Mehr als Sex und Handel (1. Thess 4,1-8)

Nun hat der Herbst auch bei uns Einzug gehalten. Die Blätter färben sich bunt, die Ernte ist eingefahren – sofern es was zu ernten gab in diesem trockenen Jahr. Mit dem Herbst beginnt eine neue Jahreszeit: Der Nebel steht morgens über der Feldmark, auch wenn es nachmittags manchmal noch echtes T-Shirt-Wetter ist.

Und auch für die neuen Vorkonfirmanden beginnt in diesem Herbst ein neuer Abschnitt. Hoffentlich erleben sie in unserer Gemeinde viele gute Momente, nicht zu langweilig und vor allem relevant für ihr junges Leben. Heute Nachmittag werden sie ganz besonders begrüßt in einem bunten und vollen Gottesdienst – und dann geht es für sie richtig los!

Wir als Kirchengemeinde begleiten die jungen Leute auf ihrem Weg zur Konfirmation und wollen für sie und ihre Fragen da sein, ihnen eine Heimat zu geben, zumindest eine Heimat des Glaubens. Ja, wir wollen den Jugendlichen etwas mitgeben von der Liebe Gottes, so wie sie immer wieder in Jesus Christus begegnet.

In der Pubertät, einer stürmischen Phase des Lebens, auf der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, wollen wir ihnen Mut machen: Mut, den eigenen Weg zu gehen, eigene Standpunkte zu entwickeln, immer wieder nach dem Sinn des Lebens zu fragen und voller Hoffnung auf die Zukunft zu schauen.

Heute Morgen aber – heute ist keine Konfirmation! Nicht wirklich. Heute geht der Blick zurück in die Vergangenheit, in die Jahre 1967 und 1968. Das ist jetzt 50 Jahre her. Aber manche Dinge waren damals gar nicht so anders als heute. Gut, es wurden noch richtige Prüfungen abgehalten. Da musste ordentlich Lernstoff auswendig gepaukt und vor der versammelten Gemeinde aufgesagt werden. Und manch einer aus dem älteren Semester denkt sich vielleicht, dass es die Konfirmanden von heute viel zu einfach haben.

Aber auch damals vor 50 Jahren – da bin ich mir sicher – waren es junge Leute, die vor den Altar getreten sind. Auch sie auf der Grenze, auch sie lebenshungrig, beladen mit Hoffnungen und Ängsten, genauso interessiert oder gelangweilt, genauso brav oder frech wie die heutigen Konfis.

Auch sie hatten eine unsichere Zukunft vor sich. Die späten 60er Jahre waren ja eine bewegte Zeit. Alte Autoritäten wurden infrage gestellt, in den großen Städten brodelte der Widerstand gegen die Nachkriegsgesellschaft. Neue Freiheiten wurden erstritten nicht nur in der Mode, auch in der demokratischen Entwicklung. Wahrscheinlich wäre unsere offene und liberale Gesellschaft von heute kaum vorstellbar ohne die „68er“. Und manchmal denke ich, dass wir uns heute öfters mal daran erinnern müssen, wie wertvoll so eine offene Gesellschaft ist, in der wir eine große Vielfalt an Lebensstilen und Überzeugungen stehen lassen können.

Wahrscheinlich stand so manche Konfirmationsfeier unter dem Eindruck der Entwicklungen, die ja wohl selbst vor unserem Dorf nicht Halt gemacht haben. Vielleicht kam der frische Wind hier mit ein bisschen Verzögerung an, aber er kam.

Aber davon mal abgesehen, ist es immer wieder dasselbe mit der Konfirmation, ob vor 50 Jahren oder vor 5. Niemand weiß genau, was die Zukunft der Jugend bringt. Damals nicht und heute nicht. Niemand kann vorhersehen, wie das Leben spielt, welche Wege wir gehen, auf wen wir dabei treffen oder wohin es uns verschlägt. Und wenn wir dann mal innehalten und zurückschauen auf den bisherigen Lebensweg, dann kann einem schon ganz schön schwindelig werden.

Es ist so wie mit dem Predigttext. Paulus schreibt der Gemeinde in Thessaloniki, weil er spürt, dass in dieser noch junge Gemeinschaft nicht alles rund läuft. Scheinbar wird manchen dort schwindelig bei der Vorstellung, dass das Leben als Christ frei ist von vielen Vorschriften und Regeln, die für andere gelten. Ein heiliges Leben sollen die Christen stattdessen führen.

 Weiter, Brüder und Schwestern, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus – da ihr von uns empfangen habt, wie ihr wandeln sollt, um Gott zu gefallen, was ihr ja auch tut –, dass ihr darin immer vollkommener werdet. Denn ihr wisst, welche Ermahnungen wir euch gegeben haben durch den Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch verstehe, sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehre zu halten, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen. Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles, wie wir euch schon früher gesagt und bezeugt haben. Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.

