„Zeugnistage“ (Philipper 2,1-4)

Vor zwei Wochen hat es Schulferien gegeben. Die Kinder und Jugendlichen sind nach Hause gekommen, mit einem Zeugnis in der Hand. Und wie das so ist mit den Zeugnissen, gab es da ganz verschiedene Reaktionen. Wie viele Kinder konnten es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Stolz haben sie ihre Zeugnisse präsentiert. Manche Großeltern spendierten einige Euro. Mütter und Väter gingen vielleicht mit ihren Sprösslingen ein besonders großes Eis essen. Und wie viele Kinder sind von der Schule nach Hause geschlichen. Was sie wohl erwartet hat? Das Echo, das sie beim Vorzeigen ihrer „Giftblätter“ ausgelöst haben, war sicher kein angenehmes.

Wer schon einmal Zeugnisse und Beurteilungen geschrieben hat, weiß, worauf es dabei ankommt. Das ist wie mit jeder Kritik die wir im Alltag aneinander äußern: Das Positive sollte immer vorangestellt werden. Das zeigt dem anderen: Du wirst geachtet. Das, was du kannst, und dein Bemühen werden nicht übersehen. Erst dann folgt das Negative. Und das sollte in einer Art und Weise formuliert werden, damit der andere etwas daraus lernen kann. Eine gute Pädagogin zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Schülerinnen und Schülern einen Weg aufzeigt, den diese auch wirklich gehen können, um sich zu verbessern.

Paulus schreibt der Gemeinde in Philippi als guter Pädagoge. Das Zeugnis, das er der Gemeinde ausstellt, ist auch für uns hier eine Art Inventur: Was ist schon gut bei euch? Wo könntet ihr besser werden? Wo habt ihr Nachholbedarf? Hören wir nun den Lehrer Paulus mit seiner Beurteilung im Zwischen-Zeugnis:

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Im Sinne einer guten Pädagogik schreibt Paulus. Mit anderen Worten: „Das ist alles schon gar nicht schlecht in eurer Gemeinde. Ihr tröstet die Traurigen bei euch und seid eine lebendige Gemeinschaft, die miteinander nach dem Glauben fragt. Und nun werdet noch ein bisschen besser, indem ihr euch in Demut begegnet.“

Demut? Lese ich da richtig? Das klingt aber ziemlich altmodisch. Demut – dabei habe ich spontan kein gutes Gefühl. Mir fallen sofort Bilder ein von Menschen, die demütig sind, alles ertragen, was über sie hereinbricht. Die Großes Unrecht aushalten und brav buckeln. Aber Paulus meint, sie fehlt noch, die „Demut“. Dabei ist gerade ein Ideal, das interessanterweise gerne mit Frauen und mit sozial Schwachen in Verbindung gebracht wird. Es ist nicht das Ideal der Männer und der Herrschenden.

Ganz im Gegenteil, die Mächtigen haben in der Vergangenheit das Ideal der Demut selbst kaum eingehalten, aber sie haben es den Armen vorgebetet: die Herren den Leibeigenen, die Männer den Frauen, die Alten den Jungen. Warum also fordert Paulus von den Christinnen und Christen die Demut?

In unserer Gesellschaft wird von sozial Schwachen, von den Randgruppen Demut erwartet. Ausländer sollen froh sein, dass sie überhaupt hier sein dürfen und ja nicht wagen, gegen ungerechte Behandlung bei den Behörden aufzubegehren. Die brauchen auch keine Arbeit, sind ja sowieso nur zu Gast hier. Und auch auf Langzeitarbeitslosen lastet der Druck, dass sie dem Staat doch auf der Tasche liegen. Die sollen gefälligst demütig sein und jede Arbeit annehmen. Ja, bei uns ist oft die Rede von Demut, aber auf ganz unangenehme Weise.

Heutzutage gibt es wenigstens eine Veränderung und ich würde es sogar eine Verbesserung nennen, wenn Demut gefordert wird. Es wird nicht mehr mit dem Willen Gottes argumentiert, denn gerade das hat im Laufe der Geschichte viel Leid verursacht, viel Befreiung verhindert, viele Menschen daran zweifeln lassen, dass sie selbst was wert sind, und dass Gott sie liebt. (Luther falsch verstanden…)

Ich sage es hier ganz klar: Niemand darf im Namen unseres Gottes gedemütigt werden oder dazu gezwungen werden, ohne Aufmucken immer nur dienen zu müssen. Kein Mensch muss im Namen Gottes sein eigenes Leben völlig aufgeben. Und niemand muss „demütig“ und still Schläge ertragen, Dummheit und Ungerechtigkeit hinnehmen. Eine „christliche“ Demut will nichts und niemanden demütigen und vertröstet nicht auf irgendein besseres Jenseits, in dem es den Lohn gibt für das Leiden im irdischen Leben. Wenn ich den Predigttext genau lese, wird mir klar, dass Paulus zwar dazu aufruft, den bzw. die Andere in Demut mehr zu achten, als sich selbst. Das aber ist doch nur möglich, wenn ich mich selbst auch achte.

Im Alten Testamen heißt es „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Wer sich selbst nicht liebt, kann andere Menschen nicht lieben. Wer sich selbst verachtet, kann nicht seine Nächste höher achten als sich selbst. Was können wir heute also mit dem Begriff „Demut“ anfangen. Wie können wir ihn für uns sinnvoll füllen, ohne uns lächerlich zu machen?

