Nichts im Griff! (Joh 19,6-30)

Da lieferte Pilatus ihnen Jesus aus
und befahl,
Jesus zu kreuzigen.
Jesus wird gekreuzigt
Jesus wurde abgeführt.
Er trug sein Kreuz selbst aus der Stadt hinaus
zu dem sogenannten Schädelplatz.
Auf Hebräisch heißt der Ort Golgota.
Dort wurde Jesus gekreuzigt
und mit ihm noch zwei andere –
auf jeder Seite einer.
Jesus hing in der Mitte.
Pilatus ließ ein Schild am Kreuz anbringen.
Darauf stand:
»Jesus der Nazoräer,
der König der Juden.«
Viele Juden lasen das Schild.
Denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde,
lag nahe bei der Stadt.
Die Aufschrift war in hebräischer,
lateinischer und griechischer Sprache abgefasst.
Die führenden Priester des jüdischen Volkes
beschwerten sich bei Pilatus:
»Schreibe nicht:
›Der König der Juden‹,
sondern:
›Dieser Mann hat behauptet:
Ich bin der König der Juden.‹«
Pilatus erwiderte:
»Was ich geschrieben habe,
das habe ich geschrieben.«
Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz genagelt hatten,
teilten sie seine Kleider unter sich auf.
Sie waren zu viert
und jeder erhielt einen Teil.
Dazu kam noch das Untergewand.
Das war in einem Stück gewebt
und hatte keine Naht.
Die Soldaten sagten zueinander:
»Das zerschneiden wir nicht!
Wir lassen das Los entscheiden,
wem es gehören soll.«
So ging in Erfüllung,
was in der Heiligen Schrift steht:
»Sie verteilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los über mein Gewand.«
Genau das taten die Soldaten.
Nahe bei dem Kreuz,
an dem Jesus hing,
standen seine Mutter und ihre Schwester.
Außerdem waren Maria, die Frau von Klopas,
und Maria aus Magdala dabei.
Jesus sah seine Mutter dort stehen.
Neben ihr stand der Jünger,
den er besonders liebte.
Da sagte Jesus zu seiner Mutter:
»Frau, sieh doch!
Er ist jetzt dein Sohn.«
Dann sagte er zu dem Jünger:
»Sieh doch!
Sie ist jetzt deine Mutter.«
Von dieser Stunde an
nahm der Jünger sie bei sich auf.
Nachdem das geschehen war,
wusste Jesus,
dass jetzt alles vollendet war.
Damit in Erfüllung ging,
was in der Heiligen Schrift stand,
sagte er:
»Ich bin durstig!«
In der Nähe stand ein Gefäß voll Essig.
Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein.
Dann steckten sie ihn auf einen Ysopstängel
und hielten ihn Jesus an den Mund.
 Nachdem Jesus etwas von dem Essig genommen hatte,
sagte er:
»Jetzt ist alles vollendet.«
Er ließ den Kopf sinken
und starb.

(BasisBibel)

Karfreitag ist ein seltsamer Feiertag. Jedes Jahr wieder.

Das war früher nicht unbedingt besser, aber doch manches anders. Zum Beispiel bei meiner Oma auf dem hessischen Dorf war es an diesem Tag auf der Straße wie ausgestorben. Nur zur Kirche gingen sie hin, alle in tiefstes Schwarz gekleidet. 

Karfreitag, der höchste protestantische Feiertag hieß es. 

Da wurde gefastet, es gab, wenn überhaupt, nur mageren Fisch. An vielen Orten schwieg die Orgel ganz. Das Halleluja verstummte ja schon in der Passionszeit.

Um 15 Uhr, so wie jetzt, zur Todesstunde Jesu, saß die Mutter meiner Oma weinend in der Ecke und trauerte ehrlich und aufrichtig um „ihren Herrn Jesus“. Bis Sonntagmorgen legte sich die Grabesstille auf die Familien. Damals, vor etwa 75 Jahren.

Heute ist das anders. Heute, da ist das ein Feiertag wie jeder andere auch. 

