„Gutes Leben? Gute Frage!“ (Galater 5,25-6,10)

 

Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen. Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten. Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.x

 

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Gute Frage. Wie kann man ein gutes Leben führen? Ganz einfach: mit ausreichend Geld, einer schönen Wohnung, einem attraktiven Arbeitsplatz und dann wird das schon mit dem guten Leben. Ich bräuchte dann nur noch ein paar, oder vielleicht auch ein paar mehr nette Menschen, mit denen ich über alles reden kann, mit denen ich Spaß habe und durch dick und dünn gehen kann. Ja und dann kann doch eigentlich gar nichts mehr schief gehen mit meinem guten Leben.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Okay, es reicht scheinbar noch nicht. Ist das vielleicht zu oberflächlich, wenn ich nur an mich denke, wenn ich mir vor allem materielle Dinge wünsche und dann noch ein bisschen Spaß? Um ein gutes Leben führen zu können, brauche ich auch ein wenig Sicherheit. Sicherheit, für morgen, dass sich nicht alles so schnell wieder verändert, dass ich weiß wie es weitergeht und  dass ich nicht alleine bin.

Dass ich mich auf etwas verlassen kann, der Zukunft trauen. Ja, Sicherheit gehört auch dazu zu einem guten Leben. Und Regeln, ja die gehören auch dazu. Damit wir wissen, wie wir miteinander umgehen sollen. Regeln und Sicherheit gehören zusammen, es kommt im guten Leben darauf an, dass ich nicht immerzu Angst haben muss vor morgen, davor, dass mir jemand etwas wegnimmt, davor, dass ich körperlicher Gewalt ausgesetzt bin. Ja, darum geht es auch, wenn ich mir überlege, wie man ein gutes Leben führen kann.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Reicht das denn immer noch nicht? Hm… Vielleicht geht es ja darum, dass ich nicht nur an mich denke, dass ein gutes Leben etwas ist, was nicht nur für mich so ganz exklusiv gültig ist, sondern auch für andere gilt. Denn wenn ich ein gutes Leben habe, aber andere nicht, dann kann ich mein Glück gar nicht so richtig genießen.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Ach nee, nun muss es aber mal reichen, mir fällt wirklich nicht mehr viel ein. Jetzt muss mal jemand anders weiterdenken. Aber wer? Jemand der viel Geld hat vielleicht, dem es so richtig gut geht, den könnte man doch fragen, wie er oder sie das gemacht hat. Ob sie viel dafür tun mussten, dass es ihnen jetzt so richtig gut geht. Und ob sie zufrieden sind mit dem, was sie haben, oder ob sie noch mehr Wünsche haben. Ob sie jetzt, wo sie ein gutes Haus, einen Arbeitsplatz, einen Partner, Freunde und Hobbies haben, ob sie jetzt ein gutes Leben führen. Aber, Moment mal! Da fällt mir jetzt eine Frage ein: wer entscheidet eigentlich, was ein gutes Leben ist? Mache ich das selbst? Und dann nach welchen Kriterien? Geht es darum, was ich mir jetzt, hier und heute wünsche? Oder meint es eher so das Leben insgesamt? Dann kann ich ja eigentlich erst ganz am Ende entscheiden, ob es ein gutes Leben war, oder nicht. Und vielleicht ändern sich die Dinge ja, die mir wichtig sind und am Ende zählt für mich etwas anderes.

Und wenn ich nicht für mich selbst entscheide, das ist für mich ein gutes Leben, wer tut es dann? Vielleicht der liebe Gott? Sagt Gott mir „das ist ein gutes Leben und das nicht“? Oder die Gesellschaft – wer auch immer das ist. Also das, was man so in der Zeitung liest, oder im Fernsehen mitbekommt. Da findet sich schon einiges: Ein gutes Leben für Kinder etwa ist fröhlich, viel Bewegung, gutes Essen, gesund sein, nette Eltern haben. Für Jugendliche ist es wichtig, gute Freunde zu haben, in der Schule klar zu kommen, ausreichend Taschengeld um mithalten zu können, bei dem was angesagt ist, verständnisvolle Eltern und Lehrerinnen. Ja, so könnte es gehen. Bei Erwachsenen wäre es dann, auch mal Zeit haben, einen Arbeitsplatz, eine schöne Wohnung. Und bei den älteren und ganz Alten, das sie gesund sind, dass sie nicht allein sind, das sie Hilfe bekommen, wenn sie welche brauchen.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Als noch mal. Ist es etwas Äußeres? Dass ich satt werde, eine Ausbildung bekomme, ich ein Dach über den Kopf habe, es warm ist im Winter und ich zum Arzt gehen kann, wenn ich krank bin? Dann habe ich schon ein ganz gutes Leben. Aber vielleicht geht es ja doch noch um etwas mehr, um Zufriedenheit mit mir, mit dem wie ich aussehe, was ich kann, wie ich akzeptiert bin, wie ich mich wohl fühle, da wo ich bin. Ob meine Arbeit anerkannt wird. Ob mir jemand zuhört. Ob ich morgens gern aufstehe und mich auf den Tag freue.

