„Abfallprodukt“ Würde (Mk 7,24-30)

Wir alle sind verschieden. Die einen sind jünger, die anderen älter, einige schlank, andere vollschlank. Unter uns gibt es Akademiker und Arbeiter, Angestellte und Freiberufler. Ganz unterschiedliche Erfahrungen haben wir in unserem Leben gemacht, verschiedene Vorlieben gibt es auch. Das fängt beim Lieblingsessen an und hört beim Fußballverein wahrscheinlich noch lange nicht auf.

Und auch jenseits der  Kirche, in der großen weiten Welt, gibt es noch mehr Unterschiede. Arme, Reiche, Gesunde und Kranke, Menschen verschiedener Hautfarbe, Religion und Volkszugehörigkeit.

So verschieden wir sind, eines haben wir aber alle gemeinsam: Wir besitzen Menschenwürde. Für uns als Christinnen und Christen kommt diese Erkenntnis aus unserer besonderen Beziehung zu Gott, die in der Schöpfungsgeschichte zum Ausdruck kommt. Im 1. Buch Mose heißt es: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“ Mann und Frau sind also gleichermaßen Gott ähnlich! Also sind alle Menschen, wie verschieden sie auch sein mögen, von Gott geschaffen und Gott ähnlich, eben nach seinem Bild geschaffen. Genau darin liegt unsere Würde. Das ist wie ein Glaubenssatz. Wir glauben an die Menschenwürde, beweisen können wir sie nicht.

„Mutig für Menschenwürde“ lautet das Motto der Friedensdekade, die wir heute am Volkstrauertag begehen. „Mutig für Menschenwürde“ – das ist ein klarer Aufruf, für diese Würde einzutreten. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes. Und weiter: „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Die Menschenwürde ist also in Wirklichkeit nicht unantastbar, vielmehr ist sie verletzlich, etwas, das geschützt und verteidigt werden muss. Unser Glaubenssatz von der Würde des Menschen ist auch ein Aufruf an die staatliche Gewalt und an alle Bürgerinnen und Bürger, sich mutig dafür einzusetzen, dass kein einziges Gottebenbild seiner Würde beraubt wird, dass niemand ent-würdigt wird.

Es ist gut, wenn Menschen sich mutig für Menschenwürde einsetzen. Und doch, manchmal muss man auch für sich selbst sprechen und mutig sein. Wie die Syrophönizerin aus dem Markusevangelium zum Beispiel:

Und er stand auf und ging von dort in das Gebiet von Tyrus. Und er ging in ein Haus und wollte es niemanden wissen lassen und konnte doch nicht verborgen bleiben, sondern alsbald hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Und sie kam und fiel nieder zu seinen Füßen – die Frau war aber eine Griechin aus Syrophönizien – und bat ihn, dass er den bösen Geist von ihrer Tochter austreibe. Jesus aber sprach zu ihr: Lass zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es vor die Hunde. Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde unter dem Tisch von den Brosamen der Kinder. Und er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen geh hin, der böse Geist ist von deiner Tochter ausgefahren. Und sie ging hin in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen, und der böse Geist war ausgefahren.

Es ist nur eine kleine Szene, schnell erzählt. Die fremde Frau ist eine nichtjüdische Ausländerin. Sie bittet Jesus um Heilung für ihre kranke Tochter. Jesus lehnt ab, denn zuerst sollen die Kinder Israels satt werden und erst dann die Hunde. Er benutzt ein Schimpfwort für die Heiden, zu denen diese Frau gehört.

Die Syrophönizerin nimmt das Schimpfwort auf, sie bleibt in seinem Bild und führt es konsequent weiter: Vom Tisch fallen auch Brotkrumen für die Hunde ab. D.h. der Friede Gottes, den Jesus nicht nur verkündigt, sondern auch verkörpert, er gilt quasi als „Abfallprodukt“ auch für diejenigen, die noch nicht an den Gott Israels glauben. Und nun gibt Jesus der Bitte nach und spricht der Tochter Heilung zu.

Diese Geschichte begleitet mich, seit ich die Bibel lese. Die Hartnäckigkeit der Frau habe ich oft bewundert. Doch ihre scheinbare Unterwürfigkeit, die es sogar erduldet, sich als Hund bezeichnen zu lassen, passte noch nie in mein Bild vom aufrechten Gang eines Menschen. Ist sie Vorbild für eine demütige Glaubenshaltung? Oder nur ein abschreckendes Beispiel für unnachgiebige Fans, die ihren Idolen überall auflauern und ein Stück von der Glanz und Glamourwelt erhaschen wollen?

Und dann dieser Jesus! Seine genervte Ablehnung gegenüber der Frau und die diskriminierenden Schimpf-Worte – das ist eigentlich nicht der Heiland, der mich zum Glauben einlädt. Im Laufe meines Lebens habe ich mir ein Jesusbild zurecht gelegt, das viel mit Gerechtigkeit und Inklusivität zu tun hat, das aber mit Ausgrenzung und Unterscheidungen kaum vereinbar ist. Der Jesus im Predigttext ist unbequem anders und stellt damit manche Vorstellungen vom „Kuschelheiland“ in Frage.

