Nichts muss so bleiben, wie es ist. (Jes 35,3-7a.10)

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Maria muss aufpassen. Eigentlich sollte sie sich freuen, aber im Moment hat die junge Frau große Sorgen. Noch darf niemand etwas wissen von dem Kind, das sie unter ihrem Herzen trägt. Die Leute würden es nicht verstehen, zumal auch sie nicht son genau weiß, wer der Vater ist.

Aber eins klar: die anderen werden es auf jeden Fall für eine Schande halten. Aber auch sonst wird sie es für Sicht behalten, solange es geht. Denn das wird für Ärger sorgen, so oder so. Wenn rauskommt, dass Maria schwanger ist… verliert sie sofort ihren Job – in der Nähfabrik.

Normalerweise arbeitet sie dort zehneinhalb Stunden am Tag, 6 Tage die Woche, plus Überstunden. Das würde sie im Laufe der Schwangerschaft nicht mehr durchstehen können. Und wer zu schwach für den Job ist, fliegt raus. Ganz einfach. Draußen warten schon hundert andere darauf, ihre Stelle einzunehmen. Und das, obwohl es nicht gerade angenehm ist, hier zu arbeiten. Es ist zum Beispiel nicht erlaubt, während der Arbeit mit Kolleginnen zu sprechen. Sie sollen sich nicht gegenseitig ablenken. Wenn man mal ehrlich ist, dann ist in der Fabrik eigentlich alles verboten. Nicht einmal ein Bonbon dürfen die Frauen lutschen. Und wer auf Toilette muss, braucht eine Erlaubnis von den Aufsehern.

Maria hatte in der Fabrik eigentlich angefangen zu arbeiten, weil man ihr erzählt hatte, es sei eine gute Fabrik, in der die Leute nicht schlecht behandelt würden. Aber schnell wurde ihr klar, wie schlecht sie einen hier behandeln und wie sie einen zwingen Dinge zu tun, zu denen man nicht bereit ist. Aber sie brauchte den Job, besser den als keinen. Auch wenn sie von anderen Fabriken gehört hatte, die eingestürzt waren und tausende unter sich begraben haben. Angeblich waren diese Textilfabriken schlecht gebaut, ohne echte Notausgänge. Aber es blieb ihr nichts anderen übrig. Sie braucht das Geld.

Niemand kann damit rechnen, lange Zeit in der Fabrik zu arbeiten oder von dort aus in Rente zu gehen. Die Chefs werfen einen raus, wann immer sie wollen. Wer krank wird oder aufmüpfig ist, muss sofort gehen. Sonst wird die monatliche Quote nicht erreicht und der Profit ist nicht hoch genug. Die großen Firmen aus Europa machen Druck. Da bleibt keine Zeit für Sentimentalitäten.

Nicht auszudenken, wenn die Aufseherinnen nun herausbekommen, das Maria schwanger ist…

„Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt und wird euch helfen.“ Die Verheißung klingt in Marias Ohren. Wie sehr wünscht sie sich, dass es wahr werde. Blinde werden sehen, Lahme gehen, Taube hören und kein Schmerz wird mehr sein. Wie schön wäre das! Keine Ausbeutung mehr bei der Arbeit, gerechter Lohn für alle, soziale Sicherheit und endlich eine Behandlung, wie es sich für Menschen gehört. Menschenwürde – das ist ein Wort, das alle kennen und wichtig finden, und das doch im Leben von Maria und ihren Kolleginnen ein Fremdwort bleibt.

„Seid getrost, fürchtet euch nicht!“ Es ist kein Zufall, dass diese Worte ausgerechnet jetzt zur Adventszeit eine wichtige Rolle spielen, wo in den Kirchen die Ankunft von Jesus Christus erwartet wird. Schon die ersten Christinnen und Christen sehen in ihm diese uralten Verheißungen aus dem Ersten Testament erfüllt. Gerade die Ausgegrenzten und Entrechteten, Looser und andere Randgruppen hoffen auf ihn.

