Geburtstagsgedanken (Apg 2,1-21)

Herzlichen Glückwunsch, liebe Kirche!

Zu Pfingsten heißt es ja immer, du hast Geburtstag. 

Warum das so ist, weiß ich zwar nicht ganz genau, denn eigentlich hat das, was in der Bibel zu Pfingsten vorgelesen wird, nicht so richtig viel mit dem zu tun, wie wir dich heute kennen.

Prächtige Gebäude, mit hohen Türmen und Glocken, deren Klang mittlerweile manche Zeitgenossen eher stören und verärgern.
Pastoren, Verwaltung, Hierarchien, Landesbischöfe, Kirchensteuer… 

Die Geschichten, die wir zu Pfingsten immer wieder hören, sind doch eigentlich anders. 

Da ist dieser Haufen verschreckter Leute, die es immer noch nicht fassen können: 

Jesus, ihr Gefährte, Lehrer, Freund – war tot. Ist auferstanden. War bei ihnen und dann doch wieder weg. 

„Aufgefahren in den Himmel“ wie es heißt.

Da treffen sie sich und wissen gar nicht so genau warum. Irgendwas hat sie zusammengebracht an dem Tag. Es liegt etwas in der Luft. Aber was es ist, können sie nicht sagen.

Vielleicht so eine diffuse Ahnung?

Dann: ein Brausen. 

Es geht über ihre Köpfe hinweg. Sehr sonderbar! Man sieht nichts und spürt doch etwas.

Und dann? Dann sprechen sie alle durcheinander. In verschiedenen Sprachen! Wildes Gemurmel und Gewusel. Plötzlich!

Keine sprachlichen Grenzen mehr! 

Alle Welt kann die Geschichten von Jesus verstehen. In allen Muttersprachen. Englisch, Französisch, Kisuaheli, Chinesisch, Oromo, ja sogar in Finnisch!

Was soll dieses ganze Durcheinander mit dir zu tun haben?

Weißt du, liebe Kirche, wenn ich so überlege, bist du doch ganz schön in die Jahre gekommen. Bei so einem Geburtstag wird es uns ja meistens bewusst: 

schon wieder ein Jahr vergangen. 

Schon wieder älter geworden. Die Falten lassen sich nicht wegretuschieren.

Und ganz ehrlich, so taufrisch bist du nicht mehr. 

Das sagt man zwar dem Geburtstagskind normalerweise nicht so direkt, aber du kannst das sicher verkraften.

Wo ist der Schwung von damals hin, als das Brausen die Leute erfasst hat?

Als die Geschichten von Jesus die Leute noch echt vom Hocker gehauen haben?

Heute, so scheint es, erreichst du nicht mehr so viele. Erst vor kurzem hat so eine Studie ja wieder gezeigt, dass deine Zeit wohl langsam aber sicher vorbeigeht. 

Immer mehr Menschen wenden sich von dir ab. Wollen nicht mehr dazugehören.

Es bringt ihnen nichts, sagen sie.

Und weißt du was? Ich kann es auch ein bisschen verstehen. 

Wer will schon zu einem Verein gehören, der sich seit über 2000 Jahren eigentlich kaum verändert hat? Wer will noch die ollen Geschichten hören? Von Wundern und Heilungen?

Kirche, manchmal glaube ich, du bist nur noch was für diejenigen von uns, die nichts Besseres zu tun haben, als sich sonntags in so ein Gemäuer zu setzen und mal für eine Stunde aus dem Alltag auszusteigen.

Andererseits… Wenn ich mir überlege, was du alles in den Jahrhunderten so erlebt hat, wie viele Menschen bei dir zusammengekommen sind, dann finde ich das schon beeindruckend.

Menschen haben ja gerade in schweren Zeiten bei dir Unterschlupf gesucht. 

Sie haben bei dir gespürt, dass da mehr ist als Alltag. Mehr als Geldverdienen, Karrieremachen, Schick-sein oder Wichtig-sein.

Du, liebe Kirche, warst der Ort für solche Erfahrungen. Für manche von uns schon seit der Kindheit.

Wahrscheinlich warst du es nicht so sehr als Raum, als Gebäude oder Struktur. Sondern vielmehr als Gemeinschaft

Als menschlicher Zwischen-Raum, wo etwas passieren konnte, das manchmal doch an das Brausen von damals erinnert. 

Wo Menschen tolle Ideen bekommen haben. Für ihr eigenes Leben, aber auch für diese Welt, die ja immer komplizierter wird. 

Ich finde, dafür kann man dir auch mal „Danke“ sagen. 

Danke, liebe Kirche, dass du seit diesem Pfingsttag da bist, als der Geist über die Köpfe hinweggebraust ist. 

Danke, dass du trotz allem auch immer wieder in der Lage bist, dich zu verändern. Auch wenn das viele nicht so leicht erkennen können.

Aber du hast dein Gesicht schon so oft angepasst an die Zeit. Du hast dich geöffnet: für Arme, für Frauen, für Kinder.

Schließlich ist es auch dir zu verdanken, dass wir heute immer noch die Geschichten von Jesus und seiner Chaotentruppe kennen. Dass wir immer noch davon lesen und uns vorlesen. 

Dass wir die Chance haben, uns damit auseinander zu setzen, was Jesus eigentlich gemeint hat, wenn er von „Himmelreich“ und „Nächstenliebe“ gesprochen hat.

Weißt du, liebe Kirche, manchmal frage ich mich, wie die Welt wohl aussehen würde, wenn es dich nicht gäbe.

Dann könnten die Konfis jeden Sonntag ausschlafen.

Dann würden die Glocken am Feiertag nicht mehr stören. 

Und manche missbrauchte Kinderseele würde vielleicht noch heile sein.

Aber dann wäre diese Welt vielleicht auch ein bisschen zu bequem. Dann würden die Starken einfach immer stärker sein und die Schwachen einfach abgehängt werden.

Deine Stimme würde fehlen in unserer Welt. Die Stimme des Gewissens. „Vor Gott und den Menschen.“ 

Dann würde die Zahl derjenigen auf jeden Fall kleiner sein, die ihre Stimme für mehr Gerechtigkeit und Rücksicht erheben. 

Die Unrecht anprangern und zugleich laut davon träumen, dass eine andere Welt möglich ist.

Vermutlich, liebe Kirche, brauchen wir dich noch eine ganze Weile.

Natürlich musst du dich wieder ein bisschen anpassen. Musst moderner werden, vielleicht sogar noch ein bisschen offener, gerade für die, die momentan gar nichts mehr von dir wissen wollen. 

Die vielleicht schon vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Die brauchen mehr Raum bei dir.

Und wir brauchen eine neue Mischung aus traditionellen Formen und neuen Wegen. 

Es wäre gut, wenn wir mit dir neu lernen, das Wort „Glaube“ zu buchstabieren. 

„H-O-F-F-E-N“ würde es dann heißen.

Dann bleibst du auch die nächsten 2000 Jahre so ein ganz wichtiger Ort. Für die Geschichten von Jesus, für die Menschen, für die Welt.

Liebe Kirche, ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft. Dass du immer wieder Menschen für Gott begeistern kannst.

Dass du Leute zusammenbringst, die miteinander die Zukunft gestalten – ohne die Vergangenheit zu vergessen.

Mögest du immer wieder den Segen des Lebendigen spüren. 

Und möge der „Geist der Wahrheit“ bei dir gerne und häufig einkehren. 

Das wünsche ich dir, zum Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch. Und Amen.

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