„Kein Schmuseheiland“ (Lukas 11,14-23)

in dieses Jahr haben wir ein besonderes Jubiläum gefeiert: 1945 bis 2005, 60 Jahre Kriegsende. Das sind 60 Jahre ohne Krieg in Deutschland, 60 Jahre ohne Bomben und Zerstörung – ein Grund zur Dankbarkeit allemal. Doch mit dem Schweigen der Waffen in unserem Land ist der Krieg nicht vergessen. Seine Schrecken haben noch lange gewirkt, bei manchen vielleicht bis heute.

Wir Jüngeren kennen das Elend des Krieges nur aus Büchern, aus Filmen und dem Geschichtsunterricht in der Schule. Für mich ist diese Zeit weit weg, fast unwirklich – und doch lebe ich mit Menschen in dieser Stadt, die den Krieg selbst durchmachen mussten. Wie viele von uns hier haben ihn noch am eigenen Leib erfahren? Haben Hunger und Angst durchstehen müssen? Wie viele mussten fliehen, die Heimat verlassen? Für wie viele ging das Elend auch nach dem 8. Mai 45 weiter? Wie viele von uns haben Menschen verloren in diesem Wahnsinn – Verwandte, Freunde, Geliebte? Wie viele von uns hat der Krieg stumm gemacht?

Stumm sein, das heißt gebunden sein, sprach-los sein wegen einem schlimmen Ereignis. Das können Kriegserlebnisse sein oder eine schwere Krankheit. Verfolgung, Diskriminierung, ja auch Mobbing am Arbeitsplatz – bei solchen Erfahrungen verschlägt es uns Menschen die Sprache. Dann fehlen einem die Worte, um sich auszudrücken und seine ganze Enge hinauszuschreien.

Manchmal bricht es irgendwann hervor aus den Menschen, das Schweigen explodiert in wildem Hass – so wie es in Frankreich gerade passiert: Die Jugendlichen aus Migrantenfamilien wurden lange genug stumm gemacht, benachteiligt, ohne Perspektive. Nun durchbrechen sie ihr Schweigen – und Gewalt ist die einzige Sprache, die sie noch kennen.

Oft genug aber hält das Schweigen an – vielleicht sogar ein ganzes Leben. Und die Menschen gewöhnen sich daran, sie bleiben stumm, gefangen in sich selbst. Im Predigttext für den heutigen Sonntag, dem Beginn der diesjährigen Friedensdekade wird ein Stummer geheilt – ein Wunder, das nicht auf ungeteilte Freude stößt. Doch hören wir selbst:

Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Die Heilung des Stummen wird nur zu Beginn des Textes in knappen Worten beschrieben. Warum er stumm ist, welcher „böse Geist“ ihm die Sprache verschlagen hat, wissen wir nicht. Jesus tritt in den Kreis, der um den Stummen steht. Er sieht die Not, er erkennt die ganze Krisengeschichte und greift hinein in dieses Leben: Der „böse Geist“ muss weichen. Die Kraft des Schreckens ist gebrochen. All das, was den Stummen sprachlos gemacht hat, es verliert seine Macht. Wie es geschehen ist, wissen wir nicht, es ist letztlich auch nicht entscheidend, denn: Der Stumme kann wieder reden. Das Netz, in dem er gefangen war, ist zerrissen. Was für eine Befreiung, ganz nüchtern erzählt!

Alle, die drum herum stehen, sehen dieses Wunder. Niemand kann es bestreiten. Und doch: Die Freude über diese Heilung ihres Mitmenschen hält sich in Grenzen. Der Stumme redet und spricht von seiner Befreiung, spricht davon, was ihn all die Jahre zu Schweigen gebracht hat. Das kann ganz schön unangenehm werden für die anderen.

Das Wunder schafft keine eindeutige Situation: die einen stehen und staunen – mehr nicht. Und die anderen stehen und fragen: Sie fragen nach der Macht, mit der Jesus handelt, denn sie wissen: auch andere haben Macht, Wunder zu tun. Es gibt nicht nur Wunder von Gott her, es geschehen auch un-glaublich böse Dinge unter den Menschen. Sie stellen die Frage: Wer ist der, der so etwas tut? Wer kann solche bösen Geister austreiben? Sie sind sehr skeptisch und kritisch. Das muss so sein! Es gehört zu Jesus, zu seiner Menschlichkeit, dass man ihn so kritisch hinterfragen kann.

