Jetzt aber spricht der Herr,
der Jakob geschaffen
und sein Volk Israel gebildet hat:
Fürchte dich nicht,
denn ich habe dich befreit.
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen,
du gehörst zu mir.
Wenn du durch Wasserfluten gehst, bin ich bei dir.
Reißende Ströme spülen dich nicht fort.
Wenn du durchs Feuer gehst, verbrennst du nicht.
Die Flammen können dir nichts anhaben.
Denn ich bin der Herr, dein Gott.
Ich bin der Heilige Israels, der dich rettet.
Du bist kostbar und wertvoll für mich,
und ich habe dich lieb.
(BasisBibel)
Ich war diese Woche unterwegs. In Loccum, in der evangelischen Akademie. Da haben wir, alle Pastorinnen und Pastoren im Kirchenkreis, gemeinsam über die Zukunft von Kirche nachgedacht. Ganz am Anfang unserer Tagung haben wir eine Vorstellungsrunde gemacht. Ihr kennt das vielleicht, wenn man so im Kreis sitzt mit Leuten, die einen noch nicht so gut kennen, und dann heißt es: Stellt euch mal kurz vor. Sagt, wer ihr seid und wo ihr wohnt.
Und dann ging es los. 34 Leute, die alle ihr Statement beginnen mit den Worten „Ich bin…“ oder „Ich heiße…“ Als ich dran war, kam ich plötzlich ins Stottern. „Ich bin…, ja, wer bin ich eigentlich?“ Das war in dem Moment keine theoretische Frage. Ich wusste wirklich nicht, was ich sagen sollte.
Bin ich Pastor? Ja, aber nicht nur!
Bin ich Vater? Ja, aber noch viel mehr.
Ich bin… so viel zugleich und für verschiedene Leute habe ich ganz unterschiedliche Rollen, Funktionen, Bedeutungen.
Wer wir sind oder zu sein meinen, das wird oft durch verschiedene Dinge definiert. Etwa durch den Beruf.
Durch Beziehungen.
Durch Anerkennung.
Durch das, was wir wissen.
Durch den Einfluss, den wir haben.
Durch das Bild, das andere liken.
Und das Problem ist nicht, dass alle diese Dinge etwa unwichtig wären. Nein.
Das Problem ist: Sie tragen uns nicht, wenn es ernst wird.
Wenn der Job wegbricht — wer bin ich dann?
Wenn die Kinder aus dem Haus sind — wer bin ich dann?
Wenn ich scheitere — wer bin ich dann?
Wenn keiner klatscht — wer bin ich dann?
Wenn ich mich so anziehe oder so verhalte, dass ich nicht eindeutig männlich oder weiblich gelesen werden kann – wer bin ich da?
Genau in diese Frage hinein spricht Gott durch den Propheten Jesaja:
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“
Was für ein Satz!
Gott sagt:
Ich kenne deinen Namen.
Nicht nur deine Oberfläche.
Nicht nur deine Funktion. Nein!
Deinen Namen.
Das, was dich im inneren auszeichnet.
Das heißt: Gott kennt nicht die „bearbeitete“ Version von dir.
Nicht nur dein Sonntagsgesicht.
Gott kennt auch deine Brüche, deine Ängste, deine inneren Widersprüche.
Und Gott sagt trotzdem: Du bist mein.
Das ist für mich der tiefste Punkt christlicher und auch jüdischer Identität: Ich gehöre nicht zuerst mir selbst, meinen Stimmungen oder den Urteilen anderer. Ich gehöre zu Gott.
Das klingt für uns Menschen heute im ersten Moment vielleicht fremd. Wir sind es ja gewöhnt, dass wir alles im Griff haben. Zumindest wollen wir das.
Aber eigentlich ist das hier eine große Befreiung. Denn wenn ich zu Gott gehöre, dann muss ich mich nicht pausenlos selbst erfinden. Dann muss ich nicht jeden Tag neu beweisen, dass ich wertvoll bin. Dann muss ich nicht an meinem Image herumschrauben, als hinge mein Leben davon ab.
Dann ist mein Wert nicht verhandelbar. Weil ich geliebt bin.
„Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ heißt es in Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Die Würde ist nicht verhandelbar, der Wert eines Menschen unbezahlbar. Auch wenn uns die vermeintliche Alternativ-Partei da was anderes weismachen will. Es gibt keinen Unterschied zwischen Menschen. Jeder und jede ist wertvoll, egal wo du herkommst, was du glaubst, wen du liebst, wie viel du besitzt oder welche Sprache du sprichst. Und auch egal, welches Geschlecht dir zugeschrieben wird, wie du dich selbst verstehst oder welche Hautfarbe du hast.
Die Bibel nennt das „Gottes Ebenbild“.
Aber Jesaja sagt sogar noch mehr.
Gott verspricht uns nicht: „Ab jetzt wird alles leicht.“
Gott sagt nicht: „Es wird kein Wasser geben, kein Feuer, keine Krise.“
Nein. Gott sagt:
„Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein … und wenn du ins Feuer gehst, verbrennst du dich nicht.“
Also: Wasser ja.
Feuer ja.
Schwere Zeiten ja.
Identitätskrisen ja.
Aber: Wir gehn nicht allein.
Ich finde, das ist wichtig. Vielleicht das Wichtigste überhaupt.
Denn unser christlicher Glaube ist ja keine Schönwetter-Identität. Er hält auch dann, wenn das Leben dunkel wird. Das ist die Botschaft vom Kreuz: Jesus, der treu bleibt, bis in den Tod. Ein Gott, der Mensch wird und stirbt, um uns Menschen ganz nahe zu sein – in der größten Krise, die es überhaupt gibt. Dann, wenn das Leben zu Ende ist.
Es kann sein, dass heute jemand hier sitzt und sich trotzdem denkt: Das hat der Leißer schön gesagt, aber ich fühle das gerade überhaupt. Und das kann wirklich sehr gut sein.
Denn es gibt ja diese Phasen, da weiß ich gerade selbst nicht, wer ich bin. Dann fühle ich mich eher verloren als gerufen. Da fällt mir auf die Frage „Wer bin ich?“ herzlich wenig ein. (So, wie bei der Vorstellungsrunde im Kollegenkreis letzte Woche.)
Wer ich bin?
Keine Ahnung!
Keine Ahnung?
Wenn es dir gerade so geht, dann ist diese Verheißung von Jesaja vielleicht heute genau für dich.
Gott sagt:
„Ich habe dich gerufen.“
Bevor du dich sortiert hast.
Bevor du fertig warst.
Bevor du dich stark gefühlt hast.
Gott ruft:
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein.“
Und? Lässt du dir sagen, dass du geliebt bist? Lässt du dir zusprechen, dass dein Leben mehr ist als nur Funktionieren? Lässt du dich beim Namen rufen?
Vielleicht ist das eine große Herausforderung. Denn „Leistung“ können doch viele von uns ziemlich gut. Kontrolle auch.
Aber sich lieben lassen? Sich von Gott definieren lassen? Das ist schwerer.
Weil es bedeutet, dass ich loslassen muss, was ich so verbissen festhalte: mein eigenes Selbstbild, meine Abwehr, meinen Stolz, meine Angst, meine Fassade.
Jesaja erinnert uns daran:
Du bist geschaffen.
Du bist gerufen.
Du bist geliebt.
Und du bist nicht allein.
Ich glaube, ich werde einfach bei der nächsten Vorstellungsrunde, wenn es mal wieder heißt „Wer bin ich?“ darauf sagen:
Ich bin:
Geliebt.
Gesehen.
Gesegnet.
Reicht doch. Oder?
Amen.