Mir sind drei Aspekte eingefallen, die uns vielleicht eine Tür zur Demut öffnen. Erstens: „Demut ist der Mut, einander zu dienen.“ Hier geht es um die Demut gegenüber unseren Mitmenschen: Christliche Demut – richtig verstanden – meint eine gelassene Bescheidenheit, die auch anderen etwas zugesteht. Das Wort selbst kommt vielleicht aus einer Kombination von „dienen und Mut“. Und da ist was dran, denn es braucht Mut zu dienen, füreinander da zu sein, sich einzusetzen, auch wenn es keinen Lohn bringt und dadurch in unserer Gesellschaft nicht so viel gilt.

Demütig sein heißt dann, menschlich werden und menschlich handeln. Nicht eine „Nach-mir-die-Sintflut-Mentalität“ sondern eine wache Aufmerksamkeit für einander. Wenn ich sehe, da ist jemand, der trauert, in schwarz gekleidet und mit verweinten Augen, dann versuche ich Rücksicht zu nehmen. Das geht ganz einfach: mit einer kleinen Geste, einem freundlichen Blick, der sagt „Ich habe dich wahrgenommen. Wenn du Hilfe brauchst, bin ich für dich da.“

Im Prinzip versuchen wir diese Bedeutung von Demut auch in unseren Gottesdiensten zu leben. Im Gottesdienst und beim Abendmahl sind alle gleich. Da steht der Oberarzt neben der alleinerziehenden Mutter, die Gesunde neben dem Behinderten, die alte Frau neben dem halbstarken Konfirmand. Alle haben einen Platz in unserer Gemeinde. Das ist ein Stück gelebte Demut.

Zweitens: „Demut ist der Mut, zu erkennen, dass wir abhängig sind.“ Ich weiß nicht, ob ihr das auch schon einmal gespürt habt: Demütig sein gegenüber der Natur. Eine Form von Demut von der Paulus in seinem Zeugnis nicht spricht, aber von der er heute hoffentlich schreiben würde, ist eine demütige Haltung gegenüber der Natur. Auch wenn die Wissenschaft der Natur viele ihrer Geheimnisse entlockt, bis hin zum genetischen Code des Menschen, so dürfen wir uns doch nicht dazu hinreißen lassen, die Natur als etwas anzusehen, über das wir immer verfügen können.

Wir brauchen die Natur – die Natur braucht uns nicht. Gerade in diesen heißen Tagen wo wieder viel vom Klimawandel geredet wird, spüren wir das. Wir werden nur eine menschliche Zukunft haben, wenn wir wieder die Demut lernen, uns als Menschen zu begreifen, die auf die Natur angewiesen sind. Das wird uns allerdings etwas kosten, hier im reichen Europa .Und das ist wohl der Grund dafür, dass bis jetzt nur wenige bereit sind, nicht nur davon zu reden, sondern auch konkret etwas zu tun: Erneuerbare Energien statt Atomstrom, biologische Lebensmittel statt Fast Food. Es erfordert Mut, wenn ich da meine Gewohnheiten grundsätzlich ändern will.

Und damit bin ich beim dritten: „Demut ist der Mut, mit Gott zu rechnen.“ Demütig sein gegenüber Gott: das heißt: Gott ist Gott. Ich bin es – Gott sei Dank! – nicht. Demütig zu sein, bedeutet anzuerkennen, dass ich auf Gott angewiesen bin – auf das Wort, das mir überliefert ist, auf die Gnade, die mir geschenkt wird, auf die Gaben des Lebens. Immer wieder kommen wir Menschen in Situationen, in denen wir merken: es liegt nicht in unserer Hand, ob das Leben gelingt, ob die Partnerschaft klappt, ob das Kind gut und behütet aufwächst, ob wir im Alter noch fit sind. Das sind Momente, in denen wir wahrhaftig demütig werden und einsehen, dass es auf mehr ankommt, als unsere begrenzten Kräfte. Sich das einzugestehen ist mutig, denn es bedeutet auch, zuzugeben, dass wir nicht alles können. Dass wir nicht so allmächtig sind, wie wir das vielleicht manchmal gerne hätten.

Demut ist vielleicht gar nicht so schlecht. Sie ermöglicht uns neue Sichtweisen auf unser Zusammenleben und unseren Glauben, ohne uns dabei klein zu machen. Die Aufforderungen des Paulus können wir mit Leben füllen. Der Pädagoge Paulus macht uns Mut, wenn er schreibt: „Ihr habt es nicht nötig, alles aus Eigennutz und eitler Ehre zu tun. Stellt euch doch einmal vor, wie das Leben sich verändert, wenn ihr in Demut den anderen höher als euch selbst achtet. Ihr habt es nicht nötig, nur auf das Eure zu achten. Erträumt euch einmal, wie es ist, wenn jeder zuerst auf das sieht, was dem anderen dient.“

Und ich möchte ihm antworten: Ja Paulus, du hast Recht. Es ist der einzig richtige Weg, die Veränderung aller Zustände bei sich selbst zu beginnen. Ja Paulus, du hast Recht. Die Welt wird sich nicht ändern, wenn wir nicht den Mut haben, uns zuerst selbst zu ändern. Auf diesem guten Weg wollen wir vorangehen. Voller Hoffnung und Gewissheit. Denn der, den du uns gepredigt hast, geht uns voran. Seiner Demut wollen wir nacheifern. In seine Fußstapfen treten wir.

Amen.

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