„In der Erinnerung ist Leben“ (Daniel 12,1-3)

Es ist eine kalte und dunkle Zeit im Jahr. Die Tage werden immer kürzer. Ja manchmal habe ich den Eindruck, es will gar nicht mehr richtig hell werden. Die Sonne kommt nur selten durch den wolkenverhangenen Himmel und wenn sich mal ein Lichtstrahl blicken lässt, so scheint er von ganz weit her zu kommen, aus weiter Ferne.

Es ist genau diese trübe Zeit, in der wir an all diejenigen denken, die im Laufe des Kirchenjahres verstorben sind. Und so ist auch heute, an diesem Totensonntag die Kirche voller als sonst. Viele sind gekommen, um sich zu erinnern. Viele von Euch haben einen lieben Menschen verloren, eine Verwandte, einen guten Freund, jemanden aus der Nachbarschaft.

Dieser Sonntag heute gehört ihnen, unseren toten Menschenbrüdern und -schwestern. Er erinnert uns noch einmal an die schwersten Stunden des vergangenen Jahres. An die Gesichter, die vor einem Jahr noch unter uns waren. An gemeinsame Erlebnisse und Begebenheiten. Erinnerung aber auch an die Situation des Abschieds. An das, was wir sagen und tun konnten und an das, was offen geblieben ist. Alte Wunden brechen auf. Die Erfahrung von Ohnmacht und Trauer wird wieder lebendig – so sehr wir auch versuchen, sie weg zu schieben.

Der Tod hat viele Pläne zunichte gemacht. Er hat Gemeinsamkeiten zerstört. Hoffnungen mussten begraben werden. Der Tod ist und bleibt ein tiefer Einschnitt und stellt unser Leben in Frage. Was ist eigentlich wirklich wichtig? Und wie können wir, die Hinterbliebenen, mit unserer Trauer weiterleben? Der Predigttext für heute gibt uns dazu einige Bilder.

 

Zu jener Zeit wird Michael, der große Engelfürst, der für dein Volk eintritt, sich aufmachen. Denn es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Menschen gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

 

Dieser Text enthält viele Bilder. Aber auf den ersten Blick wirken sie nicht tröstlich, ganz im Gegenteil. Ich möchte mit Euch zusammen zwei von diesen alten Bildern genauer betrachten, um zu erfahren, was sie uns angesichts unserer Trauer sagen können.

Da ist das erste Bild vom Gericht Gottes am Ende der Zeiten. Gott wird trennen zwischen denen, die zum ewigen Leben erwählt sind und denen, die zu ewiger Schmach und Schande bestimmt sind. Es gibt viele Gemälde, wo Gott als Richter thront. Auf der einen Seite fröhliche Menschen, auf der anderen Seite die Verdammten. Auf der einen Seite die, die alles gewinnen und auf der anderen Seite die, die alles verlieren. Es sind Bilder, die uns vor Augen führen, dass es gutes und gelungenes Leben gibt und eines, das nicht vor Gott bestehen kann.

„Viele, die in der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zu unvergänglichem Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande.“ So lange man nicht selbst betroffen ist, kann man diese Worte einfach so hören – ohne große Sorgen. Aber wenn wir darüber nachdenken, was mit unseren Angehörigen ist und später auch einmal mit uns, dann ruft dieses Bild Ängste hervor. Und es macht betroffen.

Die Einteilung in solche, die vor Gott bestehen und solche, die nicht bestehen, kann ich nur schwer ertragen. Denn sie stellt uns vor die Frage: werden wir, werden unsere Verstorbenen zu denen gehören, die auferstehen? Oder werden wir zu denen gehören, die verdammt sind?

Menschen haben immer wieder mit guten Taten versucht, zu den Auserwählten zu gehören. Aber was ist gut? Können wir das eigentlich ermessen? Was ist eigentlich das Wichtige, das Gute an einem Menschenleben? Und welche Kriterien legt Gott an? Reicht es, jeden Tag eine gute Tat zu tun, nach dem Pfadfinder-Prinzip? Oder reicht es, ab und zu mal in den Kirche zu gehen? Reicht es, nett zu den Nachbarn zu sein? Und was ist, wenn es Streit gab in der Familie, im Freundeskreis, in der Stadt? Gehört man dann automatisch zu denen „in Schmach und Schande“?

