Kein Stall. Nirgends. (Lk 2,1-7)

Nun ist es langsam Abend geworden. Heiliger Abend mit seiner ganz besonderen Atmosphäre! Ich muss gestehen: Ich liebe diesen Moment. Ja die ganze Adventszeit ist für mich etwas Besonderes, jedes Jahr aufs Neue. Und natürlich gehört auch immer wieder die Erfahrung dazu, dass bei all dem Trubel nicht genug Zeit für Besinnlichkeit bleibt.

Aber trotzdem – ich liebe die vielen Traditionen, die wir mit Weihnachten verbinden. Dieses vertraute Gefühl, dass sich schon einstellt, wenn ich am Vorabend des Ersten Advents in den Keller abtauche, um die Kisten mit den Lichterketten wieder hervorzuholen, die wir erst letztes Jahr so sorgfältig ganz hinten verstaut haben.

Ich weiß nicht, wie das bei Euch so ist, aber bei uns sind einige Traditionen wichtiger als andere. Es ist offensichtlich eine Tradition bei uns zuhause geworden, dass wir beim benachbarten Bauernhof schon Wochen vorher einen Baum aussuchen, über den wir uns beim Abholen dann erschrecken: Ist der in den letzten drei Wochen noch soviel gewachsen? Der war doch nicht so hoch, oder? Naja, in jedem Fall gehört dann der Einsatz einer guten Säge zu dieser Tradition dazu.

Aber Traditionen bestehen nicht einfach nur immer weiter. Sie wachsen und entwickeln sich. Ich weiß nicht genau warum, aber die Tradition, Häuserfassaden überschwänglich zu illuminieren, hat in den letzten Jahren derart zugenommen, dass man eigentlich die Straßenbeleuchtung in unserem Dorf während der Adventszeit komplett ausschalten könnte.

Traditionen verbinden uns auch mit der Vergangenheit. Wir machen es so, wie es in den letzten Jahren (oder vermeintlich schon immer?) war und gefeiert wurde. Aber diese Verbindung mit der Vergangenheit macht Weihnachten auch zu einer schmerzhaften Zeit für diejenigen unter uns, die jemanden verloren haben oder mit schwierigen Erinnerungen der Vergangenheit zu kämpfen haben.

Wenn wir ehrlich sind, brauchen wir diese Traditionen. Wir brauchen sie, weil sie uns versichern, dass es Dinge gibt, die sich nicht ändern (oder zumindest nicht zu sehr). Das scheint wichtig in einer Welt, die sich Jahr für Jahr schneller verändert. Wo scheinbar nichts mehr selbstverständlich ist: Großbritannien verlässt nächstes Jahr die EU, wer hätte das gedacht! Die Bundeskanzlerin hat den Parteivorsitz aufgegeben. Der amerikanische Präsident ist ja schon für seine Unberechenbarkeit bekannt. Und wer sitzt bei 96 nächstes Jahr auf der Trainerbank?

Auch im Persönlichen gibt es offene Fragen: Welche Herausforderungen und Veränderungen hält das Leben für uns bereit? Haben wir Pläne? Träume? Bleiben wir gesund oder hoffen wir auf Genesung? Eins ist klar: Die Zukunft bleibt ein unbekanntes Land. Aber alte Traditionen bieten uns Stabilität an, mitten in einer turbulenten Welt. Wehe, wenn wir sie in Frage stellen!

Manchmal können Traditionen aber auch den Blick auf das Wesentliche verstellen, gerade zur Weihnachtszeit! Zum Beispiel die traditionelle Krippenszene im Stall: Sie wirkt zeitlos, poliert, ordentlich und eher unbeweglich. Auch hier unter der Kanzel ist sie wieder zu bestaunen. Die kunstvollen Schnitzereien aus dem Erzgebirge, dazu der handgezimmerte Stall voller Stroh.

Schade nur, dass in der Weihnachtsgeschichte der Stall gar nicht vorkommt. Ich weiß nicht, ob Ihr das beim Hören vorhin bemerkt habt: „Es gab keinen Platz in der Herberge“ heißt es da. Und obwohl es in unseren Traditionen fest verankert ist, weist Lukas uns nicht auf einen zugigen Stall mit offener Tür hin. In der Bibel steht einfach nichts von einem Stall, aus dem schlichten Grund, weil die Menschen vor 2000 Jahren ihre Tiere direkt im Haus gehalten haben und nicht in einem Nebengebäude.

