Hoffnung im Gepäck (Das Buch Rut)

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Diese Worte sind bekannt und beliebt – Ihr kennt sie sicher alle, habt sie schon einmal gehört, immer wieder gerne genommen z.B. bei Trauungen. Sie stammen aus der Geschichte von Rut und Naomi, einer Geschichte aus früheren Zeiten. Lange her und doch gar nicht so weit weg.

Diese Geschichte ist eine Geschichte über Zuneigung und Liebe, über Fragen und Zweifel, aber auch eine Geschichte über Migration und Integration, über Flucht und Zuflucht. Sie beginnt mit einer Hungersnot – einer Not, wie wir sie kennen von bewegenden und manchmal auch allzu schrecklichen Bildern, die um die Welt gehen. Leere Schüsseln und leere Herzen: wo es nichts mehr zu essen gibt, da fehlt im wahrsten Sinn die Lebensgrundlage. Da fehlt jede Zukunftsperspektive, jede Hoffnung auf ein besseres Leben in der gewohnten Umgebung. Und deshalb brechen immer wieder Menschen auf, machen sich auf die Reise und verlassen ihre Heimat, auf der Suche (nicht nur) nach einem besseren Leben, sondern überhaupt nach Leben. Überleben.

Naomi ist so eine Migrantin, die mit ihrer Familie vor dem Hunger und der existenziellen Unsicherheit in ein fremdes Land flieht. Vom ärmlichen Bethlehem geht es nach Moab. Keine besonders lange Reise in das Nachbarland, eher typisch für die meisten Fluchtbewegungen – bis heute. Nachdem ihr Mann und ihre Söhne gestorben sind, gibt es dort nichts mehr was sie hält. Zwar kann sie als gut integriert gelten im Lande Moab. Aber sie und ihre einheimischen Schwiegertöchter stehen als Witwen in der Gefahr zu verarmen, recht- und schutzlos zu sein. Ein unangenehmer Nebeneffekt der patrilinearen Gesellschaft. Deshalb entscheidet sich Naomi zur Rückkehr in ihre Heimat. Eine ihrer Schwiegertöchter, Rut, folgt ihr.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Ganz gegen alle Ratschläge und Hinweise  der Migrationsberatungsstellen will Rut mitgehen in die Ungewissheit eines ihr fremden Landes. Rut hält zu Naomi und lässt sich durch nichts davon abbringen. Die beiden verarmten Frauen ziehen in die Gegend von Bethlehem, Beth-Lehem, dem „Haus des Brotes“, wo sie sich durch das Aufsammeln von Ernte-Resten mit Mühe über Wasser halten können. Leben vom Abfall der anderen – wer nichts hat, dem ist das gut genug.

Wie durch ein Wunder gerät Rut an einen Landbesitzer, der das Herz am rechten Fleck trägt und ihr freundlich begegnet, und das zunächst ganz ohne Absichten. Durch Boas und seine menschenfreundliche Haltung gelingt es den beiden Frauen, der bitteren Armut zu entgehen. Ja, es gibt sogar ein Happy End, bei dem sie Zukunft gewinnen – eine Zukunft, wie sie letztlich nur in einem Kind zum Ausdruck kommen kann. Ruts Bekenntnis, in Not gesprochen. erweisen sich verheißungsvoll:

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Apropos Gott: Wo ist Gott eigentlich in dieser Geschichte? Gott ist da, aber eher zwischen den Zeilen. Kein großes Brimborium, keine großspurige Anrufung des Herrn über Himmel und Erde, dass er doch die Not wenden möge.

In dieser Geschichte erscheint Gott, als einer (oder sollte man hier nicht besser sagen: als eine), die mitgeht in die Fremde. Gott ist spürbar in Naomis Entschiedenheit, in Ruts Solidarität, in Boas‘ Freundlichkeit. Das alles ist ganz unspektakulär, fast beiläufig, und doch wendet sich das Leid zum Guten.

Ich finde das sympathisch. Gerade angesichts unserer brüchigen und zersplitterten Welt, zwischen Supergau, Selbstjustiz und Diktatorenmacht, da ist es wohltuend, wenn Gott auf die sanfte Tour daher kommt. Fast unerkannt. Aber Gott steht an der Seite der Armen, der Migranten und Flüchtlinge, der Entwurzelten und derer, die nichts mehr haben bzw. nichts mehr zu verlieren.

