Neue Nähe (Mk 14,3-9) von Folker Thamm

Gottesdienst „Zeitgleich zu Hause“ in Immensen am Sonntag Palmarum 5. April 2020

Begrüßung:

Liebe Gemeinde der St.Antonius-Kirche in Immensen!
Pastor Thorsten Leißer hatte mich gebeten, den Gottesdienst zu Palmarum mit Ihnen zu feiern. Nun dürfen wir in der St.Antonius-Kirche nicht zusammenkommen, um zu singen, zu beten und auf Gottes Wort zu hören und es zu bedenken. Deshalb schlage ich vor, dass wir „zeitgleich“ einen kleinen Gottesdienst in unseren Häusern halten, um miteinander und füreinander zu beten. Das wird zunächst einmal ungewohnt sein, aber dann kann es auch zu einer neuen Erfahrung werden.

Bitte stellen Sie eine Kerze auf den Tisch und entzünden sie diese.

Wir beginnen unsere Andacht im Namen Gottes, der diese Welt erschaffen hat und auch erhält, der in Jesus Christus Mensch geworden ist  und uns im Heiligen Geist im Leben begleitet.

Gebet:
Guter Gott,
wir sind dankbar, dass es den Sonntag gibt:
ein Tag, an dem ich mich besinne und darüber nachdenke, was mir wichtig ist im Leben und woran ich mein Herz hänge.
Gott, erfülle mein Herz immer wieder neu mit Deiner Heiligen Geistkraft, damit ich ohne Angst mit guter Orientierung durchs Leben gehen kann.
Öffne unser Herz für Dein Wort, das durch die Bibel zu uns spricht. Amen

Liedstrophe ggf. als Kanon singen oder auch gemeinsam sprechen:
EG 175: „Ausgang und Eingang, Anfang und Ende liegen bei Dir Gott, füll Du uns die Hände.“

Predigttext: Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinanander: „Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte diese Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben“. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: „Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat“.

(Mk 14,3-9)

Jesus ist in Jerusalem eingezogen und wird von Simon dem Aussätzigen zum Essen in sein Haus eingeladen. Aussatz, was ist das für eine Krankheit? Heute nennen wir diese ansteckende Krankheit Lepra. Sie gab es früher auch in Europa, konnte aber durch gute und gesunde Lebensbedingungen eingegrenzt und besiegt werden. Als ich vor vielen Jahren als Entwicklungshelfer unter Kaffee- und Kakao-Bauern in Afrika tätig war, gab es in unserem Dorf noch Leprakranke. Sie waren Teil der Dorfgemeinschaft, aber man hielt Abstand. Es wurde für sie gekocht und das Essen wurde zu einem bestimte Platz gebracht, dort wurde es von den Kranken abgeholt. Es gab keine direkte Begegnung wegen der Ansteckungsgefahr. Es war eine gute Balance zwischen Distanz und Nähe geschaffen worden. Alle wussten: diese kranken Menschen gehören zu uns! 

Jesus nimmt dieses Anliegen auf. Jesus lässt sich sogar einladen. Von Simon dem Aussätzigen. Jesus zeigt Nähe. So wie heute die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Arztpraxen, Heimen und Krankenhäusern. Viele von uns sitzen zu Hause und sind gebeten worden, sich zu isolieren und auf die normalen Kontakte weitgehend zu verzichten wegen der Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus Covid-19. Aber sehr viele Menschen helfen in medizinischen und sozialen Berufen. Sie zeigen Nähe und wissen, dass auch sie dadurch gefährdet sein können. Wir sind ihnen dankbar und heute und die nächste Zeit mit ihnen im Gebet verbunden. 

Die Menschen damals in Jerusalem haben auf den Messias gewartet. Er sollte wie ein König einziehen und – wie die Tradition es vorgegeben hat – als Messias gesalbt werden.

„Messias“ – das ist das hebräische Wort für „Gesalbter“, „Christus“ ist die griechische Übersetzung. Jesus Christus heißt eigentlich „Jesus der Gesalbte“.

Im Alten Testament, das wir im Gespräch mit Juden heute das 1. Testament nennen, salben männliche Propheten besonders auserwählte Männer zu Königen. So hatten sich die Menschen das mit Jesus auch vorgestellt. Beim Einzug in Jerusalem (daran erinnert der Sonntag „Palmarum“) werfen sie ihre Kleider und Palmenwedel auf die staubige Straße,  gewissermaßen, um einen „roten Teppich“ auszulegen wie bei einem Staatsbesuch, und singen „Hosianna, gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn…“. Der neue sehnlichst erwarte Messias-König sollte die Gewaltherrschaft der Römer beenden und religiös-politisch herrschen. Das war die Hoffnung vieler.

Und was tut Jesus? Er reitet in Jerusalem nicht „hoch zu Ross“ wie ein weltlicher Herrscher, sondern entscheidet sich für einen jungen Esel. Er lässt sich dann einladen von einem Menschen, der eine ansteckende Krankheit hat und aus der Gesellschaft ausgestoßen ist, Simon der Aussätzigen.  So ist Jesus zu einem Symbol für „Nicht Herrschen, sondern DIENEN“ geworden. 

