„Gegen die Müdigkeit“ (Jes 40,28-31)

Quasimodogeniti – „wie neu geboren“ – so heißt der erste Sonntag nach Ostern im Kirchenjahr. Wie neu geborene Kinder haben sich die ersten Christinnen und Christen nach Ostern gefühlt. Ihr Leben hat sich durch die Nachricht von der Auferstehung total verändert. Nichts ist mehr so, wie es war. Die Anhängerinnen und Anhänger von Jesus sind richtig aus dem Häuschen: Sie sind von einer Freude erfasst, für die sie nur schwer Worte finden: Ihr Freund und Erlöser hat den Tod besiegt und damit auch das Unrecht und die Eitelkeiten seiner Gegner. Wie wunderbar!

Aber es herrscht zugleich auch eine große Verunsicherung: Wie wird die Zukunft der Jüngerschar aussehen? Wie sollen sie ihr Leben nun gestalten – angesichts der Erfahrung, dass Gott die unerschöpfliche Lebenskraft ist, die Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen will? Und was ist mit den Anfeindungen durch diejenigen, die das alles nicht glauben können?

Durch Ostern verändert sich alles: Große Freude und gleichzeitig große Verunsicherung – die Spannung zwischen diesen beiden Extremen kommt ganz nahe heran an das, was passiert, wenn ein Kind geboren wird. Ich selbst durfte diese Erfahrung in den letzten Wochen machen und ich kann nur sagen: Quasimodogeniti – das trifft die Gefühlslage ganz gut.

Freude und Verunsicherung – zwei Extreme, die sich auch in den unterschiedlichen Reaktionen zeigen, wenn ich mit dem Kinderwagen unterwegs bin. Meistens wünschen mir die Frauen große Freude und „viel Spaß“ mit dem neuen Erdenbürger, während viele Männer mich eher danach fragen, wie denn die Nächte sind. Nicht nur der Schlaf ist da aus dem Rhythmus gekommen.

Die Geburt eines Kindes ist eine große Veränderung im Leben, vielleicht die größte, die es bisher in meinem Leben gegeben hat. Und ich bin hin und her gerissen zwischen der Freude über dieses neue Leben und der offenen Frage, was es nun bedeutet, für ein so wehrloses kleines Wesen Verantwortung zu übernehmen. Auch hierin spüre ich die Spannung des ersten Sonntags nach Ostern: Freude und Verunsicherung.

Christinnen und Christen sind mit Ostern wie neu geboren. Und so ein Leben als quasi neugeborener Mensch ist aufregend und kostet Kraft – genau wie das Leben mit einem neu geborenen Menschen. Und beides kann müde machen. Sehr müde. Manchmal ist die Müdigkeit so groß, dass scheinbar gar nichts mehr geht.

Und doch findet sich auch in der schlaflosen Nacht, in der verkorksten Lebenssituation noch irgendwo eine stille Reserve. Etwas, das einen antreibt – trotz aller Müdigkeit. Von Müdigkeit und stillen Reserven spricht nun auch der Predigttext, den wir im Buch des Propheten Jesaja im 40. Kapitel finden. Dort heißt es:

„Erkennst du es nicht? Oder hast du es nicht gehört? Die ewige Gottheit, Gott, hat die Enden der Erde geschaffen, sie wird nicht müde noch matt. Ihre Einsicht ist unerforschlich. Sie gibt den Müden Kraft und den Ohnmächtigen vermehrt sie die Stärke. Junge Leute werden müde und matt, Jugendlichen straucheln. Aber die auf Gott hoffen, gewinnen neue Kraft, sie steigen auf mit Flügeln wie Adler. Sie laufen und werden nicht matt, sie gehen und werden nicht müde.“

Müdigkeit ist nicht nur etwas für junge Eltern oder angestrengte Christen. Müde werden können alle. Diese prophetischen Worte aus dem Jesajabuch sprechen zu Menschen aus dem Volk Israel, die müde sind, müde im Exil. Müde davon sich ihre eigene Identität zu bewahren gegenüber einer andere Kultur. Müde, darauf zu hoffen, dass sich ihre Situation in der Fremde verändert und sie wieder in die Heimat zurückkehren können.

Diese Müden sollen erinnert werden an ihre stillen Reserven, zum Beispiel an die Schöpfungsgeschichte: „Weißt Du noch? Gott hat die Enden der Erde erschaffen – und alles war sehr gut.“ Nichts ist vergeblich in dieser Schöpfung. Noch nicht mal das Exil. Diese Worte wollen auch zu anderen Menschen sprechen, zu Menschen unserer Tage, die auf eine ganz andere Art müde sind. Die keinen Sinn mehr sehen in ihrem Leben oder in dem Zustand dieser Welt. Menschen, die lebensmüde sind, ohne Antrieb.