Oft schaue ich auf andere, bin ein bisschen neidisch und denke: Oh, die da, die haben wirklich ein gutes Leben. Was ist es dann, was ich da sehe? Ist es etwas, das mir fehlt? Zeit vielleicht. Die haben ja wirklich ein gutes Leben, haben Zeit ohne Ende, während ich von einem Termin zum anderen hetze. Die haben ja wirklich ein gutes Leben, soviel Geld wie die haben, müssen sie sich keine Sorgen um die Zukunft machen. Oder die haben ja wirklich ein gutes Leben, sind immer gut drauf, egal, wann ich sie treffe? Die haben wirklich ein gutes Leben, denn sie sind nie allein, sie haben jemand, der mit ihnen aufsteht und frühstückt, der für sie da ist. Die haben es gut, die wissen auf alles eine Antwort und haben für alles eine Lösung. Die haben es gut, die haben einen festen Glauben, die haben etwas woran sie sich halten können, das ihnen Kraft gibt, wenn es mal zu einer Krise kommt.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr finde ich, dass das wirklich eine gute Frage ist. Und ich möchte sie immer wieder und irgendwie auch immer wieder anders stellen. Heute möchte ich fragen: Kann man wirklich ein gutes Leben führen? Und wenn ja, wie kommt man dahin, wenn man zu den 2,5 Millionen Kindern gehört, die in Deutschland an der Armutsgrenze leben. Oder kann man wirklich ein gutes Leben führen, wenn man zu den 70% der Jugendlichen gehört, die Angst vor der Zukunft haben. Oder kann ich ein gutes Leben führen, wenn ich weiß, dass es viele gibt, die heute immer noch die NPD wählen, weil sie wirklich überzeugt sind und für sich keine andere Perspektive sehen, als in dieses menschenverachtende Gedankengut. Oder kann man ein gutes Leben führen, wenn man Tag für Tag mehr den Eindruck hat, dass alles schlechter wird?

Kann man ein gutes Leben führen, wenn einem klar wird, dass man selbst ja auch seinen Teil beiträgt, das andere Sorge um ihren Arbeitsplatz haben, weil man immer alles in großen Mengen und vor allem billig haben möchte. Geiz ist geil, bis irgendwann alles an Wert verliert und da Gammelfleisch vor sich hin gammelt.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Ja, nun sag es aber mal selbst, was sagt denn die Bibel. Das, was Jesus erzählt hat mit dem sorget nicht und den Vögeln am Himmel, die nicht säen und doch ernten, weil Gott für sie sorgt? Das klingt so gut, das klingt wirklich gut und so als wäre es ganz einfach, aber mein Gefühl sagt mir, das ist alles andere als einfach.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Also Paulus, der schreibt an die Galater, so eine Gemeinde in der heutigen Türkei. Die streiten sich immer wieder darum, wie man ein gutes, Gott gefälliges ein Leben im Sinne Jesu führen kann. Paulus schreibt und schreibt und am Ende macht er tatsächlich zahlreiche Vorschläge dazu: Wie man es machen kann, ein gutes Leben. Doch eigentlich will er auch noch etwas anderes sagen, dass man es eben nicht machen kann, das gute Leben, dass einem der Sinn, die Tiefe, geschenkt wird. Mit allen Äußerlichkeiten hat er nicht viel im Sinn, das zählt gar nicht. Das kann sehr entlastend sein.

Dieser Paulus schreibt immer wieder von der Freiheit. „Der Galaterbrief ist der Brief der Freiheit“ so heißt es in der Theologie. Es geht um eine Freiheit, die uns Menschen geschenkt ist. Ja, wir sind frei zu leben. Miteinander zu leben.

Wie kann man ein gutes Leben führen?

Gutes Leben, ich glaube ich hab’s! Wenn ich die Freiheit habe, jemandem etwas Gutes zu tun. Also jetzt nicht so wie die Pfadfinder, jeden Tag eine gute Tat oder so, sondern eher wenn Menschen einander mit Wohlwollen begegnen. Mit Verständnis. Die Eltern den Kindern, die Männer den Frauen, die Frauen den Frauen, die Jugendlichen den Großeltern, die Kids den Kids.

Ich glaube, Paulus hat geschrieben: „Einer trage des anderen Last“ – das klingt vielleicht erstmal nicht sehr attraktiv. Aber es meint doch: füreinander da sein, Leben teilen. Das geht auch mit wildfremden Leuten: einen gemeinsamen Moment im Leben teilen, im Bus auf der Straße, im Geschäft, sogar in der Kirche soll das vorkommen. Leute, das wäre was!

Im Mitmenschen den entdecken, der menschlich geworden ist. Im Alltag dem begegnen, der uns frei gemacht hat. Frei miteinander zu leben, ohne ständig darauf achten zu müssen, ob wir eine gute Figur abgeben, ob wir angesehen sind – bei Gott, bei unseren Mitmenschen. Denn, sind wir am Schluss doch mal ehrlich: Wir sind ganz schön liebenswert, jede und jeder von uns. Und ein gutes Leben gibt es wahrscheinlich genau da, wo wir uns gegenseitig als liebenswerte Geschöpfe ansehen. Dann tragen wir einander Lasten, sind füreinander da. Ja, dann leben wir ein gutes Leben. Dann sind wir selig, schon jetzt und hier.

Amen.

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