„Morgenrot“ (Exodus 19,1-6)

Es ist ein schöner Morgen! Vereinzelte Sonnenstrahlen lassen sich blicken. Sie tauchen den klaren, blauen Himmel in ein orangenes Licht. Es ist noch recht frisch hier oben. Die sternklare Nacht war kühl und eine tiefe Stille hatte sich ausgebreitet. Die Hitze des Tages ist noch fern und so kann die karge Natur noch einmal aufatmen. Langsam schiebt sich nun die Sonne über die endlose Gebirgslandschaft. Eine wunderbare Aussicht tut sich auf über das weite, gebirgige Plateau, auf tief gefurchte, rötlich-braune Berge, die bis zum Horizont reichen. Der Sinai – geheimnisvoll und majestätisch ist dieser Berg seit undenkbaren Zeiten mit Geschichten verwoben. Mitten in der staubigen Wüste ragt er empor und zieht die Blicke der Wandernden schon von Ferne auf sich.

Der Sinai ist auch Schauplatz des heutigen Predigttextes. Das Volk Israel – gerade auf der Flucht aus Ägypten – wandert durch die Wüste. Endlich kommt es zu diesem besonderen Berg und erlebt etwas Wunderbares. Aber hören wir selbst:

Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und Gott rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.

Israel ist in der Wüste unterwegs. Es ist kein kurzer Ausflug, keine Spritztour sondern das Ergebnis einer Flucht. Und so wie alle Flüchtlinge auf dieser Welt zu jeder Zeit, so sind auch die Israeliten hastig aufgebrochen, nur mit dem Nötigsten versorgt, in eine unsichere Zukunft. Das Ziel war nicht klar, niemand weiß, wie lange die Flucht dauern würde. Nur eines hatten sie gehört: Dass Gott mit dabei ist, dass Gott mitgeht in die Wüste, jenen trostlosen Ort, wo es außer Sand nicht viel gibt. Dieser Gott, von dem Mose erzählt hatte.

Er hatte es ihnen versprochen: Sie sollten frei sein, nicht mehr Zwangsarbeiter, nicht mehr unter staatlicher Willkür schuften, ohne Mindestlohn und Sozialleistungen. Nicht mehr den Knüppel der Staatsmacht spüren. Schluss mit den Erniedrigungen. Dieser Mose, der dahergelaufene Schafhirte. Irgendwie hat er sie überzeugt, alles hinter sich zu lassen. Das wenige, was sie hatten, aufzugeben und in die Wüste zu fliehen. In die Wüste!

Zwei Monate waren sie seitdem nun unterwegs, zwei Monate am Rande des Verzweiflung. Was hatten sie mit Mose und seinem Gott gehadert, ihn beschimpft. „Wenn das die Freiheit ist, von der du sprichst, dann lass uns lieber umkehren. Zurück ins Gefängnis, da gibt es wenigstens etwas zu essen.“ Freiheit in der Wüste! Dieser ewige Geschmack von Sand und Durst, eine tolle Freiheit ist das!

Wüstenzeiten. Immer wieder gibt es sie in unserem Leben, immer wieder braucht es einen Auszug aus Ägypten, aus engen Verhältnissen, aus Beziehungen, die erdrücken, aus Situationen, in denen es nicht mehr voran geht. Befeiung tut Not! Und dann ist da dieser Gott, der mitgeht. Mit in die Wüste. Der die Dürrezeiten des Lebens mit aushält. Rastlos ziehen sie umher, die Befreiten. In den Wüstenzeiten des Lebens gehört Suchen dazu. Das Suchen nach neuen Wegen, nach Lösungen, nach Alternativen.

„Sie lagerten sich in der Wüste gegenüber dem Berg.“ Die Zeiten in der Wüste sind nicht alle gleich: Monatelang waren sie umher geirrt. Jetzt macht Israel halt. Das Volk hat angehalten, es kommt zur Ruhe und erkennt: Da gegenüber liegt der Sinai, der Berg Gottes. Um hierher zu gelangen, mussten sie durch die Wüste gehen. Es gibt Dinge im Leben, die sind ohne Krisen nicht zu erreichen. Befreiung ist immer mit Abschied verbunden. Aufbruch mit Unsicherheit. Und in den Wüsten unseres Lebens erkennen wir, was zählt. Was wichtig ist. In der Krise lernen wir, zu unterscheiden: das Wichtige vom Unwichtigen, was uns beschwert und was uns gut tut.

Auch Israel kommt nach zwei Monaten des Suchens zur Ruhe und erkennt, worum es eigentlich geht. Die frisch gewonnene Freiheit ist kein Zuckerschlecken, die Freiheit muss gestaltet werden. Mitten in der Wüste schärft sich der Blick. Die Sinne werden klar. Israel gehen die Ohren auf und es hört Gott: „Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“

Die Krise wird neu gedeutet. All die Entbehrungen, die Durststrecken auf dem Weg durch die Wüste, all das beschreibt Gott mit dem Bild der Adlerflügel. „Auf Adlerflügeln habe ich euch zu mir gebracht.“ Gott ist dabei in den Krisen, die zur Freiheit führen. Innere und äußere Freiheit. Befreiung aus Armut und Befreiung aus menschlichen Zwängen. Vielleicht ist Gott selbst sogar die Ahnung von einem besseren Leben, die uns Aufbrechen lässt. Vielleicht ist Gott der Mut der Israeliten, sich nachts aus dem Staub zu machen und beherzt nach eigener Freiheit zu suchen? Gott als Freiheit?

Israel soll den Bund mit Gott halten, ein Volk von Priestern werden, ein heiliges Volk. „Sei etwas Besonderes. Ich habe dich erwählt, damit du ein Beispiel bist, ein Vorbild für alle Völker.“ Was für ein leidenschaftliches Angebot! Und so heißt es weiter in der Bibel: „Alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles was Gott geredet hat, wollen wir tun!“ Das ist kurz und deutlich!

Der Mensch kann auf seine Befreiung nur antworten, indem er Gottes Stimme „gehorcht“, d.h. Gott vertraut. Was ist Glauben anderes als Vertrauen? Der Bund zwischen Israel und Gott, seinem Befreier, ist aufgerichtet – mitten in der Wüste, mitten in der Krise ist die Beziehung von Gott und Mensch besiegelt. Die Begegnung mit Gott befreit die Menschen. Menschen werden aber nur da frei, wo sie auch bereit sind, den Weg in die Wüste zu gehen. Ja, vielleicht werden sie erst in der Wüste wirklich frei.

Juden und Christen stehen gemeinsam auf diesem Wüstenboden. Beide erleben  Wüstenzeiten in ihrem Leben, beide haben denselben Befreier kennen gelernt. Und doch sind sie nicht gleich. Wie oft haben Christen ihre jüdischen Geschwister gepeinigt und ermordet? Sind schuldig geworden am auserwählten Gottesvolk? Es ist ein steiniger Boden, auf dem wir stehen. Das auserwählte Volk und die Hinzugekommenen. Die Schuld trennt uns, sie scheint unüberwindbar. Wüste überall. Es wird wohl wieder bei Gott liegen: Dass wir auch in der Wüste der Geschichte inne halten, ein Lager aufschlagen und dem Befreier begegnen. Dass die Schuld von  gestern zur Verantwortung für heute wird. In der Krise zeigt sich Gott.

Nun kommt die Sonne ganz heraus. Es wird warm auf dem Sinai. Ein neuer Tag bricht an, der Hoffnung bringt. Hoffnung für alle.

Amen.

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