Die Hoffnung stirbt zuletzt (Mt 27,33-50)

Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum.Und sie saßen da und bewachten ihn.Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König.Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfeund sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Sicherlich kennt ihr dieses Sprichwort.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ – das sagt man leichtfertig in Momenten, die zwar ausweglos sind, aber nicht hoffnungslos. Etwa, wenn der Lieblingsfußballverein kurz vor dem Abstieg steht und ein wichtiges Spiel verloren hat.

Oder in Situationen, wenn es vielleicht noch einen letzten grünen Grashalm gibt, an dem man sich klammern kann – in der Hoffnung, dass alles irgendwie doch gut ausgeht.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Ich selber sage das oft einfach so daher, meistens mit einem Augenzwinkern. Aber eigentlich steckt in diesem Satz viel mehr drin. Er hat etwas Widerständiges. Tatsächlich: Widerstand gegen bedrohliche Situationen, in denen es nicht gut aussieht, die dunkel sind und einen lähmen können. Situationen, in denen es eigentlich keine Hoffnung mehr gibt. Da heißt es dann wie zum Trotz: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Wie Zum Trotz gegen alles Axelzucken unserer Tage, gegen die Lage in Fukushima oder Libyen, gegen die Ratlosigkeit beim Klimawandel, aber auch wie zum Trotz gegen eine vernichtende Diagnose beim Arzt oder gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit.

Wie zum Trotz bildet sich Hoffnung, die bis zuletzt am Leben bleibt. Und mit ihr der Mut etwas zu verändern.

Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt. Heute an Karfreitag stirbt sie. Ans Kreuz genagelt. Und davor: verspottet, verachtet, ausgelacht und gefoltert, geschlagen, getreten und bespuckt. Die Menschen können sie nicht ertragen, eben jene Hoffnung, die aus den Worten und Taten des Mannes am Kreuz hervor scheint.

Seine Hoffnung war es, das alle Menschen erkennen, was Gott für sie will: Ein gutes, ein erfülltes Leben, Freundschaft untereinander, Frieden mit der Schöpfung, Gerechtigkeit für die Benachteiligten und Nähe den Ausgegrenzten.

Dafür ist er aufgetreten, der Mann aus Nazareth. Dafür hat er sich engagiert, hat sich selbst „ein-gesetzt“ wie als Unterpfand Gottes, hat sich um Kopf und Kragen geredet.

Er war bei den Gebeugten, die krumm gemacht werden durch eine Gesellschaft, wo nur die weiterkommen, die sich verbiegen lassen.

Er war bei den Blinden, die sich vom äußeren Schein blenden lassen, von Macht, Reichtum, Geld, Aktien und Immobilien, von ewiger Jugend und Gesundheit.

Er war bei den Stummen, die sprachlos werden angesichts der Verhältnisse, in denen sie leben. In ihren ärmlichen Familien, im Beruf, in der Gesellschaft, wo das Recht des Stärkeren uneingeschränkt gilt.

Und er war bei den Toten. Bei denen, die schnell für tot erklärt werden, die mit ihrer Art zu leben nicht ins allgemeine Bild passen. Bei den Totgesagten, außen vor, von der Gemeinschaft abgeschnitten.

Für sie alle war er da. Er hat sich selbst eingeladen. War bei ihnen zu Gast und kam ihnen nahe, ja gefährlich nahe. Er ließ sie Anteil haben an seiner Energie, an seiner Freundschaft mit Gott, an seiner Hoffnung.

Und eine Begegnung mit ihm könnte das ganze Leben auf den Kopf stellen. Nach einer Begegnung mit ihm konnte man wieder aufrecht gehen, die Welt mit neuen Augen sehen, Gott mit fröhlichen Liedern danken. Wer mit ihm zu Tisch gesessen hatte, der konnte aufatmen und das Leben als Geschenk sehen, das viel zu kostbar ist, um es allein durchzubringen.

Ja, seine Hoffnung wurde ihre Hoffnung. Mehr noch: Er selbst wurde ihre Hoffnung. Und jetzt?

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Aber sie stirbt. Hier am Kreuz, der Mensch aus Nazareth.

Nicht ums Leben gekommen bei einer schrecklichen Naturkatastrophe oder einem unausweichlichen Schicksal. Ans Kreuz gebracht – von Menschen.

Wie oft kreuzigen wir Menschen unsere eigene Hoffnung? Wie beharrlich sehnen wir uns nach dem Dunkel? Hören nur die Kritik an uns? Sehen nur die Hiobsbotschaften in der Politik? Spüren die Unzufriedenheit der anderen und vor allem unsere eigene Unzufriedenheit mit uns selbst?

Wie taub sind wir, wie verschlossen für das freundliche Wort, das Lob, die Liebeserklärung, die guten Nachrichten, das Freundschaftsangebot?