Ich merke, das Bild vom Gericht weckt nur immer neue Fragen. Und die helfen uns nicht weiter in der Trauer; dann, wenn man Abschied nehmen muss von einem Menschen. Zum Glück gibt es im Predigttext noch ein anderes Bild. Ein sehr schönes, trostreiches Bild: das Buch, in das Menschen hineingeschrieben sind. Dieses Buch – es ist auch den Konfirmandinnen und Konfirmanden aufgefallen, mit denen wir in den letzten drei Wochen über das Thema „Tod und Sterben“ gesprochen haben. Dabei waren wir auch hier auf dem Friedhof und haben auf dem einen oder anderen Grabstein ein aufgeschlagenes Buch gefunden.

Die meisten denken dabei zuerst an die Bibel. Aber es könnte auch das „Buch des Lebens“ sein, von dem hier die Rede ist. In dieses Buch sind die Menschen eingetragen, die nicht verloren gehen, sondern leben werden. Das bedeutet für mich: Unsere Namen sind im Buch des Lebens aufgeschrieben, sie werden nicht vergessen, sie leben weiter. Denn in der Erinnerung ist Leben. Das gilt zunächst für uns Menschen: Wenn wir uns erinnern an die Verstorbenen, dann ist die Beziehung zu ihnen nicht zu Ende. Dann geht sie weiter, die Liebe ist stärker als der Tod. Das ist wohl auch der Grund, warum es im Kirchenjahr diesen Sonntag gibt: Wir als Gemeinde gedenken unserer verstorbenen Brüder und Schwestern. Wir halten die Erinnerung lebendig, weil wir glauben und hoffen, dass mit ihrem Tod nicht alles aus ist.

So ist es auch bei Gott: Im Buch des Lebens stehen die Menschen, die zu ihm gehören, an sie erinnert sich Gott. Sie werden nicht vergessen, sondern werden in der Erinnerung leben. Wer aber steht in diesem Buch? Alle, die zu Gott gehören. Und das sind auch wir. Seit unserer Taufe sind wir Kinder Gottes. Durch die Taufe sind wir aufgenommen in die göttliche Familie, durch sie sind wir aufgeschrieben in das Buch des Lebens. Vielleicht tragen wir auch deshalb die Taufen in unsere Kirchenbücher ein, um ein Bild davon zu haben, wie das aussehen könnte, wenn unsere Namen bei Gott aufgeschrieben sind.

Und so wie wir heute Kerzen anzünden für die Verstorbenen, so gibt es auch bei der Taufe eine Kerze. Bei der Taufe macht die Kerze deutlich: Du bist Gott wichtig. Gott begleitet dich. Gott ist das Licht in deinem Leben. Du bist sein Kind. Die Kerzen heute sagen uns: Das gilt auch für die Verstorbenen. Jede und jeder von ihnen war ein unverwechselbarer Mensch. Er und sie wird nicht vergessen.

Es ist für uns Christinnen und Christen wichtig ist, dass Gott einen Menschen für unverwechselbar und einmalig hält. Deshalb nennen wir auch den Namen bei der Beerdigung. Deswegen ist es uns wichtig, dass auf dem Grabstein ein Name steht. In der Erinnerung ist Leben. Diese Zusage, dass Gott unsere Namen ins Buch des Lebens schreibt, damit niemand vergessen wird, ist für mich tröstlich. Gott ist da, auch dann, wenn wir ihn vielleicht manchmal in unserer Trauer nicht spüren. Er ist da in unserer Dunkelheit und will sie erhellen.

Wir vertrauen darauf, dass der Tod eben nicht das letzte Wort hat. Sondern dass wir bei Gott auch über den Tod hinaus gut aufgehoben sind, geborgen in seiner Liebe, die keine Grenzen hat.

Amen.

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