Ja, wie soll, wie kann man sein Leben so gestalten, dass es „heilig“ ist, also dem Willen Gottes entspricht? Eine Frage, die nicht nur Konfis damals und heute verbindet. Paulus selbst nennt zwei Beispiele dafür: die Treue zwischen Eheleuten und ehrliche Handelsbeziehungen.

Bei allen Fragen der Sexualität haben wir heute vielleicht ein etwas offeneres Verständnis als die ersten Christen oder sogar noch vor 50 Jahren. Aber damals wie heute gilt es, aufrichtig miteinander umzugehen. Egal, ob verheiratet, „verpartnert“, oder wie man sonst verbindlich miteinander leben will. Vertrauen ist die Grundlage jeder Beziehung, zwischen Menschen – und zu Gott.

Und der so genannte „faire“ Handel ist nicht erst seit kurzem eine wichtige Angelegenheit, der sich auch und vor allem christliche Kirchen angenommen haben: Da geht es um globale Handelsbeziehungen, bei denen nicht die niedrigen Preise im Discounterregal das Wichtigste sind. Sondern es geht um Handel, wo alle, die bei Produktion und Verkauf beteiligt sind, das bekommen, was sie verdienen. Ja, was sie zum Leben brauchen.

Diese beiden Beispiele von Paulus wollen etwas Grundsätzliches zum Thema „Heiligung“ beschreiben: Wir führen ein heiliges Leben, wenn wir aufrichtig miteinander umgehen, wenn wir einen fairen Umgang miteinander suchen, ganz egal woher wir kommen, welcher Kultur wir entstammen, ja sogar auch welcher Religion wir angehören!

Wenn wir offen und wohlwollend miteinander umgehen, dann beherzigen wir ganz viel von dem, was Gott mit uns Menschen will. „Heiligung“ meint dann nichts anderes, als aufrecht durchs Leben zu gehen, dabei den Nächsten nicht aus dem Blick zu verlieren. Und offen zu bleiben für Gott, für Gottes Anfragen an uns und die Art, wie wir unser Leben gestalten.

Liebe Jubelkonfirmanden, ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Ihr konfirmiert wurdet. Was ist nicht alles in diesen Jahrzehnten passiert? Auf der politischen Bühne kam der deutsche Herbst, der Zusammenbruch des Ostblocks, die Globalisierung und neuerdings auch die „Flüchtlingskrise“.

Aber auch in Euren eigenen Lebensläufen, so ganz persönlich. Da war und ist auch einiges los. Familien wurden gegründet, das Berufsleben bis schon in den Ruhestand, Freundinnen und Freunde, Hobbies, glückliche Momente oder auch mancher Schicksalsschlag – ja, seit Eurer Konfirmation ist wirklich viel Verkehr durch Immensen geflossen.

Dabei hat das Leben nicht nur helle Augenblicke voller Freude für uns parat. Das wissen alle Menschen mit ein bisschen Lebenserfahrung.

Und auch heute, wenn wir schauen, wer nicht hier sein kann von den Jubilaren, wenn wir feststellen wer fehlt, wer schon gestorben ist, dann wird es uns schmerzlich bewusst, dass das Leben manchmal und ehrlich gesagt immer wieder auch Verlust bedeutet.

Ich glaube, es ist gut, wenn wir an alle denken, die heute aus den verschiedenen Gründen nicht da sind. Dazu will ich eine Kerze am Osterlicht entzünden. Sie soll hell leuchten und uns daran erinnern, dass wir als Christinnen und Christen in einer Gemeinschaft leben, die mit dem Tod nicht zu Ende ist.

„Heiligung“ bedeutet, dass wir ganz zu Gott gehören. Im Leben wie im Tod. Es kann nicht schaden, sich vor allem im Leben daran zu erinnern. Die Jubelkonfirmation ist dafür ein guter Anlass. Denn die Welt, in der wir leben, lässt mich zumindest schon öfters daran zweifeln, wie „heilig“ wir es hier haben. Sicher, man kann manchmal fast verzweifeln an dieser Welt, an den globalen und auch an den persönlichen Ungerechtigkeiten, an den menschlichen Tragödien. Aber nur fast! Denn auch diese Welt mit allen Abgründen und Sprachlosigkeiten, sie gehört Gott. Sie ist „heilig“.

Gott ist bei uns und wir gehören zu ihm. Auch und gerade dann, wenn wir es nicht spüren. Wenn die Sorge für den nächsten Tag alles bestimmt. Wenn wir einsam sind oder das Leid dieser Welt uns viel zu nahe geht.

Vielleicht ist das ja die Botschaft des Evangeliums schlechthin. Gott ist da, Gott geht mit uns durch unser Leben und vergisst uns nicht.

Mit dieser Zusage, in der Taufe gegeben und in der Konfirmation bestätigt, mit dieser Zusage können wir gelassen durchs Leben gehen. Sie schenkt allen Generationen von Konfirmandinnen und Konfirmanden Hoffnung und sie macht uns Mut, dankbar zurück zu schauen und dann die Zukunft aktiv zu gestalten. Auch nach 50 Jahren noch!

Amen.

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