„Suche am frühen Morgen“ (Jeremia 31,31-34)

Was sucht Ihr? Warum seid Ihr heute morgen hierher gekommen in den Gottesdienst? Wahrscheinlich habt Ihr Euch etwas versprochen davon. Vielleicht ist es noch die gute Regelmäßigkeit, mit der in Mainflingen einmal im Monat evangelischer Gottesdienst ist. Das muss man doch aufrechterhalten. Vielleicht seid Ihr auch hier, weil da andere Menschen sind, auf die Ihr Euch freut, die Ihr gerne mal wieder sehen wolltet. Ein Schwätzchen vor und nach dem Gottesdienst, Kontakte pflegen, vielleicht auch ein bisschen sehen und gesehen werden?

Die Konfis kommen, weil sie halt einmal im Monat in den Gottesdienst gehen sollen. Hinterher gibt es eine Unterschrift und die monatliche Pflicht im Mai ist abgehakt. Auch das ist ein Grund um in den Gottesdienst zu kommen.

Vielleicht kommen aber auch einige, die ein bisschen Ruhe suchen und Besinnung bevor die nächste Woche ihren Lauf nimmt. Und wieder andere sind ganz grundsätzlich auf der Suche nach Gott, nach dem Sinn des Lebens, der Lösung eines Problems. Was sucht ihr?

30% aller Deutschen sind auf der Suche nach religiöser Erfahrung. Das hat eine Studie ergeben, die in der letzten Zeit durchgeführt wurde. Man kann solche Umfragen gut finden oder auch nicht. Die Zahlen sagen am Ende gar nichts aus. Da bleiben viele Fragen offen.

Aber nehmen wir einfach mal das Ergebnis der Studie: Es zeigt wie wichtig Religion heute immer noch ist. Auch wenn nur noch 10% der Menschen mit den beiden großen christlichen Kirchen etwas anfangen können. So genannte „Traditionschristen“ sind das.

Neben Gottesdiensten wie heute morgen probieren die Menschen mittlerweile alles Mögliche und Unmögliche aus, um auf ihrer spirituellen Suche voran zu kommen. „Religiös-kreative“ werden sie in Fachsprache genannt. Da wird meditiert und getanzt, gefastet. Unzählige Bücher gibt es, über Esoterik, Sternzeichen, Buddhismus, Wiedergeburt, Kabbala, Da Vinci-Code… Es ist viel los im religiösen Supermarkt.

Aber wohin führt die Suche? Zu Gott? Und wie kommen wir Menschen dahin? Zu Gott? Der heutige Predigttext hat darauf eine erstaunlich einfache Antwort. Im Buch des Propheten Jeremia, Kapitel 31 heißt es:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht Gott; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne Gott«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Der Prophet Jeremia kündigt einen neuen Bund an. Ein Bund der Herzen soll es ein. Dabei ist das Volk Israel gerade ziemlich in der Bredouille. Feindliche Truppen haben das Land überrannt, den König gefangen genommen und den Tempel geschleift. Vorbei ist es mit der Herrlichkeit in Jerusalem.

Überall ist diese Unsicherheit zu spüren. Es ist aus. Gott geht. Zurück bleiben die Menschen. Was zählt noch? Was ist wichtig? Gott hat sein Volk scheinbar vergessen. Hat gekündigt. Gott – wo bist du?

Die Menschen sind wieder auf der Suche nach Gott. Nachdem die offizielle Religion mit dem Königreich zusammengebrochen ist, suchen sie nach Gott, nach einem Sinn für ihre Situation, nach einem „spirituellen“ Halt im Leben. Und da kommt dieser Prophet Jeremia und verkündet einen neuen Bund. Ein neuer Bund… Das klingt so wie „Neues Testament“, als ob es dabei um die Geschichte von Jesus ginge, dem seltsamen Wanderprediger. Denn schließlich heißt es beim Abendmahl ja immer: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut.“ Aber das Volk Israel sieht das etwas anders. Der neue Bund, den Jeremia im Auftrag Gottes hier ausruft, der geschieht immer wieder neu auch schon lange vor Jesus. Gott zeigt sich durch die ganze Geschichte immer wieder als ein Gott, der sich umstimmen lässt, der seinen Bund hält, auch wenn die Menschen ihn brechen. Die Bibel ist voll davon, schon das „Alte“ Testament. Auch für Jüdinnen und Juden ist Gott bis heute treu und hält seinen Bund.