Die Leute wollen sich nicht vorschreiben lassen, wann sie tanzen oder was sie essen. Weder vom Staat noch von irgendeiner Religionsgemeinschaft…

Karfreitag 2019 – was bitteschön sollte an diesem Feiertag gefeiert werden? Und was für eine „Feier“ ist das, wenn im Grunde alles Helle und Fröhliche verbannt wird, ja sogar die Kerzen am Altar ausgepustet werden.

Der Tod eines Menschen, ja die Hinrichtung eines Aufständigen am Kreuz, passt so gar nicht in unsere Welt. Überall sonst wird uns ewige Jugend versprochen, Spaß, Freizeit, Shopping rund um die Uhr im Netz – sogar am Karfreitag kein Problem.

Das Bild vom gekreuzigten Jesus ist dagegen unangenehm. Sein „Haupt voll Blut und Wunden“, von dem wir gerade gesungen haben, schieben wir lieber beiseite.

Wenn schon Christentum, dann doch bitte das Jesuskind in der Krippe! Weihnachten ist doch viel schöner als Karfreitag…

Wir Menschen von heute tun uns schwer mit diesem Feiertag, nicht nur die junge Generation. Und doch ist uns jedes Jahr aufs Neue die Aufgabe gestellt, darüber nachzudenken: 

Was bedeutet das Kreuz? Heute? Für uns? Für die Welt?

Die Bibel erzählt aus vier verschiedenen Perspektiven. Mal ist es ein jämmerlicher Tod am Kreuz, mal ein sinnloses Sterben. Und dann, wie in der Schilderung heute im Johannesevangelium, wird die Kreuzigung nicht als Scheitern gedeutet, sondern als Erfüllung. Die letzten Worte von Jesus am Kreuz lauten hier: „Es ist vollbracht!“

Das verwundert mich. Es ist ein ganz anderer Jesus, als der, den wir gemeinhin an unseren Kreuzen in den Kirchen hängen haben. Dieser Jesus sieht sein Sterben als Erfüllung seines Werkes: „Es ist vollbracht!“

Erstaunlich, denke ich. Denn die Geschichte seines Leidens ist im Johannesevangelium ja ähnlich den anderen Schilderungen: 

Jesus wird angefeindet, verraten, verleugnet, verurteilt, verspottet, misshandelt und schließlich getötet.

Er wird überwältigt von verschiedenen Kräften. Schon am Abend zuvor gibt er sich selbst aus der Hand. „Dein Wille geschehe“ betet er in großer Angst. Jesus weiß: von nun an hat er die Dinge nicht mehr im Griff.

So wird das Kreuz zu einem Bild für all das, was auch wir nicht mehr im Griff haben. Es erinnert daran, dass wir in unserem Leben anderen Mächten schutzlos ausgeliefert sein können.

Den Alkohol habe ich im Griff„, sagt einer und merkt nicht, dass die Suchtihnfest im Griff hat.

Eine andere sagt: „Den Krebs habe ich im Griff. Die Operation ist gut verlaufen.“ Doch dann zeigen sich wieder Metastasen und es ist klar: Nichts hast du im Griff.

Die Trauer krieg´ ich in den Griff. Das Leben geht weiter!“, sagt ein anderer nach dem Tod seiner Mutter. Er verdrängt den Verlust und geht schnell zur Tages­ordnung über. Doch der Schmerz bricht immer wieder auf. Und da zeigt sich: Nicht erhat die Trauer im Griff. Die Trauer hat ihnim Griff.

Es passieren manchmal Dinge in unserem Leben, die wir nicht im Griff haben. Und dann müssen wir zugeben: Andere Mächte haben uns im Griff und wir sind ihnen schutzlos ausgeliefert.

Jesus erging es ähnlich. Am Kreuz war er schutzlos der Mordgier der Men­schen ausgeliefert. Nichts hatte er mehr im Griff.