Die Geschichte von Rut und Naomi berichtet davon, dass selbst von einer fremden und ausgegrenzten Migrantin am Ende sogar ein König abstammen kann: König David, eine schillernde Figur des Gottesvolkes und Begründer der israelitischen Großmacht im Nahen Osten. Sein Stammbaum reicht bis zu einem gewissen Jesus von Nazareth, den manche von uns Sohn Gottes und Erlöser der Welt nennen. So wird die Migrantin Rut zu einer Stamm-Mutter Jesu.

Es ist kein Zufall, dass der Stammbaum des Heilands im Matthäusevangelium auch Rut ausdrücklich nennt. Der Gottessohn, dessen eigene Geburt unter einem hellen aber schwierigen Stern stand, auf der Durchreise geboren und der – zumindest in der Version nach Matthäus – kurz nach seiner Geburt mit den Eltern als Flüchtling auf dem Weg nach Ägypten war, dieser Gottessohn steht in einer Linie mit zwei Migrantinnen, deren Neuanfang und Integration wie durch ein Wunder gelingt.

Ruts Geschichte ist aber auch die Geschichte eines Gottes, der ganz bewusst diejenigen ausguckt, die schwach und gesellschaftlich an den Rand gedrängt sind. Ja, ich würde sogar sagen: Gott hat eine Vorliebe gerade für solche Menschen, die Mühe haben, ihren Platz zu finden, statt sich derer zu bedienen, die sich selbst für stark, reich und etabliert halten. Das ist Theologie, Theologik – Gottes verrückte Logik! Gott nimmt sich der Schwachen und Armen an und befähigt sie auf eine manchmal etwas unheimliche Art und Weise dazu, selbst aktiv zu werden und Subjekte ihres Lebens zu sein.

Und wer weiß, wie sehr sich die Kommentatoren in den judäischen Zeitungen darüber gewundert haben, dass die Migrantin Rut ihr Leben selbst in die Hand nimmt und damit nicht in das Bild der viel beschriebenen Integrationsverweigerer passt. Auch der Bestseller in den damaligen Bücherregalen mit dem Titel „Judäa schafft sich ab“ wurde durch Ruts Geschichte widerlegt. Man kann sagen: Die Integration von Rut und Naomi ist gelungen! Und gemäß der Einsicht, dass gelingende Integration ein wechselseitiger Prozess ist, wie es auch aus unserem Hause immer wieder verlautbart wird, verändert sich auch die judäische Gesellschaft. Bis hin zum Stammbaum Jesu, bis in die Zukunft der Welt.

Diese Geschichte hilft mir zu verstehen, was wir alles gewinnen, wenn wir uns Flüchtlingen und Migranten bei uns zuwenden. Wenn wir auf jene zugehen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen – sei es durch Krieg und Folter, durch Hunger oder Perspektivlosigkeit.

Sie machen sich auch heute auf, um nach Europa zu kommen, ins moderne Beth-Lehem, das „Haus des Brotes“ unserer Zeit, in das Land der Fülle und des schier grenzenlosen Konsums, aber auch das Land geschlossener Schranken und gefährlicher Grenzen, an denen jedes Jahr tausende den Tod finden.

Ich ahne: Wenn wir in unserer Zeit, heute, auf der Suche nach Gott sein wollen, dann führt uns die Geschichte von Rut genau zu ihnen, den Geflohenen und Entwurzelten. An ihrer Seite ist Gott zu finden. Wenn das mal keine Motivation ist, dass wir uns hier engagieren für eine bessere Welt, eine menschlichere Welt:

Für eine Welt, in der nicht die Herkunft zählt oder die Sprache, die wir sprechen, sondern allein unser Menschsein.

Eine Welt, die nicht unterscheidet in Fremde und Einheimische, sondern die offen ist für alle, die darin leben wollen.

Eine Welt, in der zivilgesellschaftliches Engagement nicht belächelt oder gar kriminalisiert wird, sondern gewürdigt und erwünscht ist.

Eine Welt, wo Multikulti kein Kampfbegriff mehr ist, sondern Ausdruck einer selbstverständlichen Vielfalt an Lebensformen und Kulturen.

Eine Welt, in der nicht Angst und Abgrenzung das letzte Wort haben, sondern Zusammenhalt und Zukunft.

Ja, eine Welt, die nicht den Himmel verspricht, sondern Leben auf Erden gelingen lässt.

Von einer solchen Welt erzählt die Geschichte Ruts, und für eine solche Welt steht am Ende auch der Mann aus Nazareth, in dem wir den Gottessohn und Menschenbruder erkennen. In seinem Namen können wir an dieser Welt bauen und den Ruts und Naomis unserer Zeit eine echte Chance geben – aber auch uns selbst und unserer Gesellschaft!

Amen.

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