Trotzdem – wir hier als Christinnen und Christen finden diesen neuen Bund auf wunderbare Weise in Jesus Christus wieder. Er hat uns diesen Gott bezeugt. Es ist der Gott, der eine große Leidenschaft hat für alles Lebendige. Der unverbesserlich ist in seiner Art, alles und allen zu vergeben. Ein Gott, der hoffnungslos verliebt ist in die Schöpfung und seine Geschöpfe. Dieser Gott ist in Jesus menschlich geworden. Und er ist immer dort zu finden, wo es menschlich zugeht, wo es eben keine Hierarchien gibt, wo nicht irgendwelche Lehrer oder gar Pfarrer meinen, den Menschen zu sagen, wo es lang geht. Oder wo Gurus den Weg zur Erleuchtung für viel Geld in ausgewählten Kreisen preisgeben.

Der neue Bund – das ist eine Welt, in der es kein oben und kein unten gibt. Wo Menschen sich nicht mehr gegenseitig bevormunden. Wo niemand klein gemacht wird. Wo wir einander gerecht werden. Der Chef seinen Mitarbeiterinnen, die Männer den Frauen, die Eltern den Kindern, die Jungen den Alten…

Heute würde man das „herrschaftsfreie Kommunikation“ nennen. Ein Miteinander, in das alle etwas einbringen können. Konfis und Rentnerinnen, Kirchenvorsteher und – ja – sogar der Pfarrer. Es gibt viele Antworten auf die Frage nach Gott, denn Gott hat viele Gesichter. Aber eines, so sagt es Jeremia, ist uns allen gemeinsam: Wir tragen Gottes Gesetz im Herzen. Das ist vielleicht manchmal nicht mehr als eine Ahnung davon, was in einer Situation gut wäre. Was meinem Nächsten helfen könnte. Ein gutes Wort, ein freundlicher Blick, oder auch mal tatkräftige Unterstützung.

Gottes Gesetz im Herzen – das ist der Einsatz für eine bessere Welt, für Umweltschutz und Trauernde, für gute Kinderbetreuung. Mit dem neuen Bund im Herzen lernen wir, uns gegenseitig mitzuteilen von dem, was uns bewegt. Wir riskieren, zu einander ehrlich und offen zu sein, dabei immer auch voller Achtung für den Anderen. Da sind mir die anderen plötzlich nicht mehr egal.

Das passiert schon. Immer wieder. In der Familie, auf der Straße, in der Schule, im Geschäft. Da ist dieser neue Bund schon voll im Gange, den Jeremia verkündet. Er zielt auf eine wirklich menschliche Welt, in der die Liebe regiert, Gleichheit und Freiheit herrschen und nicht Gleichgültigkeit.

Bleibt das die Frage vom Anfang: Wie kommen wir zu Gott? Die Antwort des Jeremia ist ganz einfach: Gar nicht. Wir können nicht zu Gott finden. Brauchen wir auch gar nicht. Denn Gott findet uns. Gott rührt unsere „Herzen und Sinne“ an. Ja, Gott legt uns die Menschlichkeit ans Herz. Er geht immer wieder einen neuen Bund mit uns Menschen ein. Aus purer Liebe.

Auf der spirituellen Suche kommt Gott uns entgegen: in unserer Menschlichkeit. Workshops und Meditationen können helfen und die Suche unterstützen. Sogar auch ein Gottesdienst am frühen Morgen.

Amen.

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