„Familienbande“ (1. Johannes 3,1-6)

Nun ist die erste Aufregung vorüber. Der Heilige Abend und die heilige Nacht sind vergangen und mit ihnen auch die Bescherungen in den Wohnzimmern. Das ist besonders für die Kinder ein Höhepunkt des Festes. Auch gestern gab es wieder staunende Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum, die Begeisterung der Kleinen über ihre Geschenke und das ganze Drumherum – das macht auch die Erwachsenen froh.

Weihnachten ist das Fest der Kinder – so scheint es. Jedenfalls entfaltet das Fest seinen Zauber noch mehr, wenn es mit Kindern gefeiert werden kann. Weihnachten als Kinderfest – viele von uns verknüpfen Weihnachten mit eigenen Kindheitserinnerungen. Ich weiß zum Beispiel noch in vielen Einzelheiten, wie Weihnachten auf mich als Kind gewirkt hat. Der Zauber der heiligen Nacht, die feierliche Atmosphäre, die Geheimnistuerei der Eltern und Großeltern- all das hat seinen Eindruck bei mir hinterlassen.

Kein Zweifel, Weihnachten hat einen besonderen Blick für die Kinder und lässt viele Erwachsene auch wieder zu Kindern werden lässt. Es versetzt viele in die Kindheit zurück. Kindliche Freude, wenn die Wohnung herausgeputzt wird, der Weihnachtsbaum geschmückt, und wenn die Geschenke ausgepackt werden… Vielleicht wird auch hier das Kind in uns angesprochen, wenn wir die alte Geschichte von Maria, Josef und den Hirten hören.

Und nicht zu vergessen: im Mittelpunkt des Festes steht ein Kind, jenes ganz besondere Kind, das in Bethlehem im Stall geboren wurde. Das Kind Gottes, klein und unscheinbar, aber mit großer Wirkung bis in unsere Zeit. Der Predigttext für den ersten Weihnachtstag spricht von den Kindern, doch auf eine ganz eigene Weise:

 

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt

 

Dieser erste Brief des Johannes richtet sich zwar an die „Kinder Gottes“, aber seine Botschaft ist alles andere als kindlich. Vielleicht habt ihr es auch gehört. Es geht nicht um den „holden Knaben mit lockigem Haar“, es geht nicht um große Kinderaugen und die Sehnsucht der Erwachsenen, wieder mal Kind zu sein in einer heilen, besseren Welt von damals. Nein, die Kinder Gottes, die Johannes hier anspricht, sind Erwachsene Menschen im Glauben. Menschen, die durch Gottes Liebe miteinander verbunden sind. Am Anfangheißt es: „Seht! Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen.“

Wir haben also einen Vater. Gott als Vater (und heute würden wir selbstverständlich dazu sagen: Gott als Mutter) – das ist eine Anrede, die schon von Jesus kommt. Jesus spricht immer wieder von Gott als dem Vater, dessen Liebe für alle Menschen da ist. Und das ist erstmal ganz wunderbar: Wir dürfen Kinder werden. Kinder Gottes! Gott hat uns zu seinen Kindern gemacht, er hat uns angenommen, hat uns, die wir nicht immer liebevoll mit anderen umgehen und durchaus nicht immer liebenswert sind, in sein Herz geschlossen. Gott macht den ersten Schritt auf uns zu, Gott wird Mensch und kommt uns damit so nahe, wie es nur möglich ist. Gott hat ein Zeichen seiner Liebe gesetzt: das Kind in der Krippe.

Gott wird Mensch, damit wir Gottes Töchter und Söhne werden. Diese Botschaft hat damals die Welt verändert, hat sie revolutioniert, hat sie auf den Kopf gestellt. Diese Botschaft konnte die Welt verändern, indem sie die Menschen verändert hat. Aber, so sagt der Predigttext, „die Welt erkennt uns nicht.“ Die Veränderung ist also keine äußerliche, keine, die man uns einfach so ansehen könnte. Nicht glänzende Augen oder Heiligenschein. Die Veränderung durch Gottes Liebe zeigt sich wohl nur darin, wie wir uns verhalten. Als Kinder Gottes haben wir eine besondere Verantwortung für unser Leben und unsere Welt. Denn wir sind Erben und Erbinnen.

Das ist so wie bei uns Menschen: Kinder erben von ihren Eltern. Sie erben Geld und Schulden, aber auch Gene und Veranlagungen. Dinge, auf die man ein bisschen stolz ist und Dinge, die man eher nicht so gern haben würde.

