Fels im Sturm (Mt 14,22-32)

Keine Frage, es sind stürmische Zeiten. Wohin man auch schaut, der Wind bläst einem von allen Seiten entgegen. Die Klimafrage ist ungelöst, im Osten der Ukraine braut sich etwas zusammen, das nach Krieg aussieht, in China feiern sie fröhliche Corona-, pardon, Winterspiele und der gesellschaftliche Ton bei uns wird nicht nur rauer, es wird auch neuerdings scharf geschossen, zumindest auf junge Polizistinnen. 

Als würde das nicht schon reichen, beschäftigt mich seit Monaten, nein eigentlich schon seit Jahren ein ganz anderes Thema: Sexueller Missbrauch in der Kirche.

Ganz ehrlich, da sind die Wellen schon früher hochgegangen. 

Als sich Betroffene endlich in die Öffentlichkeit getraut haben, um ihre Peiniger zu nennen. Gutachten wurden erstellt, die ein schreckliches Ausmaß zeigen. Schrecklich als allererstes für die Betroffenen, die ein Leben lang unter den Folgen zu leiden haben. 

Aber der Sturm der Entrüstung trifft das Kirchenschiff auch deshalb zurecht mit voller Wucht, weil die Vertuschung ein so großes Ausmaß angenommen hat. Entscheider und Würdenträger haben ihre Verantwortung nicht wahrgenommen (oder sagen wir: sie haben sie einseitig wahrgenommen). Fürsorge für übergriffig gewordene Geistliche und Mitarbeiter ja, aber Fürsorge für die Betroffene und Gemeindeglieder – Fehlanzeige!

Ich finde, man muss es so drastisch sagen: 

Die Verantwortlichen auf diesem „Schiff, das sich Gemeinde nennt“, haben einen ziemlichen Schlingerkurs eingelegt und sind dabei immer weiter in den Sturm geraten. 

Statt mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammenzuarbeiten, hat man diese „Brüder im Nebel“, wie der Vatikan sie nennt, einfach versetzt und an anderer Stelle wieder auf Schutzbefohlene losgelassen. Schlimmer geht es kaum!

Nun könnt Ihr ja sagen: Was regt der Leißer sich so auf? Es ist doch vor allem ein Problem der römisch-katholischen Kirche! 

Ja und nein! Denn auch bei uns gab es Missbrauch. Bei uns in der evangelischen Kirche, genauso wie in Sportvereinen und allen anderen Stellen, wo Menschen mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Wo Beziehungsarbeit geschieht und Abhängigkeiten entstehen. Überall, es ist ein gesellschaftliches Problem. Aber dass es auch bei den Kirchen vorkommt – ausgerechnet bei den Kirchen! – ist mit am schlimmsten.

Wir haben einen anderen Anspruch! Wir sitzen zusammen in dem Boot. Das, was uns zusammenbringt und zusammenhält, ist doch die Ahnung, dass es mehr geben muss. Mehr als Machtstrukturen, mehr als das Recht des Stärkeren, mehr als die Kaufkraft, das Gesetz des Marktes. Eigentlich sind wir an Bord auf Augenhöhe. Keiner ist heiliger als der andere, auch wenn das unter den katholischen Besatzungsmitgliedern immer noch behauptet wird.

Und dann das! Der Sturm rollt auf uns zu und eigentlich ist er gerade mitten über uns. Sogar ein Papst im Ruhestand gibt eine traurige Figur ab. War bei entscheidenden Sitzungen angeblich nicht dabei und dann, konfrontiert mit Protokollen, die ihn da sogar zitieren, erinnert er sich plötzlich wieder. 

Ehrlich, so agieren Spitzenpolitiker, wenn es um Kungeleien geht. Aber doch nicht ein (ehemaliger) Papst!

Ich sage es noch einmal: Wir sitzen alle in einem Boot. Katholische und Evangelische. Auch die evangelische Kirche hat lange versagt. Sie hat die Probleme kleingeredet, die Not der Betroffenen zwar gesehen, ja, aber bei Entschädigungsfragen war man alles andere als großzügig.

Das Ausmaß ist zwar deutlich geringer bei uns. Vielleicht weil wir kein Zöllibat haben. Weil bei uns lesbische Frauen ganz normal Pastorinnen sind und es sogar einen Landesbeauftragten für „Queere Seelsorge“ gibt. 

Im Verhältnis scheinen die Wellen auf unserer Seite des Schiffes etwas weniger hereinzuschwappen. Aber das Boot ist gehörig in Schieflage und wir drohen mit unterzugehen in dieser stürmischen Zeit.

Können wir die Gestalt sehen, die da über das Wasser läuft und auf uns zukommt? 

Jesus hält sich nicht an die „Gesetzmäßigkeiten“, an die bewährten Macht- und Entscheidungsstrukturen, weder an Naturgesetze, noch an Sachzwänge. Er kommt uns entgegen und ruft: „Fürchtet euch nicht! Ich bin es. Ihr braucht keine Angst zu haben.“ Übernehmt ruhig Verantwortung für die Versäumnisse von Vorgesetzten. Seid großherzig gegenüber den Opfern. Traut euch, das eigene Versagen einzugestehen. Erkennt die eigene Schuld. Der Sturm wird sich legen!

