„Nichts ist unmöglich“ (Lukas 18,27)

Und wieder geht ein Jahr. Die Zeit „zwischen den Jahren“ wird ja traditionell gern genutzt für große und für kleine Rückblicke. Wir können im Fernsehen die unzähligen „Bilder des Jahres“ noch einmal sehen oder auch persönlich eine Jahresbilanz ziehen.

Diese Woche zwischen Weihnachten und Silvester empfinde ich als eine seltsame Zeit, die uns einlädt inne zu halten. Dabei sind viele von uns sicher hin und her gerissen – nicht nur zwischen den Jahren, sondern auch zwischen den verschiedenen Gefühlen, die sich beim Blick zurück einstellen. Zwischen Nostalgie und Sentimentalität, zwischen Dankbarkeit und Klage. Wo bin ich im letzten Jahr erfolgreich gewesen und wo grandios gescheitert? Wo war ich glücklich und froh? Und wann war mir nur nach heulen zumute? Was will ich mir bewahren und was muss sich in Zukunft unbedingt ändern? Ja, Silvester bietet viele Gelegenheiten zu schauen, was in den vergangenen 365 Tagen möglich war oder eben auch unmöglich geblieben ist.

„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Das war die Jahreslosung, also das biblische Motto für 2009 – ein Jahr, das als Krisenjahr in die Geschichte eingehen wird. Neben allen persönlichen Geschichten von Glück und Unglück haben viele Ereignisse die Gesellschaft beschäftigt. Die Finanzkrise ging 2009 unvermindert weiter und wurde ganz nebenbei auch noch zu einer Jobkrise. Es ist immer noch kein Ende in Sicht. Will da noch jemand strotzen vor Zuversicht? Ich glaube: Ja!

Auch solche Tragödien wie der Selbstmord von Robert Enke oder der Amok-Lauf von Winnenden haben die Öffentlichkeit sehr bewegt. Kann es in solchen dunklen Momenten Trost geben und irgendetwas dem Leben noch einen Sinn geben? Ich glaube: Ja!

Die Bilder der Gewalt in Afghanistan und im Irak gehören mittlerweile schon seit ein paar Jahren zum medialen Alltag. Und seit Sommer verschärft sich auch die Situation im Iran immer mehr. Sollte es da denn noch Hoffnung geben auf einen friedlichen Wandel? Ich glaube: Ja!

Und schließlich hat die Klimakonferenz von Kopenhagen im Dezember einmal mehr gezeigt, dass die Mächtigen dieser Welt eher auf ihre eigenen kurzfristigen Erfolge aus sind, statt sich langfristig um den Klimaschutz zu bemühen. Werden wir mit dieser Aussicht noch das berühmte Ruder herumreißen? Ich glaube: Ja!

Auch und gerade im Blick auf so festgefahrene und extreme Situationen kann die Antwort des Glaubens nur lauten: ja! Denn der Glaube an den Lebendigen Gott und seinen Sohn Jesus Christus ermöglicht es uns, auch gegen allen Augenschein und gegen allen Widerstand die Hoffnung am Leben zu erhalten.

Durch den Glauben an Gottes Verheißungen und Möglichkeiten bleibt die trostlose Realität durchlässig für die Wirklichkeit Gottes. Unsere Gegenwart muss geöffnet bleiben für eine Zukunft, wie Gott sie verspricht. Und das heißt: Wir dürfen unseren Herzen und unserem Hirnen mehr zumuten, als das, was wir sehen und für möglich halten! Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott eben möglich.

Wenn wir diesem Satz Jesu so auf unser Leben und die Welt beziehen, haben wir ihn tatsächlich zu einer Losung gemacht. Dann ist er zu einer Aussage geworden, die in verschiedene Zusammenhänge einwandern kann und die in verschiedene Lebenslagen hineinsprechen kann. Dabei möchte ich aber nicht vergessen, dass dieser Satz einen biblischen Zusammenhang hat, einen bestimmten Ort in der Geschichte Jesu. Die Situation ist folgende:

Ein junger, ein vornehmer Mann, kommt zu Jesus, um ihm eine echte Lebensfrage zu stellen: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Er hat bei allem Erfolg und Karriere nicht verlernt, offen zu sein für die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Also fragt er: wie bekomme ich ewiges Leben, wie kann Gottes Reich in meinem Leben anbrechen? Jesus weist seinen Gesprächspartner auf das hin, was der natürlich längst schon weiß: Du kennst die Gebote… Und er zählt einige wichtige auf – wie: Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis ablegen… Dies alles habe ich beachtet seit ich denken kann, antwortet der vornehme Mann. Dann fehlt dir nur noch eines, sagt Jesus: Verkauf alles, was du hast, und verteile es unter die Armen. Lass los und du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach! Leider, das ist zu viel – oder zu wenig, wie man’s nimmt: Der Mann wird sehr traurig… denn er ist sehr reich. Er wendet sich ab und geht. Und Jesus sieht ihn an und sagt: Wie schwer kommen die Begüterten ins Reich Gottes! Ja, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Diejenigen, die da drum herum stehen und mit zuhören, erschrecken über diese harte Aussage und fragen mit Recht: Wer kann dann überhaupt selig werden, gerettet werden? Und genau auf diese Frage antwortet Jesus: Was unmöglich ist bei den Menschen, das ist möglich bei Gott.

