bei uns, in der Familie, im Freundeskreis, dann bekommt das Leben Risse. Es wird brüchig. Unerträglich brüchig. Gerade an Weihnachten ist die „Gefahr“ groß, dass die Brüche unseres Lebens besonders spürbar werden. Kein Wunder – bei all den großen Erwartungen an ein harmonisches Familienfest.

Ich glaube das ist der Kern, der Sehnsucht, wie sie sich im Weihnachtstrubel ausdrückt: Dass die Trümmer dieser Welt wieder ganz werden und die Bruchstücke unseres Lebens sich zusammenfügen. Und damit sind wir ganz nahe dran am heutigen Predigttext oder sollte ich sagen: ist der Predigttext nahe dran an uns? Der Prophet Jesaja ruft seinen jüdischen Landsleuten im Exil folgende Worte zu:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn GOTT nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn GOTT hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. GOTT hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Dieser Text stammt aus einer Zeit, in der ein großer Teil des jüdischen Volkes im Exil war. Und die Menschen, die in Jerusalem zurück geblieben waren, die lebten in einer zerstörten Stadt. Sie hatten weder Kraft noch Mittel, um die Stadt wieder aufzubauen. Und so lebten sie zwischen den Ruinen. Mit der Stadt lag auch ihr eigenes Leben in Trümmern. Hoffnung war Fehlanzeige.

Doch dabei ist es nicht geblieben. Mitten in dieser Hoffnungslosigkeit geschah das Unglaubliche: der persische König Kyros ließ Jüdinnen und Juden wieder nach Hause ziehen. Freudenboten trugen diese gute Nachricht nach Jerusalem. Und dort erwartete man Gott, den größten aller Könige zurück im Tempel.

So wurde es damals gesehen: Gott kommt zurück zu den Menschen und zwar genau dahin, wo es gar nicht angenehm ist: da warteten kaputte Stadtmauern  anstatt der feinsten Tempelhöfe. Das erinnert mich doch stark an die Weihnachtsgeschichte:, Futterkrippe statt Königspalast, Schweinehirten statt Hohepriester, heimatlose Eltern statt bürgerlicher Kleinfamilie – Parallelen gibt es viele zwischen Jesaja und der Geschichte, die morgen wieder in unzähligen Gottesdiensten vorgelesen wird.

Ich weiß nicht, ob das überzogen ist, aber es hat doch den Anschein, als suchte sich Gott besonders gerne die Trümmer aus, um zu erscheinen. Ja, Gott hat wohl geradezu eine Vorliebe für das Zertrümmerte. Die Bibel ist voll von solchen weihnachtlichen Erscheinungen. Ob im Alten oder Neuen Testament – Gottes Riecher für schwierige Verhältnisse ist unübertroffen.

Ich muss gestehen, ich finde das irgendwie beruhigend. Wenn Gott doch so gerne in unfertige und äußerst problematische Situationen kommt, dann haben wir mit unserer Welt doch gute Chancen, wieder mal sein Landeplatz zu werden. Was für eine Vorstellung wäre das: Alle Jahre wieder kommt Gott in unsere unaufgeräumten Wohnungen und in die Kriegsgebiete dieser Welt. Gott kommt in die Scheidungsfamilien und zu dem Witwer, der gerade an Weihnachten um seine verstorbene Frau trauert. Gott kommt in die Einsamkeit der Jugendlichen, die nicht wissen wohin mit sich an einem familiär überfrachteten Feiertag. Gott kommt auch zu denjenigen, denen gar nicht zum feiern zumute ist, weil sie gerade eine tiefe Traurigkeit in sich spüren oder vor einem inneren Scherbenhaufen stehen.

Gott kommt zu uns Menschen, in unsere Welt. Und Gott hält diese Sehnsucht in uns wach, die uns meist dann ergreift, wenn es auf Weihnachten zugeht: Die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit, nach Nähe und Gemeinschaft. Es ist die Sehnsucht nach all dem, was uns und unserer Welt oft fehlt. Und nur wer diese Sehnsucht spürt, kann etwas daran ändern. Kann aufbrechen und ausbrechen.

Eigentlich müssen wir uns gar nicht herausputzen und so tun, als ob alles in bester Ordnung wäre. Gott kommt auch so. Einfach so.

Amen.

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