„Dinge beim Namen nennen“ (Johannes 19,16b-30)

Die Szene ist uns direkt vor Augen. Johannes erzählt:

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund. Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und neigte das Haupt und verschied.

Drei Frauen und ein Mann stehen unter dem Kreuz.
Vier Menschen,
die nichts tun und auch nichts sagen.
Sie sprechen nicht miteinander.
Sie sagen auch nichts zu dem hinauf,
der an dem Kreuz hängt.
Er wäre ja noch ansprechbar.

Keiner, der dasteht, sagt:
„Wir werden dich nicht vergessen.“
Und der Jünger,
der sein enger Freund und Mitarbeiter war,
beteuert nicht:
„Ich werd dafür sorgen,
dass das weitergeht,
wofür du gearbeitet hast und gekämpft hast.
Da sind auch keine Tränen.
Sie nehmen schweigend Abschied.

Dabeistehen – zusehen.
Nichts tun können.
Und auch nichts mehr zu sagen wissen.

Nicht mehr sagen können:
„Es wird schon wieder“.
Nicht mehr vertrösten können auf morgen
oder übermorgen
oder wenn die Zeit alle Wunden geheilt haben wird.

Solche Situationen fürchten wir.
Und darum reden wir dann.
Was auch immer.
Hauptsache es wird nicht geschwiegen.
Dieser Abschied in der Todesstunde
ist ein trostloser Abschied.
Auch andere Abschiede können trostlos sein.
Da muss gar nicht einer sterben,
dass das Gefühl aufkommt:
Nie wieder wird es sein,
wie es gewesen ist.
Alles wird anders.
Da muss gar nicht einer sterben,
und doch stirbt etwas in mir bei so manchem Abschied.

Es ist kein Zeichen
von einem besonders starken Glauben,
wenn dann ganz schnell
von der Auferstehung geredet wird.
Vom Wiedersehen.
Nicht: Alles wird gut.

Der dritte Tag ist unendlich fern im Augenblick des endgültigen Abschiedes.
Und auch nach dem dritten Tag
wird es nie wieder so sein,
wie es früher gewesen ist.

Es ist kein Zeichen von starkem Glauben,
wenn bei unseren Abschieden viele schlaue Worte gemacht werden,
um die Situation auf diese Weise zu bewältigen.
Schweigen und aushalten – das wäre schon was!

Der am Kreuz aber redet.
Er ist der einzige, der hier noch etwas zu sagen hat.
Seine Anrede an die Mutter ist distanziert:
Frau nennt er sie,
nicht Mama oder Mutter.

Und den Freund und Weggefährten bittet er nicht:
„Sorg dafür,
dass meine Sache weitergeht.
Dass meine Botschaft weiter unter die Leute kommt.“
Das ist jetzt in Gottes Hand.
Bei jedem Abschied ist es in Gottes Hand,
wie es weitergeht.

Der am Kreuz redet also.
Was er sagt, klingt irgendwie unpassend in diesem Moment.
Wie aus einer anderen Welt.
Aus einer Welt,
wo die Sorge um das tägliche Brot
die Menschen so bewegt,
als gäbe es keinen Abschied.

Im Augenblick des Todes
im Angesicht des Sterbens
von Geld und anderen weltlichen Dingen zu reden
gilt unter uns als taktlos und banal.

Der sterbende Jesus aber
sorgt sich genau um solche Dinge.
Und er regelt sie.

Zu seiner Mutter sagt er:
„Frau, siehe, das ist dein Sohn!“
Und zum Jünger:
„Siehe, das ist deine Mutter!“

Sie haben es verstanden die beiden,
dass es hier um die Versorgung der Frau geht,
die mit Jesus, ihrem ältesten Sohn, den verliert,
der für ihren Unterhalt zuständig ist.
Und es wird berichtet:
„Von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“

Jesus lässt die Sorge um seine Mutter los.
Er überträgt auch diese Aufgabe einem anderen.
Er selbst kann hier nichts mehr machen.

Damit macht er es seiner Mutter unmöglich solche Sätze zu sagen,
wie sie beim Abschied so gerne gesagt werden:
„Du bist unersetzlich.“
„Wie soll ich nur ohne ihn weiterleben.“

Sie wird leben ohne ihn –
er hat es noch eingerichtet,
dass es gehen wird.

Sie soll leben ohne ihn.
Denn das ist Gottes Wille,
dass wir leben –
auch nach dem Abschied.
Anders zwar, aber doch: leben!

Nicht, weil es ja irgendwie weitergehen muss.
Sondern: aufgehoben
bei einem Bruder
bei einer Schwester
bei einem nahen Menschen.
Jesus lenkt den Blick der Menschen,
die unter dem Kreuz stehen, zueinander.
Siehe – schau hin,
da, neben dir ist eine Frau.
Die braucht dich.
Siehe – schau hin,
da neben dir ist ein Mann,
der kann und wird für dich sorgen.
Wer nur noch auf das Kreuz schaut
und den Nächsten oder die Nächste neben sich aus den Augen verliert,
kann sich nicht darauf berufen,
dass das Gott wohlgefällig wäre
oder dass das im Sinne Jesu ist.

Nur der sieht wirklich zum Gekreuzigten auf,
der seinen Blick von ihm hinlenken lässt
zum Nächsten, zum Bruder, zur Schwester neben sich.

Der Blick aufs Kreuz lehrt die banalen Nöte sehen.
Mehr nicht.
Und das ist schon unerträglich genug.
Denn die Frage nach Gott wird am Karfreitag nicht beantwortet.
Die Frage nach Gott wird unausweichlich gestellt.
Aber heute bekommt sie keine Antwort.
Außer der einen:
schau hin und lauf nicht davon.

Jede schnelle Antwort,
warum Gott das zulässt,
verspottet den Gekreuzigten
und bringt die Leidenden dieser Welt
endgültig zum Schweigen.

Der Tod Jesu hat nichts Himmlisches an sich.

Karfreitag zwingt uns,
die Dinge beim Namen zu nennen
und das anzuschauen,
was es zu sehen gibt:

Unsere eigene Gottlosigkeit.
Die Einsamkeit.
Den Abschied.
Den Bruder, die Schwester in ihren ganz einfachen Nöten.
Immer wieder.

Karfreitag kann ich nicht feiern.
Karfreitag kann ich nur aushalten und ertragen.
Anstatt auszuweichen und wegzulaufen
und sei es auch hin zum Ostersonntag
zum Osterfrühstück,
zur Auferstehung.

Dem dritten Tag kann ich nicht entgegengehen – ich kann ihn nicht vorwegnehmen.
Er muss zu mir kommen.

Nur dass wir wissen,
er wird kommen – macht es möglich,
Karfreitag so sein zu lassen,
wie er ist:
Ein Tag, an dem es für uns
zuletzt nichts mehr zu sagen gibt
Der Gekreuzigte hat heute das letzte, geheimnisvolle Wort:

„Es ist vollbracht.“

(nach einer Idee von Christine Hubka)

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