„Nicht jedermanns Ding“ (2. Thessalonicher 3,1-5)

Weiter, liebe Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.

Der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Das klingt so einfach. So, als wurde man sagen: Sport ist nicht jedermanns Sache oder naive Kunst. Was den einen anspricht, muss für die andere noch lange nicht interessant sein. Das ist doch ganz normal. Schließlich sind wir ja tolerant. Es gibt eben solche und solche. Die eine guckt in diesen Tagen rund um die Uhr EM, der andere ist sauer, weil sein Lieblingstatort deswegen ausfällt. Die eine ist musikalisch, der andere unmusikalisch, Frühaufsteherin oder Morgenmuffel, der eine ist halt gläubig, die andere ungläubig.

Doch stopp! Da hört es für viele auf. Menschen, die mit dem Glauben etwas anfangen können, werden spätestens hier stutzig. Gläubig oder ungläubig, das soll auf derselben Stufe stehen wie Tee- oder Kaffeetrinker? Das geht doch nicht.

Heißt es denn nicht immer, dass jeder Mensch zum Glauben finden kann? Vielleicht haben wir heimlich hinzugefügt: „wenn er oder sie es nur will!“ Klar, man muss sich immer wieder neu auf die Suche machen, wenn man den Glauben finden will: Bibel lesen, beten, Gottesdienste besuchen, sich mit anderen austauschen oder wachsam durch die Welt gehen – dann wird einem doch schon das Glaubenslicht aufgehen, oder?

Doch nun steht da im 2. Brief an die Gemeinde in Thessaloniki dieser Satz: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding! Martin Luther hat es so übersetzt und das ist zu einem geflügelten Wort in unserer Alltagssprache geworden.

Der Glaube ist nicht jedermanns Ding! Es gibt also Menschen, die werden nie gläubig. Es ist vergebliche Liebesmüh, ihnen den Glauben nahezubringen so wie manche niemals Mathematik verstehen. Zu denen gehöre ich. Im Gegensatz zu Mathe aber kann man den Glauben nicht so einfach üben, wie einen Handstand oder ein Musikinstrument. Nein: Der Glaube ist nicht jedermanns Ding!

Und jetzt? War es das? Was führt einen Menschen dazu, dass dieses oder jenes „sein Ding“ ist? Oft sind es ja Familientraditionen, weshalb sich jemand beim Fußball oder im Kleingartenverein engagiert. Manchmal sind es körperliche oder intellektuelle Gründe. Da frage ich mich: Gibt es solch eine Veranlagung auch für den Glauben? Gibt es ein Organ für den Glauben? Oder muss man eine spezielle „Antenne“ dafür haben?

Ich war gerade in Ostdeutschland. Da lebt die große Mehrheit der Menschen ohne Bindung an die Kirche. Viele der Ostdeutschen haben sicher eine Antenne für den Glauben, finden aber einfach keinen Zugang zur christlichen Gemeinschaft, zur Institution Kirche. Viele andere dagegen haben eine solche Antenne für den Glauben nicht. Sie kommen gut ohne Gott und Glauben zurecht. Sie haben wohl vergessen, dass sie etwas vergessen haben. Und das lässt sich zunächst einmal nur feststellen und wenig daran ändern.

Der Schreiber der Predigttextes hat das offensichtlich schon gekannt, was uns bis heute bewegt. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass für viele Menschen heutzutage der Glaube nicht „ihr Ding“ zu sein scheint. Besonders junge Menschen finden bei uns offensichtlich nicht das, was sie anspricht. Wir als Gemeinde hadern mit uns selbst, weil wir nicht wissen, was wir tun können, damit der Glaube zu „ihrem Ding“ wird, damit auch junge Leute sich bei uns zuhause fühlen.

Die Christinnen und Christen in Thessaloniki, für die der Brief geschrieben ist, bilden die zweite Generation der Kirchengeschichte. Anfang und Ursprung sind noch lebhaft in Erinnerung. Als die Botschaft der Apostel sie erreichte, waren sie begeistert. Seither haben sie geglaubt, dass mit Jesus Christus das Reich Gottes angebrochen ist. Ausgegrenzte Menschen haben wieder eine Lebensperspektive, einsame werden getröstet, Unterdrückte bekommen ihr Recht. Ja Jesus öffnet die Herzen für den Himmel auf Erden. Er wird wiederkommen und die Welt vollenden und sie würden es noch miterleben.

