Zachäus hat die Wahl! Und Wir? (Lk 19,1-10)

Jesus kam nach Jericho und ging durch die Stadt. Dort lebte ein Mann, der Zachäus hieß. Er war der oberste Zolleinnehmer und sehr reich. Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber er konnte es nicht, denn er war klein, und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht. Deshalb lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus sehen zu können – denn dort musste er vorbeikommen. Als Jesus an die Stelle kam, blickte er hoch und sagte zu ihm: 
»Zachäus, steig schnell herab. Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.« Sofort stieg Zachäus vom Baum herab. Voller Freude nahm er Jesus bei sich auf. Als die Leute das sahen, ärgerten sie sich und sagten zueinander: »Bei einem Sünder ist er eingekehrt!« Aber Zachäus stand auf und sagte zum Herrn: »Herr, die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben. Und wem ich zu viel abgenommen habe, dem werde ich es vierfach zurückzahlen.« Da sagte Jesus zu ihm: »Heute bist du gerettet worden – zusammen mit allen, die in deinem Haus leben. Denn auch du bist ein Nachkomme Abrahams! Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.«
(Lk 19,1-10 BasisBibel)

Heute ist Wahltag in Sachsen-Anhalt. Lange wurde darüber gesprochen, viele Analysen habe ich gesehen, Umfragewerte, die zwar hin und hergingen. Aber in der Tendenz ist wohl klar:  Die vermeintliche Alternativpartei wird die Wahl gewinnen. Mit Parolen und auf Kosten vieler Menschengruppen unserer Gesellschaft. Aber ich werde hier jetzt nicht sagen, was die Menschen im Nachbarland besser wählen sollten. Dafür ist die Kirche nicht da. 

Mit Jesus kann man keine Parteipolitik machen. Er passt in kein Wahlprogramm und gehört keiner Partei. Aber das heißt nicht, dass der Glaube unpolitisch wäre! Im Gegenteil: Wer auf Jesus hört, kann nicht so tun, als ginge ihn das politische Klima in unserem Land nichts an. Denn Politik entscheidet ja mit darüber, wie Menschen zusammenleben. 
Wie mit Macht umgegangen wird. 
Wer geschützt wird. Wer gehört wird. Und wer an den Rand gedrängt wird.
Darum hat das Evangelium an einem Wahltag sehr wohl etwas zu sagen.

Die Geschichte von Zachäus führt uns in die Stadt Jericho. Da lebt einer, über den alle längst ihr Urteil gefällt haben. Zachäus ist Zöllner. Reich. Einer, der vom System profitiert. Einer, mit dem man nichts zu tun haben will. Für die Leute ist klar: Den kennen wir.

Aber genau da beginnt das Evangelium: wo fertige Urteile ins Wanken geraten.

Denn Zachäus will Jesus sehen. Ausgerechnet der. In diesem Mann ist offenbar mehr als Gier und Berechnung. Da ist Sehnsucht. Vielleicht die Hoffnung, dass sein Leben nicht auf das festgelegt ist, was andere in ihm sehen.

Weil er klein ist und die Menge ihm die Sicht versperrt, klettert er auf einen Baum. Ein erwachsener Mann auf einem Baum — das wirkt fast komisch. Aber es ist auch ein starkes Bild. Denn viele Menschen kennen das: irgendwie nicht mitzukommen, irgendwie übersehen zu werden, keinen Platz zu finden.

Dann kommt Jesus vorbei. Und er bleibt stehen. Er läuft nicht einfach mit der Menge weiter. Er fragt nicht nach der öffentlichen Meinung, nach der Stimmung „im Volk“. Er schaut nicht darauf, was gerade gut ankommt. 

Er sieht Zachäus. Und er sagt: „Zachäus, steig schnell herab; denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.“

Dieses „Ich muss“ ist wichtig. Nicht: Ich könnte. Nicht: Wenn die anderen nichts dagegen haben. Sondern: Ich muss. Denn Jesus geht dorthin, wo andere nicht hingehen wollen. Er wendet sich dem zu, den die anderen innerlich schon abgeschrieben haben.

Und genau darin liegt die Kraft dieser Geschichte und von Jesus überhaupt: Er sieht Menschen nicht nach Nutzen. Nicht nach Ansehen. 
Nicht nach Mehrheitsstimmung.  Er sieht uns Menschen nach unserer Würde.

Und damit sind wir mitten in der Situation heute am Wahltag. Denn Demokratie ist mehr als nur Stimmen auszählen. Demokratie lebt davon, dass jeder Mensch wichtig ist. 
Dass Macht begrenzt wird. 
Dass nicht einfach die Lautesten sich durchsetzen. 
Dass Minderheiten geschützt werden.
Gerade das diskturiere ich hier in der Grundschule im Reli-Unterricht am Ende der 4. Klasse: Demokratie ist nicht die unbegrenzte Herrschaft der Mehrheit. Minderheiten haben ein Recht auf Schutz. Darum ist Demokratie so kostbar. 

Sie ist nicht perfekt. Aber sie begrenzt die Macht und schützt die Würde aller.

Und wer das Evangelium von heute hört, dem kann das alles nicht gleichgültig sein. Denn Jesus ist nicht neutral gegenüber Ausgrenzung. Und „Kirche“ darf nicht neutral sein, wenn Menschen verächtlich gemacht werden. Deshalb ist die Gefahr einer rechtsextremistisch geprägten Regierung nicht nur eine Frage des politischen Geschmacks. Sie ist eine geistliche und moralische Herausforderung.

Denn eine solche Politik verändert nicht nur Programme und Gesetze. 
Sie verändert die Herzen.
Sie verändert, wie wir sprechen. 
Sie verändert den Ton. 
Sie verschiebt die Grenzen dessen, was sagbar wird. Und wenn das geschieht, trifft es zuerst die, die ohnehin verletzlich sind.

Und genau da können wir als Kirche, als Gemeinde Jesus Christi nicht schweigen! Es reicht nicht, wenn wir nur von Freundlichkeit reden. Das Evangelium ist barmherzig, ja. Aber es ist nicht harmlos! Es stellt uns vor eine Entscheidung.

Am Ende sagt Jesus: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Das ist der Maßstab.

Eine Gesellschaft zeigt ihren Zustand nicht daran, wie sie den Starken applaudiert, sondern wie sie mit den Schwachen umgeht. Mit denen, die Angst haben. Mit denen, die fremd sind. Mit denen, die arm sind. Mit denen, die leise sind. Und mit denen, die schnell übersehen werden. 

Wie Zachäus.

Jesus verharmlost Zachäus nicht. 
Das ist mir wichtig! 
Schuld bleibt Schuld! 
Am Ende redet Zachäus ja selber von Wiedergutmachung. 

Aber Jesus beginnt nicht mit Verachtung. Er beginnt mit Zuwendung. Und gerade dadurch wird es Zachäus möglich, sich zu verändern.

Für mich ist das die eigentliche Frage dieses Sonntags:  Nicht nur: Wer regiert?  Sondern: Welcher Geist soll unser Land in Zukunft prägen?

Der Geist der Angst?
Der Geist der Härte?
Der Geist der Ausgrenzung?
Oder der Geist, der in Jericho stehen bleibt, aufblickt und sagt:

Du bist nicht abgeschrieben.
Du gehörst dazu.
Steig herunter.
Ich muss bei dir zu Gast sein.
Du hast die Wahl!

Amen.

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