Hinzu kommt: Joseph und Maria gingen nicht zuerst in ein Gasthaus oder Hotel. Denn Joseph stammte der Erzählung nach ja aus Bethlehem. Er wird hier auch noch Verwandte gehabt haben. Und so gingen sie – natürlich – zu seiner Familie. Und für Menschen im Nahen Osten, die so sehr von einer Kultur der Gastfreundschaft geprägt sind, wäre es unvorstellbar gewesen, die eigenen Angehörigen abzuweisen. Okay, wahrscheinlich war das Gästezimmer bereits belegt. Oder die Bibel meint, dass der Raum nicht groß genug war für eine gebärende Frau mit allen, die sie bei der Geburt unterstützen.

Also musste das Baby im Hauptwohnbereich, im Zentrum des Hauses, zur Welt kommen. Die Häuser der damaligen Zeit hatten meist nur einen Raum. Ein Zimmer, Küche, Bad nicht so wie heute, sondern alles in einem Raum. Und das hieß eben auch das dort Tiere lagerten! Denn die Tiere wurden im Winter unter dem eigenen Dach gehalten.

Das Christkind, Jesus, wird mitten hinein geboren in der israelitischen Einraumwohnung, da wo das Leben tobt und der Familienalltag das sagen hat. das Und was wäre naheliegender, als das Neugeborene in einen Trog zu legen, wo die Tiere Heu haben.

Für Lukas wird Jesus jedenfalls nicht „im Stall hinterm Haus“ geboren, sondern im Herzen der Wohnung. Kein Außenseiter, sondern ein Kind der Hoffnung. Der Hoffnung darauf, dass Gott uns Menschen mitten im Leben nahe ist.

Man könnte jetzt nervös werden. Ein wichtiger Teil unserer geschätzten Weihnachtstradition, der Stall, kommt also gar nicht aus der Bibel! Aber ich finde, das passt ganz gut. Denn es wird nicht die einzige Tradition sein, die durchgewirbelt wird. Das Christkind wird aufräumen mit vielen alten Traditionen, nicht jetzt, aber später. Jesus wird die Tische der Händler im Tempel umschmeißen und sie davonjagen. Er wird den Schriftgelehrten erklären, dass sie ihre Bibel nicht kennen und den Oberfrommen zeigen, dass Gott falsch verstanden haben.

Wir wollen unsere Traditionen nicht allzu schnell loslassen. Aber wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass es manchmal nötig ist! Denn die Traditionen und Gewohnheiten, an denen wir festhalten, helfen uns nicht immer und geben uns nicht das, was wir uns erhofft haben. In unserer Zeit haben wir mehr und besseres Essen als je zuvor, und dennoch sterben Menschen an Hunger. Wir haben mehr Wohlstand als zuvor, aber wir können die Trennung zwischen Arm und Reich nicht überwinden. Wir haben bessere Medikamente als je zuvor, aber wir wissen nicht, wie wir dem Tod begegnen müssen.

Albert Einstein hat einmal gesagt: „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder dasselbe zu tun und etwas anderes zu erwarten.“ Wenn wir einfach die gleichen Dinge immer wieder tun – in unserem Land, in unserem Dorf, in der Kirchengemeinde, in unserem eigenen Leben – wie soll da das Leben besser werden? Etwas muss sich ändern.

Dasselbe gilt für uns als Individuen. Viele von uns leben weiterhin mit Schmerzen aus der Vergangenheit, und unsere alten Gewohnheiten haben uns keine Heilung gebracht. Wir leben mit Konflikten, mit anderen oder in uns selbst, und wir können den Frieden nur schwer fassen. Wir fragen uns, wo unser Leben hingeht und haben keinen wirklichen Sinn gefunden. Wir leben mit Wunden und Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben, und wir sehnen uns nach Vergebung. Etwas muss sich ändern.

So wie vor 2.000 Jahren: Jesus platzt mitten ins Leben derer, die er trifft. Von Geburt an. Er wirbelt die Traditionen durcheinander und erinnert uns daran, um was es wirklich geht, nicht nur an Weinachten.

Das wahre Wunder von Weihnachten liegt nicht in unseren Traditionen oder unseren glitzernden Lichtern. Es ist nicht nur die Tatsache, dass Jesus, Sohn Gottes, menschliche Gestalt angenommen hat und vor 2000 Jahren in Bethlehem geboren wurde. Nein, das eigentliche Wunder ist, dass er „in uns heute geboren“ sein kann – dass er seine Heilung, seinen Frieden und seine Vergebung in unser Leben bringen kann, wenn wir, genau wie in Bethlehem, Raum dafür schaffen. Nicht im Stall hinterm Haus, sondern mitten in unserem Leben. Dann spielt es keine Rolle, ob wir mit oder ohne Stall Weihnachten feiern. Hauptsache wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist. Amen.

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