„Mit Paulus im Supermarkt“ (Römer 13,8-14)

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.
Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt. herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird „eine“ Herde und „ein“ Hirte werden.

Mögt Ihr auch so gern Süßes? Also ich meine jetzt nicht nur Schokolade, sondern alle Formen von Süßigkeiten: Kuchen und Kekse, Gebäck mit und ohne Schokoüberzug, mit Füllung oder ohne. Ich muss gestehen, dass ich bei so etwas schnell schwach werde. Ja, ich oute mich hier: ich bin ein großer Freund von Süßigkeiten. Und wie schön ist es, dass jetzt mit dem Advent auch eine Zeit im Kalender- und Kirchenjahr beginnt, in der die süßen Leckereien einfach dazu gehören – zumindest für mich.

Bis jetzt habe ich mich in adventlicher Zurückhaltung geübt. Ich hatte zwar schon im Oktober zum ersten Mal eine Tüte mit diesen leckeren Lebkuchenherzen in der Hand, aber mein Gewissen war doch stärker: Schließlich ist Advent erst im Dezember, oder zumindest beginnt er erst Ende November. Also hatte ich das Zeug wieder zurück gelegt – und gleich darauf alle anderen grimmig angeguckt, die dann an mir vorbei gingen und problemlos Lebkuchen eingekauft haben. Aber dieser kleine Zwischenfall war lange vor Totensonntag. Jetzt endlich kann der Advent nahen, und dazu gehören eben auch die Lebkuchen. Ich also rauf aufs Fahrrad und ab in den Supermarkt. Einkaufen muss ich sowieso. Den Einkaufswagen genommen, durch die Tür, dann den Gang entlang. Auf den ersten Blick bin ich erleichtert: Die anderen haben mir doch tatsächlich noch ein paar Lebkuchenherzen übriggelassen. Ich spüre direkt die adventliche Vorfreude in meinem Magen. Und ich greife beherzt zu und fülle die Leere meines Einkaufswagens mit einigen Tüten. Es ist ein bisschen, als ob auch mein Herz sich füllt und Weihnachten näher kommt.

Während ich also meinen Wagen fülle, stupst mich da jemand von der Seite an. Sandalen an den Füßen, der lange abgetragene Mantel über einer schmächtigen Statur, darauf ein kahler Kopf mit einem bärtigen Gesicht. Die Augen funkeln mich direkt an. Vielleicht habt Ihr habt ihn schon erkannt: Es ist Paulus, der große Briefeschreiber vor dem Herrn. Ich musste zweimal hinschauen um zu kapieren, wer das nun ist. Er sieht nicht unbedingt so aus, als würde er in unsere Zeit gehören, und ich wollte ihm schon vorschlagen, sich etwas moderner anzuziehen. Aber jetzt im Supermarkt merke ich: Niemand von den anderen hier nimmt Notiz von ihm; es ist, als ob sie ihn gar nicht sehen können.

„Na, frage ich, bist du auch bei den Adventsvorbereitungen?“„Ja“, sagt er.

„Und wo hast du deinen Einkaufswagen?“ will ich wissen. (Was soll man denn sonst mit einem wie Paulus reden, so zwischen den Supermarktregalen.)

„Ach“, sagt er, „ich bin eigentlich hier, um dich auf den Advent vorzubereiten. Damit du deine Sache ganz machst, und niemandem etwas schuldig bleibst.“

Und ich ahne, was er damit meint. In den Advent zu gehen mit genügend Lebkuchenherzen, ist irgendwie nur eine halbe Sache. Da fehlt noch was. Da muss noch was dazu kommen. Und mitten im Laden, gerade vor den Lebkuchenherzen stehen wir und Paulus sagt mir, was zu sagen ist (Das steht übrigens auch im 13. Kapitel seines Römerbriefes):

„Seid niemandem etwas schuldig. Außer: Dass ihr euch untereinander liebt. Denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren, und was da sonst an Geboten ist, das wird in einem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“

Paulus schielt in meinen Einkaufswagen und spricht mit ruhiger Stimme weiter:

„Liebt also eure Nächsten. Denn ihr wisst doch: Es ist an der Zeit, um aus der Gleichgültigkeit aufzuwachen. Bald wird Christus wiederkommen und uns endgültig erlösen. Und dieser Zeit sind wir jetzt näher, als zu Beginn unseres Glaubens. Bald ist die Nacht vorüber und Gottes Tag bricht an. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tag. Nicht in Fressen und Saufen. Nicht in Unzucht und Ausschweifung. Nicht in Hader und Eifersucht. Sondern zieht den Herrn Jesus Christus an. Hütet euch davor, euren Leib mit seinen Wünschen und Begierden zum Mittelpunkt eures Lebens zu machen.“

Auch ich schaue nun in meinen Einkaufswagen, den sieben oder acht Tüten Lebkuchen sozusagen tief ins Auge. Ich greife in den Wagen und will sie leise wieder zurücklegen ins Regal. Aber Paulus unterbricht mich. „Was machst du da?“ fragt er.