Und dann kommt eine Frau – im Johannes-Evangelium trägt sie den Namen Maria – und salbt ihn. So wie früher die Propheten den zukünftigen König gesalbt haben. „Jesus Gesalbter der Frauen“, so hat ein Buchtitel es vor vielen Jahren einmal beschrieben. Allmählich verstehen wir Christen, was das für ein Symbol ist: Jesus wird nicht von einem Mann, sondern von einer Frau gesalbt. Und die Männer damals, auch die Jünger – verstehen die Symbolhandlung und protestieren: „Wenn man das kostbare Salböl verkaufen würde, hätte man viel Geld für die Unterstützung der Armen…“, so wird argumentiert. Immerhin: die Jünger denken vielleicht an diakonische Aufgaben, aber in dieser Situation klingt das doch etwas scheinheilig…

Und in der Überlieferung der Urgemeinde wurde diese Geschichte auch interpretiert als vorgezogene Begräbnis-Salbung, wie sie dann durch Frauen nach dem Tod von Jesus auch vorgenommen werden sollte. Aber da kam die Auferstehung dazwischen! 

Wir lesen und bedenken diese Geschichte in Zeiten der Corona-Krise.

Was können wir lernen und für unseren Alltag mitnehmen?

  1. Wir sollten phantasievoll immer wieder neu die Nähe zu anderen Menschen herstellen. Es ist ja großartig, wie viele kreative Ideen nun entwickelt werden im Bereich von Nachbarschaftshilfe. Ich denke da auch an einen Blumenstrauß an Personen im Altersheim, an eine Schachtel „Merci“ für die Frau an der Kasse im Supermarkt, an die Organisation von Hilfspaketen für Menschen, die hilfebedürftig sind, an Telefongespräche und an Briefe. Man kann sich täglich eine neue Liste machen, mit wem man Kontakt aufnehmen möchte.
  1. Wir entdecken das Gebet „Zeitgleich“ neu: wir verabreden uns in der Gemeinde – vielleicht kann der Kirchenvorstand in Abwesenheit von Pastor Leißer dazu einen Impuls geben – an bestimmten Tagen zur gleichen Zeit eine kleine Andacht zu halten, dazu könnten die Glocken zum Gebet rufen.

Wir entwickeln eine gute Balance von Gottvertrauen und Achtsamkeit mir und meinem Nächsten gegenüber und beteiligen uns an der Debatte, wie die Corona-Krise schrittweise überwunden werden kann. Wir Menschen neigen dazu, rasch Schuldzuweisungen zu definieren. Nein: darum kann es jetzt nicht gehen. Es geht um Solidarität und kluge Konzepte. Im Wissen, dass wir im Leben und im Sterben von Gott begleitet sind, können wir gelassen und zuversichtlich das tun, was uns aufgetragen ist: helfen und für andere Menschen da zu sein. Dafür ist Jesus, der Christus, unser Vorbild und zugleich unsere Ermutigung und Stärke.

Lied gesungen oder gesprochen:

EG 352, 1-4 

  1. Alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen über alles Geld und Gut. Wer auf Gott sein Hoffnung setzet, der behält ganz unverletzet einen freien Heldenmut.
  2. Der mich bisher hat ernähret und mir manches gGück bescheret, ist und bleibt mir ewig mein. Der mich wunderbar geführet und noch leitet und regierte, wird forthin mein Helfer sein.
  3. Sollt ich mich bemühn um Sachen, die mir Sorg und Unruh machen und ganz unbeständig sind? Nein, ich will nach Gütern ringen, die mir wahre Ruhe bringen, die man in der Welt nicht find.
  4. Hoffnung kann das Herz erquicken, was ich wünsche wird sich schicken, wenn es meinem Gott gefällt. Meine Seele, Leib und Leben hab ich seiner Gnad ergeben und ihm alles heimgestellt.

(ein Lied von 1676, das seit 350 Jahren unsere Gemeinden begleitet!)

Gebet:
Gott, wir wissen, dass unsere Zeit in Deinen Händen liegt. Aber Du willst auch, dass wir mit der uns geschenkten Lebenszeit verantwortungsvoll umgehen. Erfülle unsere Herzen mit Liebe und Verstand, dass wir in vernünftiger Weise mit unserem leben umgehen und unserem Nächsten dienen. Kyrie eleison!

Gott, wir denken heute dankbar an alle Menschen, die in besonderer Weise unserer Gesellschaft dienen: den Pflegekräften und Ärzten, den Polizisten, den Menschen, die verantwortlich sind für unserer Versorgung von Lebensmitteln und auch Entsorgung von Müll. Kyrie eleison!

Gott, wir wollen auch die Menschen nicht vergessen, die in Flüchtlingslagern am Rande von Europa gelandet sind. Hilf, dass die Regierungen und Hilfsorganisationen diese Menschen nicht vergessen, sondern endlich menschenwürdige Lösungen finden.

Vater unser… (allein oder gemeinsam)

Segen (Hände öffnen und laut sprechen): 
Gott segne und behüte uns,
Gott lasse ein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig,
Gott erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns Frieden. Amen

(Pastor i.R. Folker Thamm, Hannover)

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