Hören wir schlecht? Als Kirche? Als Institution? Oder warum ist das Beharrungsvermögen so stark in unserem Boot? Lieber weiter herumschlingern, statt einen neuen, klaren Kurs einschlagen?  

Ist ja vielleicht einfacher so. Immer weiter im Programm. Denn wenn man etwas gravierend anders machen müsste, das würde für eine Menge Unsicherheit sorgen. Im ganzen kirchlichen Bereich! Nicht nur im Umgang mit den Missbrauchsopfern und den Tätern. Auch sonst, in der Frage wie unsere Gottesdienste gestaltet werden, oder warum man eigentlich noch Kirchenmitglied sein sollte. 

Nicht erst Corona hat uns vor Augen geführt, dass unser Schiff nicht mehr ganz seetauglich ist für die Stürme unserer Zeit. 

Aber einer ist da, der reagiert. Petrus, natürlich! Nicht nur ein ehemaliger, erfolgloser Fischer. Petrus, der Fels, wie sein Namen auf griechisch heißt. Der Fels, auf den die Kirche gebaut wird. Nicht nur die römisch-katholische. Er ist immer besonders schnell, im Reden und im Handeln. (Wenn auch nicht immer besonders geschickt.) 

Er ruft: „Herr, wenn Du es bist, befiehl mir über das Wasser zu dir zu kommen!“

Oha! Da fängt einer an zu glauben, zu vertrauen! Wagt sich aus dem Boot. In den Sturm. Der traut sich was!

Und Jesus antwortet: „Komm!“

Also schwingt Petrus sein Bein über die Bordwand. Er tritt auf das Wasser. Vorsichtig. Er steht neben dem Boot, auf den stürmischen Wellen. Und er geht. Er geht über das Wasser! Das passiert nämlich, wenn wir unsere Botschaft ernst nehmen. Jesus sagt sie in einem Satz, und ich wiederhole ihn bei jeder Beerdigung am Grab: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt!“ Das ist doch der Kern unserer Botschaft. Für die Welt, egal wie wild der Sturm gerade tobt.

Gott ist bei uns, bis ans Ende der Welt, bis an das Ende unserer Tage, sogar im Tod. Grenzenlose Nähe, auch und gerade, wenn wir Schuld eingestehen. 

Petrus, wieder mal das Vorbild, wie er da so Schritt für Schritt zu Jesus über das Wasser geht. 

Aber dann passiert es: Er spürt den Sturm, sieht die Wellen, und sieht sich selbst auf dem Wasser. Das kann gar nicht sein! Das gibt es doch gar nicht! Das hat es noch nie gegeben! Und wie er das realisiert, ja wie er sich traut, fängt er an zu sinken. Fast ertrinkt Petrus. Fast. 

Aber da ist noch ein Rest von Glauben. Nur deshalb kann er rufen: „Herr, rette mich!“ Und das ist sein Glück. Er hat noch einen Ansprechpartner, eine Adresse. Er kann seine Angst, seine Not, seine Zweifel noch aussprechen… und er weiß noch, ganz tief in seinem Herzen, wohin er sich wenden kann.

Sofort streckt Jesus die Hand aus, hält ihn fest. Da ist plötzlich ein Halt mitten im Sturm und in den Wellen und in der Angst. Und Jesus sagt: Du hast zu wenig Vertrauen. Warum hast du gezweifelt? 

Ja, warum haben wir so wenig Vertrauen? Gerade als Kirchen, evangelische wie katholische, müssen wir doch den Mut haben, Fehler einzugestehen. Noch dazu, wenn sie so dramatische Folgen für Menschen haben.

Das hat in der Vergangenheit schon mal gut geklappt. Beim Stuttgarter Schuldbekenntnis 1945, als die evangelische Kirche mit dem Eingeständnis einer Mitverantwortung in der Nazi-Zeit einen echten Neubeginn ermöglicht hat. 

So was ist doch ein Zeichen von innerer Stärke. Das ist im eigenen Leben, im Privaten doch genauso. Nur wer das Rückgrat dazu hat, kann eigene Fehler zugeben und versuchen, es besser zu machen.

Ich wünsche mir so eine Kirche, eine christliche Gemeinschaft in unserem Land, ach in der ganzen Welt, die ihre Fehler zugibt, und sich keinen dabei abbricht. 

Was meint Ihr denn, wäre die Konsequenz? Noch mehr Kirchenaustritte? Noch mehr Relevanzverlust? Noch mehr Sturm?

Ich weiß es auch nicht, aber ich würde mir erhoffen, dass wir so ein gutes Beispiel geben. Für andere Institutionen und Vereine, aber auch für Menschen in anderen Situationen. Aufrichtig das bekennen, was falsch gelaufen ist, umkehren und neu anfangen. 

Neue Wege gehen im Umgang mit Opfern, aber auch bei den Zukunftsfragen unserer Zeit. Ja, ich vermute, der Sturm würde nicht noch stärker werden. Und plötzlich merken wir, dass das Wasser uns trägt. Amen.

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