Doch mit der Zeit wird die Begeisterung immer kleiner, sie geraten in Zweifel. War alles nur ein Strohfeuer? Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es keine Kirche mehr gibt? Diese Fragen kennen wir heute immer noch, etwa 2000 Jahre später und in einer ganz anderen Ecke Europas. Schon nach wenigen Jahren lebten die Jesus-Fans in Thessaloniki wie wir im mühsamen Alltag einer kleinen Gemeinde, die von ihrer Umgebung kaum wahrgenommen wird und die mit sich selber einen Haufen Probleme hat. Immer wieder gab es damals Streit, was der richtige Glaube ist und wie man wieder mehr Menschen für den Glauben gewinnen kann.

Darum schreibt der Apostel: „Betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde.“ Das Wort läuft. Aber wie kann denn ein Wort laufen? Ja, wo läuft es denn? Nun, das Wort Gottes läuft von Mund zu Mund, von Herz zu Herz. Es braucht unsere Beine und Füße, um von einem Haus in das andere zu gelangen. Glaube wird durch Menschen weitergegeben, die sich für ihn einsetzen, die aus ihm heraus leben – egal ob in der Familie oder in der Öffentlichkeit.

Dafür braucht man kein Organ oder eine Antenne, sondern Menschen, denen man anmerkt, dass der Glaube ihr Ding ist. Der Predigttext macht uns dazu Mut. Er sagt: „Ihr müsst nicht von Gott reden, wenn keiner nach ihm fragt. Aber ihr könnt so leben, dass die Leute euch nach ihm fragen. Schaut der Realität in die Augen: Es gibt Menschen, deren Ding der Glaube nicht ist. Dann lasst sie auch mit frommen Sprüchen in Ruhe. Aber findet euch damit nicht ab, sondern lebt so, dass sie euch fragen: Warum tut ihr dies und das andere nicht? Was trägt euch, wenn ihr traurig seid? Wie stellt ihr euch Gott vor?“

Der Glaube ist nicht jedermanns Ding, und ich ergänze: nicht zu jeder Zeit. Auch für uns, die wir grundsätzlich etwas mit dem Glauben anfangen können, kann das gelten! Es gibt Zeiten im Leben, da fühle ich mich Gott fern. Da habe ich keinen Zugang zum Glauben, da sind mir viele Predigten zu weltfremd, die Lieder zu altbacken und die Gläubigen machen auch nicht den Eindruck als würden sie erlöst und gelöst durchs Leben gehen. Oder es sind andere Dinge gerade dran im Leben: Beziehungen oder Jobsuche oder der Versuch sich im Dschungel der Gesellschaft zu orientieren. Aber zum Glück gibt es auch immer wieder Momente, da spüre ich den Glauben wieder. Da begegne ich tatsächlich Menschen, die glaub-haft aus der Liebe Gottes leben und ihrer Welt etwas davon mitgeben – einfach durch ihr Sein.

Das Wort „Glauben“ hat im Griechischen auch die Bedeutung von „vertrauen“ oder „treu sein“. Wenn man mal diese Worte austauscht, dann heißt es im Predigttext: Nicht jedermann hat vertrauen. Aber Gott hat Vertrauen. Gott hat vertrauen in die Menschen, Gott ist ihnen treu, ganz gleich, ob sie nun ihrerseits vertrauen oder treu sind.

Vielleicht ist das die wichtigste Einsicht des christlichen Glaubens: Dass Gott uns treu bleibt, selbst wenn wir Menschen es nicht können. Gott hat Jesus Christus geschickt, damit wir erfahren, dass wir für ihn wichtig sind. Gott rechnet mit uns und hat seine Welt nicht abgeschrieben. So können wir Geduld haben mit den anderen und sogar mit uns selbst.

Deshalb legen wir aber nicht die Hände in den Schoß oder lassen das Herz in die Hose rutschen. Wir verlassen uns darauf, dass Gott die anderen auch erreicht, vielleicht auf eine ganz andere Art, als wir es uns vorstellen können. Wir vertrauen darauf, dass Gott niemanden fallen lässt und tun, was wir tun können, um dieser Welt ein menschliches Gesicht zu geben: Indem wir uns engagieren für Kinder und Jugendliche, für Alte und Einsame. Indem wir Solidarität spüren für Fremde und Menschen, die – warum auch immer – an den Rand gedrängt werden. Und indem wir den mühsamen Weg gehen, immer wieder zu überlegen, was im konkreten Fall gerecht ist und wie wir anderen Menschen gerecht werden können.

Es ist nicht unsere angebliche Antenne, die den eigenen Glauben macht oder den der anderen. Es ist auch nicht unsere christliche Tradition, in die wir zufällig hineingeboren und als Babys hineingetauft worden sind. Und es ist schon gar nicht unsere eigene Glaubensüberzeugung, von der alles abhängt. Zum Glück! Nein, es ist Gott. Gott hält trotz allem an uns Menschen fest. Gott selbst hält ihr Wort am Laufen. Das ist irgendwie beruhigend.

Amen.

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