Weil der Arbeitsplatz futsch ist oder die beste Freundin nicht mehr mit einem redet. Weil der Ehemann urplötzlich ausgezogen ist und das Kind mitgenommen hat. Weil einen die Ansprüche des Alltags überfordern: Kredite, Versicherungen, Renovierungsbedarf zu Hause, Druck im Job oder Stress mit den pubertierenden Kindern. Weil die Heilung von einer schweren Krankheit nur sehr schleppend vorangeht. Weil die Schule mit ihren Anforderungen an Hausaufgaben und Lernstoff den Jugendlichen kaum noch Raum lässt für Freizeit. Weil die politisch Mächtigen dieser Welt eh nur das machen, was ihnen in den Kram passt – ohne Rücksicht auf die Schwachen oder die Umwelt. Weil die schlechte Laune der letzten Monate in eine echte Depression umgeschlagen ist, die man immer noch nicht wahrhaben will.

Es gibt so viele Gründe um müde vom Leben zu sein. Und allen diesen Menschen ruft der Prophet zu: „Den Müden gibt Gott Kraft, den Ohnmächtigen schenkt Gott Stärke.“ Und tatsächlich, manchmal kommt da diese Kraft, diese Stärke, auch in ganz schwierigen Momenten. Woher? Das kann man nicht genau sagen. Aber sie lässt uns Situationen durchstehen, von denen wir uns im Nachhinein gar nicht erklären können, wie wir das geschafft haben.

Diese Kraft kann uns tragen. Sie ist manchmal in uns drin und kommt doch nicht von uns selbst. Sie ist spürbar aber nicht zu greifen. Diese Kraft ist nicht anonym: Sie heißt Hoffnung und ist unsere stille Reserve. Der Prophet nennt sie beim Namen: „Die auf Gott hoffen, gewinnen neue Kraft.“ Das heißt: Wer müde ist und sprachlos und verzweifelt, wer nicht mehr weiter weiß und trotzdem hofft, der bleibt nicht in seiner Situation stecken, sondern bekommt Flügel wie ein Adler und kann sich befreien aus dem Schlammassel.

Wer auf Gott hofft, wer vom Leben noch etwas erwartet, für den ist es nicht zu ende. Da glüht dann noch ein Funke, der in der Lage ist, neues Feuer zu entfachen. Es gibt aber viele Menschen, die haben noch nicht einmal mehr diesen kleinen Funken. Bei denen ist die Lebens-Müdigkeit so groß, dass sie nichts mehr erwarten vom Leben und von ihren Mitmenschen. Da ist scheinbar keine Reserve mehr, und sei sie noch so still.

Wer nicht mehr selber hoffen kann, der ist angewiesen auf die Solidarität anderer. Das wissen wir alle und vielleicht habt Ihr es auch schon einmal selber gespürt: Jemand hat für Euch gebetet oder eine Kerze angezündet. Auch hier in unserer Kirche passiert das täglich.

Es ist ein schöner Brauch: In einem Gebet oder mit einer Kerze denken wir an Leute, die am Ende sind mit ihrer Kraft. Wir hoffen für sie, die nicht mehr hoffen können. Wir erwarten noch etwas vom Leben für diejenigen, die nichts mehr erwarten. Denn seit Ostern ist für Christinnen und Christen eines klar: Die Lebenskraft Gottes ist stärker als der Tod, der uns manchmal mitten im Leben erreicht. Die Lebenskraft Gottes ist stärker als alle Müdigkeit, die uns in den schwierigen Momenten unseres Lebens erfassen kann.

Und wenn wir einmal nicht hoffen können, weil wir doch zu müde sind an dieser Welt und unserem Leben, dann dürfen wir uns darauf verlassen, dass jemand anderes mit uns solidarisch ist und für uns mithofft. Jemand, der uns ein gutes Wort schenkt oder einfach so da ist – ohne große Worte. Wie eine Freundin, der ich mein Herz ausschütten kann, wenn ich nicht mehr weiter weiß.

Denn an Ostern ist der ins Recht gesetzt worden, dessen ganzes Leben solidarisch war. Jesus selber hat diese Solidarität gelebt, deshalb hat er sich vor allem mit denjenigen abgegeben, die in den Hinterhöfen des Lebens hausen und die nicht mehr wissen, wie man Hoffnung buchstabiert. Durch seine Auferstehung ist aus der stillen Reserve eine offene geworden, eine Reserve, die wir Menschen miteinander teilen können, besonders dann, wenn es uns selbst nicht gut geht oder wenn große Veränderungen uns schwanken lassen zwischen Freude und Verunsicherung.

Am Ende ist es unwichtig, warum wir füreinander da sind, ob aus Freundschaft, aus Nächstenliebe oder politischer Solidarität. Entscheidend ist, dass wir immer wieder spüren, wie uns die Nähe Gottes beflügeln kann.

Amen.

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