So ist das auch mit uns als Gotteskindern: Das, was wir geerbt haben von Gott sind gleich ein paar Dinge: Es ist seine überschwängliche Liebe zu allem was lebt, seine fast schon unverschämte Art, jedem und jeder zu vergeben, seine Leidenschaft für die Gerechtigkeit, sein manchmal etwas seltsamer Sinn für Humor, seine Freundlichkeit und sein Bedürfnis nach Nähe. Mit einem Wort: Wir sind Erbinnen und Erben des Reiches Gottes.

Das ist ein großes Geschenk und zugleich eine große Verantwortung. Dieser Verantwortung kann man nicht immer gerecht werden. Im Alltag gibt es immer wieder Situationen, in denen mir so vieles von dem fehlt, was ich eigentlich geerbt habe: Ein falsches Wort, zur falschen Zeit, im falschen Ton. Oder manchmal wenn ich den Fernseher ausschalte, weil ich das Elend der Welt nicht mehr sehen mag, lieber nicht dran denken, wie viele Kinder in diesen Festtagen an Hunger sterben. Dann vernachlässige ich mein Erbe und entferne mich von Gott.

Im Predigttext wir das beschrieben mit dem alten Wort Sünde: „Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.“ Mit der Sünde ist genau das gemeint: Trennung von Gott. Eine Trennung, die wir selbst vollziehen in den kleinen Schritten des Alltags, im Tun und Denken. Wenn wir unser Erbe ablehnen oder so tun, als ob uns das Reich Gottes nichts anginge. Das ist Sünde.

Eigentlich, so sagt die Weihnachtsbotschaft, hat die Sünde keine Macht mehr über uns. Sie ist besiegt durch das Kind in der Krippe, das schließlich zum Mann aus Nazareth wird. Andererseits leben wir in einer Welt, die kaum auf die Kinder armer Leute achtet, die Jesu Worten vom Reich Gottes nur Taten der Gewalt entgegensetzt, die das grenzenlose Wirtschaftswachstum und den Gesetzen des Geldes blind vertraut, aber kaum der Liebe zu Gott und dem Nächsten.

Es war schon zu Zeiten des 1. Johannesbriefs so, dass auch Christenmenschen mit der Sünde lebten, auch selbst sündigten und immer wieder neu die Vergebung Gottes brauchten. Auf diese Vergebung und diesen Neuanfang aber dürfen wir hoffen. Das Jesuskind ist unsere Hoffnung. Und hier schließt sich ein Kreis, denn Kind sein zu dürfen heißt nämlich auch: Einfach da sein zu dürfen. Ohne große Verantwortung, ohne alles können zu müssen, ohne dass irgendjemand etwas von mir erwartet. Kind sein bedeutet eine spielerische Existenz zu haben, weltoffen und initiativ zu sein, nicht ein für alle mal festgelegt und eingeschränkt zu sein.

Und auf die Spitze getrieben, wenn wir bis auf die Geburt eines Kindes zurückgehen, dann heißt Kind sein, mich darauf zu verlassen, dass für mich gesorgt ist, dass ich nichts zu dem beitragen kann, was mir zum Leben geschenkt wird und auch, dass ich noch niemandem wehtun kann, wie es mir als Erwachsener immer wieder passiert.

Weihnachten also – das Fest der Kinder? Wohl ja! Das Kind in der Krippe macht uns alle zu Kindern, zu Kindern Gottes. Durch die Taufe und den Glauben gehören wir zu diesem Vater, zu dieser Mutter. So komisch das ist, aber Kinder Gottes werden wir auf zwei Weisen gleichzeitig: Zum einen als Erbinnen und Erben des Gottesreiches. Denn bei diesem Kind in der Krippe ist es nicht geblieben. Es wurde erwachsen. Er wurde derjenige, der sich im Jordan taufen ließ, der Jüngerinnen und Jünger berief zum Gottesvolk, der Menschen heilte und die Bibel neu auslegte, der selbst zum Opfer wurde und schließlich starb für seine Freundinnen und Freunde.

Zugleich werden wir Brüder und Schwestern des Jesuskindes. Durch ihn haben wir Anteil an der Gnade, die wir nicht verdient haben. Durch ihn bekommen wir Hoffnung auf einen Neuanfang. Wir bekommen die Augen geöffnet und dürfen auch an diesem Weihnachtsfest staunen über die Liebe dieses Gottes, der sich in einem neugeborenen Kind den Menschen zeigt. Verletzlicher, schutzloser geht es nicht. Gottes Liebe ist da, ganz nah, ganz menschlich.

Das Staunen beginnt an der Krippe, aber es geht weiter durch die Höhen und Tiefen eines ganzen Menschenlebens hindurch. „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“

Amen.

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