Last Minute in die Freiheit – Gedanken zum Aufbruch

Exodus

Es war kein geplanter Aufbruch und doch hat er Geschichte geschrieben: Als die Frauen, Männer und Kinder damals im staubigen Ägypten ihre sieben Sachen packten, musste es schnell gehen. Hastig wurde alles zusammen geschmissen. Sie hatten „Last Minute“ gebucht auf dem Weg in die Freiheit. Da bleibt nicht viel Zeit um sentimental Abschied zu nehmen. Kein Seufzer und kein Blick zurück, als sie die Türen öffnen, den Blick nur nach vorn. Das Reiseziel steht fest, auch wenn die Beschreibung im Prospekt zunächst etwas unpräzise klingt. „Ein Land, wo Milch und Honig fließen“ – das ist zumindest viel versprechend und lässt Raum für Hoffnungen.

Klar, die damit einhergehende Tötung der erstgeborenen Ägypter ist politisch nicht korrekt. Aber Aufbruch in die Freiheit vollzieht sich in den seltensten Fällen ohne Verluste. Aufbruch ist Abbruch. Diese Einsicht kann sehr schmerzhaft sein, nicht nur für die Ägypter, sondern gerade auch für Pastoren, die gern vom „Kuschelgott“ reden.

 

Verheißung

In der Tat ist der Gott des Ersten Testaments ein Gott des Aufbruchs: Wie sonst ist die noch aus der Grundschulzeit bekannte Geschichte von Abraham und Sarah zu verstehen? Gott besucht den schon aufs Rentenalter zugehenden Abraham und flüstert ihm ins Ohr, er solle aufbrechen. Erstaunlich, denn die beiden haben ihr Leben gelebt und es zu was gebracht. Sein Anlageberater investiert nur in relativ sichere Projekte, und doch meint der Alte, er müsse der göttlichen Eingebung folgen – und noch einmal aufbrechen.

Am Ende winkt freilich eine saftige Belohnung: zahllose Nachkommen für das kinderlos gebliebene Paar und etwas, das nicht ganz zur materialistischen Denkweise des Patriarchen passt: Segen! Es ist gerade der Segen, jener nicht näher zu bestimmende Zustand menschlichen Glücks, der aus neuen Begegnungen und Beziehungen erwächst. Wer sich aufmacht, begegnet neuen Menschen und schenkt sich selbst neue Freundschaften. „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ (Gen 12,2).

Nicht nur aus großer Not führt der biblische Gott also die Menschen hinaus in die große Unbekannte, die Freiheit, wie im Falle des Volkes Israel. Auch aus den besten Verhältnissen werden sie gerufen. „Mach dich auf und werde Licht“ (Jes 60,1). Wahrscheinlich leidet Gott an ewigem Fernweh und der Lust, immer wieder Neues zu erleben. Da ist es also nicht verwunderlich, wenn Leute, die (an) Gott glauben, eine gewisse Unruhe spüren. Aufbruch und Anfang sind dann so etwas wie Glaubenspraxis. Exodus und Erzeltern sind übrigens Prototypen für das, was die Bibel sonst noch zu bieten hat: Josua, Ruth, David, Jeremia, sogar Hiob –sie werden herausgerufen aus dem Gewohnten, hinein ins Ungewisse. Und sie folgen diesem Ruf im durchaus brüchigen Vertrauen darauf, dass sie nicht verloren gehen.

 

Krisis

Der Blick in das Zweite Testament führt uns zu Jesus. In den Geschichten über ihn und seinen Fanclub spiegelt sich manches von der Radikalität des Abschiednehmens: Das Lukasevangelium berichtet, wie Jesus zur Nachfolge aufruft und einige Leute darauf antworten, sie müssten noch ihre Eltern begraben oder sich von ihrer Herkunftsfamilie verabschieden. Der Heiland antwortet mit den Worten: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“ (Lk 9,62).

Wie so oft in dem als Blaupause für Liebe und Sanftmut missverstandenen Zweiten Testament verursacht Jesus einen Skandal. So geht man doch nun wahrhaftig nicht mit Menschen um! Dazu noch mit solchen, die einem nachfolgen und etwas zur Gemeinschaft beitragen wollen. Es ist eine nonchalante Unverfrorenheit, mit der Jesus die drei Bewerber auf den Jüngerjob abfertigt. Nicht radikal genug sind sie für das Reich Gottes – und das macht sich fest an ihrer Beziehung zum Gewohnten. Vielleicht ist der Heiland an dieser Stelle ein bisschen gar zu streng gewesen. Aber hinter dieser brüsken Abfuhr zeigt sich eine wahrhafte Haltung: Wie sollen sich Menschen aufeinander einlassen, wie sollen sie das Reich Gottes, diese ganz andere Wirklichkeit erfahren, wenn ihr Blick fixiert bleibt auf Heim und Haus, Familie und Bekannte? Manchmal im Leben gibt es Situationen, da bleibt weder Zeit noch Energie, um sich ausführlich zu verabschieden: ein ungemein attraktives Jobangebot, der spontane Ausstieg oder gar das Ende einer Beziehung.

Jesus fordert ziemlich viel, aber nicht um seiner selbst Willen. Die Momente des Gottesreiches bieten das volle Leben in einer ganz anderen Intensität. Da werden das menschliche Bedürfnis nach Nähe und das göttliche Bedürfnis nach Gerechtigkeit gestillt. Und das wird möglich im Aufbruch und der Bereitschaft, einen neuen Anfang zu wagen. (Dass es leicht sein würde, steht nicht im Kleingedruckten.)

Ehrlich gesagt war der Heiland nicht ganz konsequent: Im Johannesevangelium gibt es kapitelweise Abschiedsreden, die Jesus seinen Leuten hält. Er weiß schon, was kommt: Kreuz und Auferstehung sind ihm in die Krippe gelegt. Aber die Jüngerinnen und Jünger, jene Bande von Tunichtguten und Begriffsstutzigen, scheinen nicht damit klarzukommen. Und so predigt ihnen der Meister himself, wie wichtig sein Abschied ist und wie unnötig, darüber traurig zu sein. Denn: Nach dem Ende ist vor dem Anfang (in leichter Abwandlung eines deutschen Fußballphilosophen). Mit Jesu Worten: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“ (Joh 14,27).

 

Ausblick

Am Schluss der Bibel steht eine Vision vom Ende der Zeit. Im Buch der Offenbarung wird es so beschrieben: Siehe, ich mache alles neu! Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst (Offb 21,5f).

A und O, Alpha und Omega, der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets umfassen alles. Will heißen: Am Anfang und am Ende des Lebens, bei allen Ab-, Um- und Aufbrüchen, sind wir nicht alleine. Gott ist bei uns, jedoch nicht in einer himmlischen Variante des „Big Brother“ sondern eher als der Mut zum Aufbruch, als Kraft, etwas Neues zu wagen.

Vielleicht ist das ein heilsamer Nebeneffekt aller Mobilität unserer Tage: Indem Menschen starten, losfahren, sich auf den Weg machen, kommen sie so nicht nur zu neuen Erfahrungen, Erlebnissen, Beziehungen. Sie kommen damit auch Gott nahe. Na, wenn das mal kein Aufbruch wert ist…

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