Offenbar, liebe Schwestern und Brüder, sind immer noch viele Menschen erschrocken über die bekannte Aussage Jesu vom Kamel und dem Nadelöhr – bis heute. Manche haben mit verschiedenen Auslegungen versucht, sich die Sache besser zurecht zu legen und sie zu entschärfen. Man hat das Nadelöhr größer gemacht und behauptet, damit sei ein gleichnamiges kleines Tor in der Jerusalemer Stadtmauer gemeint. Zwar auch nicht groß genug für ein Kamel, aber immerhin; ein Mensch kann da gerade noch hindurchschlüpfen. Oder man hat versucht, das Kamel kleiner zu machen, ein Buchstabe in dem entsprechenden griechischen Wort sei einfach verkehrt, eigentlich heiße es nicht kámälos, Kamel, sondern kámylos, und das wäre dann nur noch ein „dicker Strick“ – geht zwar auch nicht durch ein Nadelöhr, aber immerhin.

Ich weiß nicht, was das bringen soll; die Sache ist klar und bleibt so stehen: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Keine Chance also, sich da irgendwie durch zu mogeln. Punkt. Die Reichen und das Reich Gottes kommen offenbar nicht zueinander. Und gerade im Lukasevangelium gewinnt diese soziale Sicht der Dinge an Schärfe. Schon Maria hat es in ihrem Lobgesang kraftvoll ausgedrückt:  Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Und bei Jesus selbst geht die Seligpreisung der Armen und der Hungrigen Hand in Hand mit der Drohung an die Satten und Reichen: Wehe, ihr habt euren Trost schon gehabt; ihr werdet hungern. Und nun an dieser Stelle hier: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.

Im Blick auf die Gierigen, die gerade auch in diesem letzten Jahr dramatisch als solche ans Licht gekommen sind; und im Blick auf diejenigen, die Millionen und Milliarden skrupellos verzockt haben und dafür immer noch hohe Abfindungen kassieren; und auf die, die ihren Luxus in Krisenzeiten zynisch zelebrieren … kann ich mich erst mal an der Klarheit dieser Worten Jesu freuen. Auch ohne billige Schadenfreude, einfach aus dem starken Wunsch nach einer besseren Welt, einer gerechteren Welt, der darauf wartet, irgendwann eingelöst zu werden.

Aber wo verläuft die Grenze, und wo gehören wir selber hin – angesichts der wirklich Armen hier bei uns; und erst recht angesichts der Armut in den Ländern des Südens und des Ostens? Was Jesus sagt, wird erst so richtig stark, wenn man es an sich selbst heran lässt. Das haben offenbar auch die Leute schnell gemerkt, die das Gespräch mitverfolgt haben, Jünger, Jüngerinnen und andere. Sind wir nicht alle genau so unfertig für das Himmelreich? Wer kann dann selig werden, gerettet werden? fragen sie. Eine berechtigte Frage. Sie wird zu unserer eigenen.

Für die Menschen ist es unmöglich, das ewige Leben zu gewinnen. Menschlich gesehen ist diese Frage eine Geschichte des Scheiterns, die im Unmöglichen endet. Die Jüngerinnen und Jünger hatten dieses Ergebnis des Gesprächs, das sie anhörten, wohl verstanden… Sie erkannten, wie für alle der Zugang zum Reich Gottes sich verengt.

Aber durch Jesus Christus geschieht etwas. Sein Kommen verwandelt das menschlich Unmögliche in eine göttliches Mögliches. In der Begegnung mit ihm werden Menschen heil. Seine Zuwendung hilft den Lahmen auf die Beine, seine Wärme taut die gefrorenen Herzen der Korrupten, seine Verbindlichkeit verjagt die Dämonen der gesellschaftlichen Ausgrenzung. Wer ihm begegnet, spürt die unmögliche Möglichkeit, die gegen alle Wahrscheinlichkeit und Gesetzmäßigkeit das ewige Leben, das Reich Gottes, aufscheinen lässt.

Es tut gut, beim Zurückblicken auf dieses Jahr neben einigem anderen auch diese Zeichen erkennen zu können: Zeichen für das, woran ich glaube, worauf ich hoffe, Zeichen für Gottes Gegenwart in meinem Leben, starke, vielleicht zarte Momente, die nach ewigem Leben schmecken. Ich selbst betreibe meinen persönlichen Jahresrückblick nicht wirklich konzentriert und im Zusammenhang. Um so mehr freue ich mich, wenn dann ein solcher Moment aufleuchtet. Ein Zeichen – und mehr als das. Was wäre ich, was wären wir ohne solche Lichtungen, an denen das Licht des Himmelreiches aufscheint? Ja, was wären wir ohne sie?

Vielleicht kann es helfen, am Ende dieses Jahres zurück zu schauen und genau diese „Lichtungen“  zu suchen, wie sie sogar in einem durchweg missratenen Jahr aufscheinen. Aus ihnen ziehen wir Kraft für all das, was auf uns im neuen Jahr wartet. Auch für alles Unmögliche – denn bei Gott ist es möglich!

Amen.

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