„Na ja“, sage ich, immer noch eine Packung in der Hand. „Wegen dem Fressen und Saufen.“

„Du musst zugeben, sagt Paulus, ich habe nicht ganz unrecht.“

„Ja“, sage ich, einerseits etwas beschämt und andererseits mit aufsteigendem Ärger. Und dann platzt es aus mir heraus: „Weißt du, ich habe mich lange zurückgehalten, habe das Kirchjahr beachtet. Und jetzt liegt da eine Zeit vor mit, auf die ich mich schon so lange freue, und dann kommst du mit dieser uralten Moral: Fressen, Saufen, Unzucht, Ausschweifung, Hader und Eifersucht. Da kann einem doch der ganze Spaß am Glauben vergehen! Das ist so … so moralapostelartig. So ganz nach dem Motto: Na, macht es Spaß? Fühlst du dich wohl? Ja dann, dann ist es nicht christlich.“

„Ach was“, sagt Paulus, nimmt mir die Packung Lebkuchen aus der Hand und legt sie behutsam in den Einkaufswagen zurück. „Du hast bloß die uralte Moral immer noch nicht verstanden. Was ist denn das: Fressen, Saufen, Unzucht, Ausschweifung, Hader und Eifersucht – was ist denn das? Das sind doch nur Beispiele für reinen Egoismus. Wo du nur an dich denkst und nicht mehr an andere. Wo du nur deinem Magen was Gutes tust und dann das Gefühl hast, das sei die ganze Adventsvorbereitung. Oder Unzucht: Was stellst du dir denn unter Unzucht vor? Unzucht, das ist, wenn du nicht an der Kasse mit den Süßigkeiten vorbeikommst ohne einen oder zwei Schokoriegel zu kaufen.“

Damit hat Paulus mich wirklich kalt erwischt. Kein angenehmes Gesprächsthema, die eigenen Fehler. Ihr kennt das sicher. Und Paulus redet schon weiter: „Das ist doch Unzucht? Oder was? Du hast dich nicht in der Zucht, oder wie ihr heute modern sagt: nicht im Griff. Oder warum sonst tust du etwas, von dem du weißt, dass es schlecht ist. Warum?

Und um auf das Fressen und Saufen zurückzukommen“, fährt Paulus fort: „Du weißt, dass man auch von unserem Herrn Jesus sagt, er war ein Fresser und Weinsäufer. Ja, er hat gern getrunken und gegessen – sicher auch Lebkuchen, wenn es das zu seiner Zeit schon gegeben hätte. Aber er war kein Fresser. Er war kein Egoist, der nur an seinen Bauch dachte. Sondern er war ein ehrbarer Mensch, ein Mitmensch. Besonders für die ganz Kleinen und Gebrochenen hat er ein Herz gehabt. Hat ihnen einfach mal zugehört, hat sich anrühren lasen und wer weiß, vielleicht hat er sie sogar dadurch geheilt. Wunder nennt ihr das heute. Aber es war vor allem schlichte Menschlichkeit, die ihn so ehrbar gemacht hat. Und ehrbar, das sind doch immer wieder diejenigen, die auch den Nächsten im Blick haben. Oder wer wird bei euch geehrt? Mit einem Bürgerpreis zum Beispiel? Eben die, die was für andere tun. Darum sage ich: Hüte dich davor, den Leib mit seinen Wünschen und Begierden zum Mittelpunkte des Lebens zu machen! Das, sagt Paulus, ist eine Adventsvorbereitung, auf der Segen liegt.“

Dass ich mich besonders wohl fühle in diesem Moment, so unvermutet im Supermarkt zwischen Lebkuchen und Marzipan von Paulus ermahnt, kann ich nicht sagen. Und der Satz von dem Segen, der auf dem Advent liegt, klingt ziemlich dahingesagt in meinen Ohren. Ich habe den Eindruck, Paulus erkennt meine Gedanken, denn er sagt:

„Da liegt wirklich Segen drauf. Du sollst deine Augen wirklich nicht auf den Bauch richten. Auch nicht auf das (Paulus lächelt verschmitzt), was du nicht essen sollst. Ich meine: Was bist du für ein Christ, wenn das Wichtigste deines Glaubens die Verbote wären?!“

„Ja, aber – entgegne ich – was denn sonst?“

„Das Wichtigste, das habe ich dir doch zu Anfang gesagt: Erstens: du bist niemandem etwas schuldig. Außer, dass du deine Mitmenschen liebst. Das seid ihr euch schuldig. Das können deine Mitchristen von dir erwarten. Und du von ihnen. Und zweites: Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses. Oder positiv gesagt: Wer liebt, tut seinen Mitmenschen Gutes. Schau doch mit diesem Gedanken noch einmal in deinen Einkaufswagen.“

Ich sehe in meinem Wagen immer noch sieben oder acht Tüten mit Lebkuchen. Und beginne langsam zu verstehen. Paulus merkt das. Er angelt sich eine der Tüten aus dem Einkaufswagen, öffnet sie, nimmt ein Herz heraus und sagt: „Das ist nur ein ganz kleines Symbol. Lebkuchenherzen in Zartbitterschokolade: In der bitteren Hülle etwas ganz anders, entsprechend dem Licht in der dunklen Jahreszeit oder der Botschaft von Gottes Liebe in dieser Welt. Und das auch noch in Herzform. Ein Herz ist doch das beste Bild für die Liebe!“

Er schiebt sich das Lebkuchenherz in den Mund und sagt kauend: „Geh doch einfach mit diesem Symbol in den Advent. In das neue Kirchenjahr. Du wirst immer wieder Menschen begegnen, denen du deine Nähe und deine Solidarität schuldig bist. Weil du ein Christ bist. Das ist vielleicht deine besondere Adventsbegabung. Du erwartest viel im Advent. Und nur, wer viel erwartet, kann auch viel geben. Christen können das. Und: Da liegt Segen darauf.

Ich geh dann mal. Zahl du bitte nachher die offene Packung, Und was du mit den anderen Herzen machen kannst, du weißt ja…“

Amen.

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