„Haltestelle im Advent“ (Jesaja 40,1-19)

Oh hallo! Sie auch hier? Warten Sie auch auf den Bus? (auf die Uhr gucken) Oh, ich bin ja früh dran! Passiert mir normalerweise nicht so oft. Da habe ich ja noch Zeit.

Hm… Wenn man so wartet, vergeht die Zeit ziemlich langsam. Kennen Sie das auch? Ich will gar nicht wissen, wie viel Zeit man im Leben so mit Warten vertut. Besonders, wenn man so wie wir heute mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt. Immer diese Verspätungen. Oder wenn man den Anschluss verpasst hat.

Aber ehrlich gesagt, mit dem Auto ist es auch nicht besser, oder? Wie oft stehe ich an einer roten Ampel oder im Stau. Und dann ärgere ich mich, dass es nicht voran geht. Nein, warten muss man wohl immer im Leben. Ja, so ist das mit dem Warten. Das ist doch irgendwie vertane Zeit. Man kann gar nichts so richtig machen. Ist ja auch nicht wirklich entspannend so was, oder?

Wenn ich warte, dann bin ja immer ganz aufmerksam und hoffe, dass es bald weiter geht. Das ist so wie im Wartezimmer beim Arzt. Gut, Sie haben Recht, da liegen ja diese ganzen Zeitschriften rum und ich habe auch manchmal ein Buch dabei – wenn ich dran denke. Aber so richtig konzentrieren kann ich mich da auch nicht, denn jedes Mal, wenn die Sprechstundenhilfe rein kommt, könnte sie ja meinen Namen aufrufen. Nö, warten ist schon auch anstrengend.

(wartend umhergucken) Andererseits, wenn ich manchmal so rumstehe und warte, dann gucke ich mich auch mal um. Man hat ja nichts zu tun und was soll man sonst machen? Dann sehe ich plötzlich ganz interessante Dinge, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe. Da fallen mir auf einmal Häuser auf, die ich noch nie gesehen habe. Oder ich schaue mir Menschen an, die vorbei laufen oder die in der Nähe irgendwas machen. Oder wenn ich beim Warten jemanden treffe, den ich kenne, dann schwätze ich ein bisschen mit demjenigen. So wie mit Ihnen heute.

Das kann auch ganz nett sein, da ergeben sich oft mal interessante Gespräche und so nebenbei kann ich mir die Zeit vertreiben. Mal so unter uns gesagt, ich kann nicht gut Warten. Dafür bin ich nicht geduldig genug. Geht es Ihnen auch so? Immer wenn ich eigentlich etwas Dringendes zu tun habe, wenn ich schnell irgendwo hin muss, ausgerechnet dann ist der Wurm drin. Dann muss ich warten. Entweder kommt der Bus nicht oder im Supermarkt ist die Schlange an der Kasse endlos lang. Ich werde dann schnell ungeduldig: wünsche mir, ich wäre schon dran oder ich wäre schon da, wo ich eigentlich hin will.

Gerade jetzt, in der Adventszeit, da steht so viel an. Die Leute wollen ihre Besorgungen machen und hetzen von einer Weihnachtsfeier zur nächsten. In der Firma, im Verein, in der Schule, im Kindergarten… Da bleibt zum Glück fürs Warten keine Zeit mehr. Dieses Jahr ist es noch schlimmer: Ich weiß nicht, ob Sie’s schon wussten, aber dieses Jahr gibt es gar keinen 4. Advent. Also ich meine, das „vierte Lichtlein“ wird diesmal an Heilig Abend angezündet.

Ja, richtig, nächste Woche Sonntag ist zwar vierter Advent, aber gleichzeitig ist auch Heilig Abend. Eine ganze Woche weniger. Aber ist ja vielleicht auch besser so, dann kommt Weihnachten wenigstens schneller. Muss man nicht so lange warten auf die  Geschenke und das gute Essen.

(warten und auf die Uhr gucken) Also wenn man es mal genau betrachtet, dann ist die Adventszeit ja auch eine Wartezeit. Das kann man ganz gut an den Kindern beobachten. Wenn es nach denen ginge, dann wäre schon am ersten Dezember Bescherung. Oder vielleicht noch früher… Aber so müssen die warten, und das ist für die oft gar nicht so leicht.

Und nicht nur die Kinder. Wenn ich mir so anschaue, wann es die ersten Lebkuchen im Supermarkt zu kaufen gibt… Dieses Jahr war es am 5. Oktober! Ja ich habe ganz genau aufgepasst. Wahnsinn, oder? Da konnte wohl der Supermarktchef nicht mehr warten. Stellen Sie sich mal vor: all die Leute, die seit Oktober Lebkuchen gegessen haben. Bis Weihnachten kommt der denen doch aus den Ohren wieder raus.