Und doch: Am Ende ist es eine verheißungsvolle Geschichte: Die Syrophönizerin klagt mit ihrer unablässigen Haltung ihre Menschenwürde. Sie weiß, dass sie nichts erwarten kann und keinen festgeschriebenen Rechtsanspruch darauf hat, dass ihre Würde bzw. die Würde ihrer Tochter geschützt ist.

Dennoch erinnert sie Jesus daran, dass alle Menschen Geschöpfe Gottes und auf die heilbringenden Liebe des Schöpfers angewiesen sind. So ist es am Ende nur konsequent, dass Jesus ihre Bitte erhört und durch die Heilung der Tochter die Würde der Frau hergestellt. Und vielleicht – so legt es der Bibeltext nahe – wird damit auch die Würde aller Menschen anerkannt, gleich welchen Glaubens sie sind, ob sie nach jüdischen Regeln leben oder nicht.

Ich finde, das Beispiel der syrophönizischen Frau macht Mut, sich für den Schutz der Menschenwürde einzusetzen. Bei anderen und für sich selbst. Besonders da, wo die Würde mit Füßen getreten wird, wo bestimmten Personen(gruppen) die elementaren Zugänge zu gesellschaftlicher Teilhabe verwehrt werden, dort ist Beharrlichkeit und Solidarität vonnöten.

Wie z.B. Menschen ohne Papiere, in der so genannten „aufenthaltsrechtlichen Illegalität“. Sie werden als Arbeitskräfte schamlos ausgebeutet und erhalten keine medizinische Grundversorgung. Sie sind von  der Verletzung der Menschenwürde ebenso betroffen wie Kinder von Langzeitarbeitslosen, bei denen es nicht mal für einen Schulranzen reicht, ganz abgesehen von Freizeitangeboten beim Sport oder im Gitarrenunterricht.

Die Liste der Verletzungen der Menschenwürde reicht weit und wird immer bedrängender, wenn wir etwa nach Afrika oder Lateinamerika schauen: Flüchtlinge und Arme, Kranke und Entrechtete, Fremde und Fremdgemachte – für sie alle wirft sich die verzweifelte fremde Frau Jesus zu Füßen. Für diese alle ringt sie ihm eine Würde ab, die nicht mit Geld erworben oder durch besondere Leistungen verdient werden kann. Denn Menschenwürde kann – ebenso wie die Liebe Gottes oder mit einem alten Wort: Gnade – nur geschenkt werden.

Christinnen und Christen tun gut daran, sich immer wieder einmal gegenseitig daran zu erinnern, dass Würde keine Frage der Ehre ist, sondern ein Geschenk Gottes. Unverfügbar und doch einklagbar als Gottes Ebenbilder.

Zugleich habe ich in den letzten Jahren gelernt: Es ist nicht immer einfach zu beurteilen, wann die Würde eines Menschen verletzt wird.

Wie ist es beispielsweise mit der Ganzkörperverschleierung einer muslimischen Frau. Wird ihre Würde als Frau durch das Tragen einer Burkha verletzt? Oder wäre ihre Würde eher verletzt, wenn man sie dazu zwingt, etwas von ihrer nackten Haut zu zeigen?

Und was ist mit denjenigen, die überall in der Stadt zu sehen sind, mit der Flasche in der Hand, angetrunken und aufgegeben? Auch sie schuf Gott zu seinem Bilde – aber wo ist ihre Würde? Sollten sie daran gehindert werden, im Freien zu schlafen?

„Mutig für Menschenwürde“, aber wie? Die Antwort ist nicht immer einfach, aber die Frage darf uns nicht loslassen.

„Mutig für Menschenwürde“, das kann heute heißen, gegen offenen und unterschwelligen Rassismus aufzustehen, der die Menschheit in Übermenschen und Untermenschen aufteilt. Nicht nur wie bei den Morden durch den Nationalsozialistischen Untergrund, sondern schon dort, wo Menschen bloß allein wegen ihrer Hautfarbe im Alltag schlecht behandelt werden.

„Mutig für Menschenwürde“, das kann heute heißen, sich damit nicht abzufinden, dass immer noch Völker hinter Mauern und Stacheldraht eingesperrt sind, nicht nur in Nordkorea oder im Gazastreifen, von wo Raketen auf Israel geschossen werden und wo Bomben niedergehen, die unschuldiges Leben zerstören.

„Mutig für Menschenwürde“ kann heute heißen, dass wir als Christinnen und Christen nicht tatenlos zusehen, wie Menschen zu Kanonenfutter werden, sterben durch deutsche Waffen.

„Mutig für Menschenwürde“ – das heißt darum auch am heutigen Volkstrauertag, an dem Bekenntnis der Kirchen festzuhalten, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein darf.

Alle Menschen sind verschieden, aber wir alle haben eine Würde. Lasst uns das nicht vergessen.

Amen.

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