Aber es gibt sie, es gibt sie in jedem Leben, diese hoffnungsvollen Momente, diese helle Leichtigkeit des Seins. Und doch fällt es vielen von uns schwer, sie zu würdigen oder überhaupt wahrzunehmen. Es überwiegt so oft die Dunkelheit und die gefühlte Trostlosigkeit. Immer noch.

Immer noch schließen wir abends aus Angst die Türen zu, begegnen dem Fremden auf der Straße scheu und misstrauisch, sogar im Urlaub hier auf der Insel. Immer noch überlassen wir das Schicksal von abgeschobenen Flüchtlingen anderen oder schieben die Not einer Familie, die von Hartz IV leben muss, von uns.

Immer noch schauen wir weg, wenn irgendwo in unserer Nähe die Hoffnung gekreuzigt wird. Dann sagen wir uns wie zum Trost: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Aber sie stirbt. Sie stirbt allein gelassen. Am Kreuz. Der Mann aus Nazareth, der die Gottesnähe verkörpert hat wie kein anderer, er stirbt allein.

Aber es ist kein stummes Leiden: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ruft er in seiner Todesstunde. Verlassen von Gott, der Lebensquelle, schreit er seine Angst und Einsamkeit hinaus in die Welt. Und sein Schrei vereinigt sich mit all den Schreien der Menschen, die vergessen werden, die allein gelassen sind auch in unseren Tagen.

Sogar in seiner Todesstunde ist er denen nahe, die so leiden müssen wie er. Sogar im Sterben noch verändert er die Welt. Sie wird nie mehr so sein, seit diesem Karfreitag auf Golgatha: Von diesem Moment an leidet niemand mehr allein!

All die Todkranken, die Verurteilten, die Ausgestoßenen, die Diskriminierten, die Gebrochenen, die Verlassenen, die Betrogenen alle diese können sich auf seine Solidarität verlassen. Sein Schrei ist ihr Schrei, er teilt mit ihnen die Tiefen des Lebens auf eine Weise, wie es kein anderer getan hat.

Und genau deshalb steigt er nicht vom Kreuz. Er folgt nicht den Rufen der Leute, die ein weiteres Wunder verlangen, ein Zeichen seiner messianischen Kraft. „Steige doch herab vom Kreuz! Hilf dir selbst, wenn du der Sohn Gottes bist!“

Vielleicht hoffen sie ja insgeheim, dass er Ernst macht, dass er vom Kreuz steigt und ihnen dadurch zeigt, wie mächtig er ist. Dann müssten sie es nicht aushalten, dass sie einen Unschuldigen töten, so hoffen sie. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Sie haben nichts verstanden, gar nichts.

Jesus steigt nicht vom Kreuz. Er bleibt, er hält es aus, treu seiner Botschaft und in Solidarität mit den Verlassenen.

Sein Schrei am Kreuz ist der Protest gegen die Einsamkeit, gegen das Vergessen. Es ist ein himmlischer Protest auf Erden. Jesus bleibt unbequem – sogar im Sterben – und er erinnert uns daran, dass wahre Veränderung im Leben und in unserer Welt immer unbequem ist.

Bis zu uns heute dringt sein Schrei. Der Schrei des Gekreuzigten wird immer lauter, bis die Welt ihn nicht mehr überhören, nicht mehr ignorieren kann.

Bis wir Menschen damit aufhören, unsere Hoffnung zu kreuzigen.
Bis wir endlich damit anfangen für Gerechtigkeit und faire Lebensbedingungen auf unserem Planeten zu sorgen.
Bis wir für einen echten Klimaschutz eintreten, für eine nachhaltige Energiepolitik.
Für Brot und Frieden in Afrika.
Für menschenwürdiges Leben, auch im Alter.
Für kinderfreundliche Gesetze.
Für humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen.

So lange wird dieser Schrei uns verfolgen und uns daran erinnern, wie viele heute immer noch verlassen und vergessen sind. Für wie viele Menschen die Hoffnung buchstäblich schon gestorben ist.  Scheinbar so endgültig, dass auch sie innerlich aufgehört haben zu leben.

Der Mann aus Nazareth, der Mann am Kreuz, er hängt da stellvertretend für alle, die nicht mehr können, die sich verlassen fühlen.

Sein Leben gibt er für sie hin und die Hoffnung stirbt mit ihm.

Und wir? An Karfreitag hilft nur Aushalten. Jedes vorweggenommene Wort von Ostern würde nur verpuffen. Es gibt einfach solche Momente, da stirbt auch die Hoffnung. Und es bleibt von ihr nur ein unscheinbarer, grüner Halm. Mehr nicht. Noch nicht.

Amen.

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