Ernst der Nachfolge? (Lk 9,57-62) von Folker Thamm

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.
62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

was ist das für eine Forderung, die Jesus da stellt:

„Deinen Vater können andere begraben, Du aber gehe hin und verkündige das Reich Gottes!“

Lieber Jesus, dachte ich, so geht das nicht! Das kannst Du nicht fordern! Es gibt doch wirklich Prioritäten im Leben!

Der Jünger, der sich mit Jesus auf den Weg gemacht hat, will ihm ja nachfolgen, aber da ist noch etwas Wichtiges zu erledigen: der Vater ist gestorben, die Beerdigung muss ausgerichtet werden, die Gäste sollen bewirtet werden, alles soll so sein, wie es sich gehört, ja dann, lieber Jesus, wenn alles gut erledigt ist, dann komme ich und folge dir nach!

Aber Jesus sagt: 

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“.

Ich denke an mein eigenes Leben. Wie verstehe ich „Nachfolge“? Neulich war ich eingeladen im Rahmen eines interreligiösen Dialogs (Juden, Christen, Moslems) zu erzählen, wie ein Pastor so lebt…

Da wurde mir noch einmal klar, dass ein Pastor zuerst einmal Christ ist und eigentlich nichts Besonderes, was die Nachfolge betrifft. Wir alle sind in die Nachfolge berufen! Ein Pastor hat eine besondere Aufgabe in der Gemeinde im Bereich Verkündigung und Seelsorge und Bildung und Begleitung im Leben, ja, das stimmt. Aber in die Nachfolge Jesu sind wir alle berufen.

Ich wurde gefragt, was denn für mein Christsein und meinen Glauben die leitenden Gedanken sind. Ich zitierte den berühmten Satz von Jesus von der Liebe: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“. Und auch Paulus, der sagt: „Wo der Geist Gottes weht, da ist Freiheit“. 

Also: Nachfolge ist nicht ein unbedachtes Hinterherlaufen hinter einem Lehrer, einem Führer oder einer Ideologie, sondern hat etwas zu tun mit Liebe und Freiheit.

Aber es gibt Berufe und Lebenssituationen, wo ich aufgefordert bin, sofort zu handeln, zu helfen, mich einzusetzen für das Wohl des Nächsten.

Ich denke da einen Arzt, der mit seiner Frau einen schönen Theaterabend geplant hat. Es ist ein Geburtstagsgeschenk. Lange haben sie sich darauf gefreut. Endlich mal Zeit für einander haben. Und dann klingelt das Telefon. Ein Notfall, eine sofortige Operation ist nötig. Der Arzt lässt den Theaterabend sausen und eilt ins Krankenhaus.

Wir haben den Satz von Jesus über die Nachfolge im Ohr: was ist jetzt wirklich wichtig!

Und die Ehefrau des Arztes? Kann sie so eine Entscheidung wirklich verstehen und nachvollziehen?

Wir denken an Menschen, die sich in der freiwilligen Feuerwehr engagieren, wir denken an Notfallseelsorger, an alle, die in Notdiensten tätig sind: es ist auch „Nachfolge“ im Sinne von Jesus, denke ich oft.

Denn unsere Kultur mit all ihren lebensdienlichen Diensten hat ja diese tiefen christlichen Wurzeln, auch wenn dies oft nicht mehr so bewusst ist.  Warum engagiere ich mich für den Nächsten? Mit christlichem Bewusstsein würde man sagen können: Weil ich Jesus nachfolge und dem Nächsten diene.

Und: weil Jesus dieses Doppelgebot der Liebe aus dem Alten Testament, das wir heute das 1. Testament nennen, zitiert hat: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst“.  Das ist so ein Kernsatz unseres Glaubens. Eigentlich ist das eine Dreiecksbeziehung: Gott – der Nächste – ich selbst. 

Das bedeutet, wenn man es weiterdenkt, dass ich Gott nur lieben kann, wenn ich mich selbst liebe,  – und dann habe ich auch genug emotionale Kraft den Nächsten zu lieben…

Wenn ich mich selbst nicht liebe, mich selbst nicht lieben kann, dann ist das ganz schlecht. Aber wenn ich mich vor allem liebe und weder Gott noch den anderen Menschen im Blick habe, ist das eine Katastrophe für mich und die Gesellschaft. Eine Gesellschaft der Egoisten zerbröselt. Dann ist jeder nur noch sich selbst der Nächste. 

Diese Dreiecksbeziehung muss also immer in der Balance sein: Gott – der Nächste – ich.

Wenn ich nur Gott liebe, also ein tief religiöser Mensch bin, kann das eine Quelle für meinen Glauben, meine Hoffnung und meine Liebe sein. Aus einer Quelle fließt frisches Wasser, das Leben in all seiner Fülle ermöglicht. Viele Menschen, die dann später als Heilige verehrt wurden, lebten aus dieser spirituellen Quelle.

Aber es besteht auch immer die Gefahr eines radikalen Fundamentalismus: nur ich weiß, was Gottes Wille ist. Wer nicht für meinen Gott ist, der ist ein Ungläubiger und muss bekämpft werden. Davor schrecken wir mit guten Gründen zurück. In der Geschichte der Religionen waren solche Bewegungen immer mit Leid und Tod verbunden. 

Wenn man also nur diesen Text kennt, den heutigen Predigttext, und nichts anderes von Jesus und seiner Verkündigung, dann kann man einen Schreck bekommen wegen der Radikalität seiner Ansichten und Forderungen:

„Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber ich habe nichts, wo ich mein Haupt niederlegen kann“.

Ja, Jesus war ein Wanderprediger, der von Gastfreundschaft lebte. Er ist so zu einem Vorbild für Einfachheit, einfachen Lebensstil, auch Genügsamkeit geworden. Nicht alle können so leben, weil es ja auch Leute geben muss, die gastfreundlich sind und Gäste bewirten können. Aber dieser Lebensstil vom einfachen Leben, das dennoch erfüllt ist mit Gottesnähe und Liebe, ist und bleibt für alle Christen seit 2000 Jahren auch so etwas wie eine Herausforderung, ja ein Stachel im Fleisch des bürgerlichen Lebens. Wir fragen uns jetzt in der Fastenzeit: was ist genug, was benötige ich wirklich für mein Leben? Und was ist eigentlich ganz überflüssig?

Und dann diese Radikalität. Jesus sagt zu einem Gefährten: „Folge mir nach!“ Und dieser antwortet: „Herr, ich will dir nachfolgen, aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind“.

Da antwortet Jesus: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“.

Also: Nicht zurückschauen, sondern das Reich Gottes in den Blick nehmen! Und was verbinden wir mit dem, was Jesus „Reich Gottes“ nennt? 

Es ist ein Reich der Liebe verbunden mit Freiheit, nicht mehr und nicht weniger! Und in diesem Reich Gottes, in dieser Sphäre des Göttlichen, wo Gottes Geistkraft wirkt und mein Herz berührt, muss ich mich immer wieder neu entscheiden: wer ist jetzt gerade der nächste Nächste, dem ich im Namen Gottes beistehen und helfen muss.

Und der Friede Gotte, welcher höher ist all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

(Pastor i.R. Folker Thamm, Hannover)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.