Aber mal ehrlich jetzt, so ganz ohne Adventszeit, also ganz ohne Warten, da würde mir bei Weihnachten was fehlen. Irgendwie gehört das schon dazu, diese Wochen davor. Wie das ja so ist mit dem Waten, es steigert die Spannung. Ich sage nur: Wartezimmer. Es steigert die Spannung auf das, was da kommt. Oder vielleicht besser: auf den, der da kommt. Denn eigentlich warten wir ja nicht nur auf die Geschenke. Ach, Sie schon?

Naja, vielleicht haben Sie Recht, die Geschenke sind schon wichtig. Aber im Grunde genommen warten wir doch aufs Christkind. Wussten Sie noch nicht? Das Christkind ist ja nicht irgend so ein kleiner Geschenke-Engel, so eine Kinderausgabe vom Weihnachtsmann. Nein, das ist dieser Jesus. Der war ja auch mal klein, so ein richtiges Christkind eben.

Ich habe neulich gelesen, dass nicht einmal mehr 30% der Leute hierzulande wissen, dass an Weihnachten die Geburt von diesem Jesus gefeiert wird. Also das Kind in der Krippe mit den Hirten und so. Wer hätte das gedacht, da vergisst man vor lauter Warten schon manchmal, auf wen oder was man eigentlich wartet!

(verschwörerisch) Bei diesem Christkind, da soll ja auch Gott die Hände im Spiel gehabt haben. Ich glaube, die Leute haben damals auch auf etwas gewartet. Wahrscheinlich, dass es ihnen besser geht. Klar! War wohl kein Zuckerschlecken damals. Da ging es vielen richtig mies. Gab wohl viel Armut und wenig Hoffnung. Und dann soll ja Gott in diesem Kind…

Naja, aber ist ja heute auch nicht anders – mit Hartz IV und so. Es gibt bestimmt ’ne Menge Leute, die bei dem ganzen Trubel in der Stadt nicht mitmachen können. Wenn kein Geld übrig bleibt für ausgefallene Weihnachtsgeschenke. Was soll man da shoppen gehen?

Ob die Leute heute auch noch warten? Ich finde das Warten auch deshalb so schwierig, weil man so gar nichts tun kann. Wie viele kenne ich, die warten und legen die Hände in den Schoß. Tun gar nichts mehr, außer warten eben. Wenn Sie mich fragen, dann würde ich sagen: Das müsste auch anders gehen. Also mehr so aktiv.

Das ganze Drumherum, Adventskalender, Adventskranz, ja auch alle diese Adventsfeiern… damit wartet man ja auch. Und dabei tut man auch irgendwie was. Wahrscheinlich warten viele, indem sie Geschenke kaufen und überlegen, wem sie eine Freude machen können. Und – ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber manchmal, da denke ich: Man könnte auch mal ganz anders warten auf Weihnachten. Wie? Naja, ich könnte ja versuchen, freundlich zu sein. Gerade jetzt, wo alle Welt voll gestresst ist und die Leute auf der Straße so gereizt sind. Ganz freundlich sein, nicht übertrieben natürlich. Vielleicht ein bisschen mehr Lächeln. Das verändert schon was, es heißt doch schließlich auch das „Fest der Liebe“.

Und vielleicht achte ich beim Einkaufen ein bisschen mehr darauf, woher der Kram kommt, der da so in den Regalen steht. Ob da eventuell Menschen ausgebeutet wurden, damit die Geschenkangebote hier bei uns so „saubillig“ sein können. Vielleicht lese ich auch ein bisschen bewusster die Zeitung oder schaue über den Tellerrand und interessiere mich dafür, wie schlecht es anderen Menschen hier in Deutschland geht. Und in anderen Ländern erst!

Ich meine, dieser Jesus, auf den allgemein gewartet wird, der ist ja auch nicht im Hotel Kempinski zur Welt gekommen, sondern wenn ich mich richtig erinnere, angeblich in einem Viehstall. Stellen Sie sich das mal vor! Strohballen statt Federbett. Ich glaube, das wäre eine gute Gelegenheit, um das Warten zu nutzen. Auf jeden Fall besser, als nur herumzustehen oder abzuwarten.

Warten müssen wir ja dauernd. Wie auch jetzt. (guckt auf die Uhr) Der Bus hat schon vier Minuten Verspätung! Aber so haben wir wenigsten mal einen kleinen Schwatz halten können. Ach, und da kommt der Bus ja. Endlich! Na, dann machen Sie es mal gut. Eine schöne Adventszeit noch und: viel Spaß beim Warten. Ich glaube, es lohnt sich. Das Christkind kommt bestimmt.

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