Aber nun ist eines wichtig: Die Fragen  müssen offen gestellt werden, ohne dass sie von vornherein eine Antwort wissen. Die Leute fragen sich: „Wer ist dieser Jesus, dass er böse Geister austreiben kann?“ Und sie wissen es eigentlich schon: „einer, der durch Belzebub Macht ausübt, der mit dem obersten Teufel im Bunde ist“. Das ist keine offene Frage mehr. Sie haben sich längst festgelegt. Und wenn andere sagen: „Gib uns ein Zeichen vom Himmel – lass z.B. die Sonne still stehen!“, dann haben sie sich längst festgelegt: Du musst dich unserem Denken unterwerfen, unseren Erwartungen.

Ich habe den Eindruck, dass aus der Menge viele Menschen nicht mit einer offenen Frage an Jesus herantreten, sondern schon festgelegt sind: Sie akzeptieren einen Jesus fürs Herz, fürs Gemüt. Aber einen, der sie frei machen will aus ihren Bindungen, den können sie sich nicht vorstellen. Sie akzeptieren einen Jesus, der etwas über Gott sagt, über den „Vater im Himmel“. Aber einen Jesus, der ihnen sagt: Du musst befreit werden von Deinen schrecklichen Erlebnissen – das geht ihnen zu weit.

Sie akzeptieren einen Jesus, der ihnen gute Dinge über Gott sagt. Aber einen, der sagt: an mir entscheidet sich dein Leben, an mir entscheidet sich, ob Du in Ewigkeit bei Gott sein wirst oder in Ewigkeit ohne Gott (und das heißt: verloren sein) wirst, der geht ihnen zu weit. Ich muss gestehen, dass ich auch Schwierigkeiten habe mit diesem Jesus da. Es ist starker Tobak. Nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Am Ende geht Jesus so weit zu sagen: Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich. Ein Satz, der keine Alternative lässt, ganz radikal. Dieser Jesus, wie er hier beschrieben wird, ist kein Schmuse-Heiland, so ein bisschen zum Anlehnen. Ich spüre, wie stark er auch mich anfragt.

Auch gerade in der Kirche und unter Christinnen und Christen gibt es bestimmte Jesus-Bilder, Bilder vom sanften, neuen Mann etwa. Oft genug sind auch wir festgelegt auf ein bestimmtes Jesus-Verständnis: Er ist für uns ein gutes Vorbild, aber in unserem Alltag findet er kaum einen Platz. Er ist für uns der Messias, aber mit der Frage nach Gerechtigkeit in der Welt hat er nichts zu tun. Er ist für uns der Lehrer, aber die Antwort auf das Leben nach dem Tod, die darf er uns nicht geben. Er ist für uns ein Retter, aber unser Schweigen lassen wir uns nicht nehmen. Er ist uns ein Befreier, aber die Fesseln, die uns binden, die bewältigen wir auf unsere Weise. Er ist der Friedefürst, aber die Waffen haben in unserer Welt immer noch das letzte Wort – viel zu oft.

„Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Dieser Jesus hat ein großes Selbstbewusstsein. Vielleicht hat er ja davon dem Stummen etwas abgegeben. Jesus hat ihn zum Sprechen gebracht und nun ruft er ihn und alle, die es hören können, zu einer Entscheidung. Auch uns. Eine Entscheidung ist nötig. Für ihn oder gegen ihn. Es geht nicht über unsere Köpfe hinweg, sondern es geht nur, wenn wir unser Herz gewinnen lassen – gewinnen lassen von dem, der sich hingegeben hat für uns.

Und da wird ganz deutlich, mit welcher Macht Jesus das Schweigen bricht: mit der Liebe, die sich selbst aufopfert und die gerade darin alle Unterdrückung offen legt. Der geheilte Stumme – wird er, ja werden wir den Weg Jesu einschlagen? Werden wir uns entscheiden für einen Weg, der zu den Stummen und Sprachlosen der Gesellschaft führt, zu den Geplagten, zu den Einsamen? Vielleicht müssen wir uns immer wieder neu entscheiden, müssen die Frage nach Jesus immer wieder neu stellen. So bleibt unser Glaube lebendig. So können auch wir andere aus ihrem Schweigen holen. Nicht eine fertige Antwort, eher tausend offene Fragen.

Diese Geschichte aus dem Lukasevangelium ist für mich eine Mutmachgeschichte. Am Anfang der Friedensdekade werden wir aufgefordert, das Schweigen zu brechen und von Frieden und Gerechtigkeit zu reden. Jesus traut es uns zu. Vom Frieden reden, auch 60 Jahre nach Kriegsende in Deutschland. Die Welt hat es bitter nötig!

Amen.

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