Aber so paradox es klingt: Ich glaube, genau das ist für uns Grund zur Hoffnung. Weil Jesus am eigenen Leib erlebt hat, wie das ist, anderen Mächten ausgeliefert zu sein, kann ich wissen, dass er mir nahe ist in meinem Leid. 

Weil Jesus am eigenen Leib Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung er­lebt hat, kann ich wissen, dass er mich im Dunkel meines Lebens nicht allein lässt.

Wir alle kommen in so Momente, wo uns das Leben entgleitet, wo wir nichts mehr im Griff haben. In der Familie, bei der Arbeit, in der Schule. Früher oder später. Solche Momente sind unvermeidlich, sie gehören dazu.

Auch die Bilder von der brennenden Kathedrale Notre Dame in Paris, führen uns das vor Augen.

Das Leid hat viele Gesichter. Heute sind unter uns auch besonders welche, die um einen geliebten Menschen trauern. Da wird es am deutlichsten spürbar. Der Tod lässt sich nicht rückgängig machen. Da sind wir alle ausgeliefert. Da sind wir alle betroffen, immer wieder indirekt, und dann, am Ende unseres eigenen Lebens ganz direkt.

Da kann diese Welt noch so krampfhaft am Leben festhalten und uns weismachen, wir könnten für immer glücklich sein. Irgendwann haben wir es nicht mehr im Griff.

Wenn ich in meinem Leben an solch eine bittere Stunde geführt werde, wo mir alles aus der Hand genommen wird und ich nichts mehr im Griff habe, erinnere ich mich an das Kreuz Jesu. Das Leid, das mir widerfährt, hat er erlitten. Die Hoffnungslosigkeit, die mich quält, hat er gekannt. Die Verzweiflung, die mich heimsucht, hat er erlebt.

Das ist für mich heute die Botschaft von Karfreitag: Selbst dann, wenn ich nichts mehr im Griff habe, ist da einer der mich hält. Denn Gott kennt diese Momente. Durch Jesus hat Gott sie erfahren. 

Gott wird Mensch. Nicht vergessen: Das war die Mission von Jesus. Begonnen in der Krippe zu Bethlehem. Gott wird menschlich, erfährt an Jesu Leib, wie es ist, ein schutzloses Menschenbaby zu sein. 

Und dann, in der Passion, erfährt Gott an Jesu Leib, wie es ist, ganz unten zu sein. Verraten, verurteilt, verspottet, verendet.

Das ist es ja, was Gott noch gefehlt hat. Er, der Ursprung allen Lebens, die Schöpfungskraft. Der Gott Abrahams und Jakobs, der Mose im brennenden Dornbusch erschien. Der Gott, der Israel aus Ägypten in die Freiheit führte, ein Gott, den die Menschen sich seit vielen Jahrtausenden groß und mächtig, ja allmächtig vorstellen. 

Aber etwas fehlte diesem Gott noch: Wie es sich anfühlt, nichts mehr im Griff zu haben. In dem Moment, da Jesus stirbt, ist diese Mission geschafft. „Ja, es ist vollbracht!“

Dass wir im Dunkel unseres Lebens nicht alleine sind, sondern dass einer da ist, der unser Leben auch dann in seinen Händen hält, hat Je­sus in sei­nem eigenen Tod erfahren. 

Denn wir „feiern“ Karfreitag mit dem Wissen, dass auf den Kreuzestod die Auferstehung folgen wird. Am Ostermorgen wird Gott neues Leben schenken.

Nicht der Tod, sondern Gott wird das letzte Wort über Jesus haben. Und es ist ein Wort des Lebens – gegen den Tod.Und wir, die wir als Getaufte zu Jesus gehören, dürfen wissen: Seine Ge­schichte ist auch unsere Geschichte. Auch über uns und unsere Lieben wird nicht der Tod, sondern Gott das letzte Wort haben. Und es wird ein Wort des Lebens sein, der Barmherzigkeit und des Friedens. Das ist unsere Hoff­nung. Das ist unser Glaube, an Karfreitag 2019. Amen.

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