Das beginnt schon bei den Hirten, denen der Engel die frohe Botschaft verkündet: Jesajas Verheißungen erfüllen sich und ausgerechnet die Hirten, die Außenseiter der damaligen Zeit, sollen es aller Welt erzählen! So wird die Geschichte vom Heiland, der in einem nicht isolierten Stall in Bethlehem am Rande der Zivilisation das Licht der Welt erblickt, zum Programm – ja sie ist programmatisch für sein Leben und Wirken. Heute würden wir sagen: Jesus kommt aus einfachen Verhältnissen und doch: wo er auftritt, spüren die Menschen, dass Gott es ernst mit ihnen meint. Dass das Leben nicht sinnlos sein muss und niemand einem übermächtigen Schicksal ausgeliefert ist. Jesus wird die Blinden tatsächlich sehend machen. Ihnen gehen die Augen auf, sie erkennen ihre Verwicklung in die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Und die Lahmen wird er aufstehen lassen, sie befreien aus der Lethargie, in die sie gedrängt wurden und mit der sie sich offensichtlich abgefunden haben.

Er wird zu ihnen sagen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Das klingt wie ein Protest gegen die scheinbaren Sachzwänge unserer Welt. Niemand soll mehr behaupten müssen, dass alles so bleibt wie es ist. Dass z.B. für unsere billigen Klamotten anderswo ein hoher und blutiger Preis bezahlt wird. Oder dass es nun einmal Länder gibt, in denen man mit einem Dollar pro Tag als Arbeitslohn zufrieden sein muss, während große Konzerne dort Millionengewinne machen.

Eine andere Welt, ja eine bessere Welt ist möglich! Und zwar für alle! Schon Jesajas Worte geben die Richtung an. Mit ihren Verheißungen wollen die Propheten ja nicht in eine ferne und unbestimmte Zukunft weisen, sondern den Willen Gottes in die Gegenwart bringen und ihm Gestalt geben. Und so weckt auch die Geburt des Heilands große Hoffnung bei all jenen, die nichts zu verlieren haben. Der Blick in den globalen Süden gibt uns heute eine Ahnung, was es bedeutet, wenn „das Volk, das im Finstern wandelt, ein großes Licht sieht“ (Jes 9,1), ja welche Hoffnungen sich ganz konkret Näherinnen wie Maria machen, die unter unvorstellbaren Bedingungen das produzieren, was der unbarmherzige Wettbewerb in der Bekleidungsindustrie scheinbar verlangt.

Die Begegnung mit Jesus verändert diese Welt, sie verändert auch uns, wenn wir dem Kind in der Krippe vertrauen. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Das ist die Botschaft von Bethlehem. Der Advent macht uns Mut, genau hinzuschauen, wie auf dem Rücken anderer für uns und unseren Lebensstil produziert wird. In der Bekleidungsindustrie wie auch in anderen Bereichen wie bei Handys oder Computern. Die Verheißungen betreffen die ganze Welt. Auch uns gehen die Augen auf, wir werden aus unserer Lähmung geholt, um nicht weiter hinzunehmen, wie es in unserer Welt zugeht.

Es gibt schon zahlreiche Initiativen wie die „Kampagne für saubere Kleidung“ mit ihren zentralen Forderungen: Niemand soll zur Arbeit gezwungen werden, es darf keine Diskriminierung am Arbeitsplatz geben. Kinderarbeit muss verboten werden und das Recht auf Tarifverhandlungen den Arbeiterinnen und Arbeitern zugestanden werden. Die berüchtigten Zuliefererbetriebe sollen gezwungen werden, einen Lohn zu zahlen, von dem Menschen leben können. Zugleich müssen überlange Arbeitszeiten abgeschafft und menschenwürdige Arbeitsbedingungen sichergestellt werden.

Dabei ruft diese Kampagne nicht zum Boykott von Bekleidungsunternehmen auf! Die beteiligten Gruppen und Organisationen wollen gemeinsam mit uns als Konsumentinnen und Konsumenten die Konzerne dazu bewegen, dass sie endlich soziale und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.

Das geschieht durch Nachfragen und Kritik ebenso wie durch den bewussteren Kauf von sauberer, also fair hergestellter Kleidung. Und auf der politischen Ebene gibt es auch einiges zu tun: Regierungen müssen dafür sorgen, dass die Arbeitsbedingungen offen gelegt und die Rechte von Angestellten geschützt werden. Denn Menschenrechte gelten auch in der Wirtschaft. Wobei einige Unternehmen damit begonnen haben, ihrer Verantwortung nachzukommen, wenn auch hier noch viel Raum für Verbesserungen ist. Damit Menschen wie Maria nicht verzweifeln müssen, wenn sie schwanger oder krank werden, sondern auch dann noch ein Leben in Würde führen können, in sozialer Sicherheit.

„Seid getrost, fürchtet euch nicht!“ Diese Verheißung gilt allen Menschen – gerade jetzt im Advent.

Amen.

 

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