„Lebendige Steine“ (1. Petrus 2,1-10)

Lasst nun alle Bosheit hinter euch: hört auf, Dinge aus Berechnung zu tun, zu heucheln und andere zu beneiden oder schlecht über sie zu sprechen! Wie Neugeborene nach Milch verlangen, so sollt auch ihr nach Milch, nach unverfälschten Worten verlangen. Solche Nahrung soll euch stark machen, damit ihr Heil und Rettung erfahrt. Ihr habt doch geschmeckt, dass Gott freundlich ist. Wenn ihr zu dem lebenden Stein kommt, den die Menschen weggeworfen haben, der vor Gott aber auserwählt und wertvoll ist, werdet ihr selbst wie lebendige Steine. Mit euch wird ein Haus gebaut, das die Geistkraft selbst zusammenhält. Ihr werdet zu einer heiligen Priesterschaft, damit ihr Gaben darbringt, die die Geistkraft wirkt, die Gott gefallen, weil sie im Vertrauen auf Jesus Christus dargebracht wurden. Deswegen heißt es in der Schrift: Siehe, ich setze in Zion einen Eckstein, erwählt und wertvoll, und wer ihm vertraut, wird nicht verloren gehen. Ihr vertraut ihm, für euch ist er das Wertvollste. Für die aber, die ihm nicht vertrauen, ist es der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der zum Eckstein geworden ist, ein Stein, an dem sie sich stoßen, und ein Fels, der Anlass gibt, sich zu ärgern. Diejenigen, die sich durch das Wort nicht überzeugen lassen, stoßen sich daran, das ist ihre Situation. Ihr seid eine Familie, ausgewählt wie der Ort, an dem der König wohnt, eine Gemeinschaft von Priesterinnen und Priestern, ein heiliges Volk, ein Volk, das Gott selbst gehört. So sollt ihr der Welt verkünden, was Gott getan hat, denn Gott hat euch aus dem Dunklen in das göttliche Licht gerufen. Früher wart ihr nicht zusammen, habt keine Gemeinschaft gebildet, jetzt aber seid ihr Volk Gottes, früher wusstet ihr nicht, wie es ist, wenn jemand Mitleid mit euch hat, jetzt aber habt ihr Mitleid erfahren.

Der Predigttext ist beim ersten Hören vielleicht nicht ganz leicht zu verstehen. Es werden viele, ganz verschiedene Bilder gemalt, die illustrieren sollen, wie es ist, als Christinnen und Christen zu leben: Neugeborene, die Milch brauchen, lebendige Steine, die zu einem geistlichen Haus verbaut werden, eine heilige Priesterschaft, die Gaben bringt, eine Familie und ein heiliges Volk, das ins göttliche Licht gerufen wird.

Diese Bilder sind mit wunderbar leuchtenden Farben gemalt. Sie beschreiben alle auf ihre Weise, was es bedeutet, zur christlichen Weltgemeinschaft zu gehören. Und doch sind es zu viele, um sie jetzt alle gebührend zu betrachten. Deshalb lasst uns eines von diesen Bildern genauer ansehen. Ihr ahnt schon, welches, denn am Eingang habt Ihr alle einen Stein erhalten. Es soll also um die lebendigen Steine gehen – und um den Eckstein.

Schauen wir uns unsere Steine mal näher an: Ich betrachte meinen Stein sorgsam, wende mich ihm zu. Ich taste ihn mit den Augen ab. Was sehe ich? Welche Farbe oder Farben nehme ich wahr? Was löst diese Farbe in mir aus? Ich drehe und wende den Stein um die verschiedenen Farbtöne auszuleuchten. Ich begreife den Stein mit meinen Händen, taste ihn mit meinen Fingerkuppen ab. Ich spüre seine Kanten und Ecken oder ist die Oberfläche meines Steines glatt geschliffen? Ich umschließe den Stein mit einer oder mit beiden Händen. Ich versuche seinen ganzen Umfang zu erfassen. Welche Geschichte hat er wohl zu erzählen? Wo kommt er her? Was hat ihn so werden lassen?

Ich spüre wie der kalte Stein sich langsam in meiner Hand erwärmt. Ich gebe ab von meiner Wärme. Sie verwandelt den kalten Stein. Ich sehe, fühle und spüre meinen Stein, wie er für mich lebendig wird.

Wenn ihr einen kurzen Blick auf den Stein Eurer Nachbarin oder Nachbarn werft, könnt ihr sehen, dass deren Stein anders geformt ist. Jeder unserer Steine hier ist einzigartig. Sie sind an unterschiedlichen Orten entstanden und wurden durch verschiedene Bedingungen ganz einzigartig. Unverwechselbar. Und so ist es auch mit uns, den lebendigen Steinen in unserer Kirchengemeinde. Jede und jeder von uns hat eine eigene Biographie. Wir alle können unsere ganz eigene Geschichte erzählen, wo wir herkommen und wie wir die Menschen geworden sind, die heute Morgen zur Kirche gefunden haben. Ja, mit allen unseren Ecken und Kanten, den Brüchen und schillernden Farben und auch mit den glatten, sanften Seiten. So sind wir zur Kirche gekommen.

Bei „Kirche“ denken die meisten von uns vielleicht an ein Gebäude. Mit Kirchturm, so wie unserer hier, und mit schönen Holzbänken. Vielleicht denken manche auch an imposantere Gotteshäuser wie den Kölner Dom oder die Frauenkirche in Dresden, wo ja aus lauter Trümmersteinen ein neues Gotteshaus gebaut wurde. Oder eine kleine gemütliche Dorfkirche, mit schummrigen Ecken.

Alle diese Gebäude sind schön und wichtig, sie haben durch ihre jeweilige Architektur eine besondere, aus Steinen gebaute Botschaft. Aber vor allen Dingen besteht Kirche doch aus Menschen. Aus ganz unterschiedlichen Menschen, die mit unterschiedlichen Fragen und Bedürfnissen zusammenkommen, um Gott zu suchen, zu loben oder auch mal zu klagen.

Wir zusammen sind ein Haus, aus unterschiedlichen Begabungen gebaut. Es ist ein Haus, das durch Gottes Geistkraft zusammengehalten wird. Durch unsere Taufe gehören wir überhaupt zu diesem Haus dazu. Und, wie es der Predigttext beschreibt, wir sind gebaut um einen besonderen Stein herum, ein Stein, der von anderen nicht geachtet wurde. Dieser Eckstein ist Jesus Christus.

Die religiösen Experten seiner Zeit stießen sich an ihm. Sein großes Herz, in dem besonders viel Platz war für die Unreinen, die sündigen und deshalb ausgestoßenen Mitglieder der Gesellschaft: Huren, Korrupte, Gescheiterte, Besessene – mit ihnen hat er seine Hoffnung auf das kommende Reich Gottes geteilt. Ein Reich, in dem es keine Unterschiede mehr gibt, kein oben und unten. Eine Wirklichkeit, wo alle Zugang haben zu Gerechtigkeit und Gnade.

Das war den Mächtigen und Einflussreichen natürlich ganz und gar nicht recht. Sie haben ihn verworfen und verspottet, verhöhnt und verurteilt. An seiner Person scheiden sich die Geister und an seiner Botschaft. Bis heute ist Jesus der Stein des Anstoßes. Er wird denen, die im Überfluss leben, überflüssig vorkommen, für alle Sturen wird er störend sein, für alle Überlegenen wird er ungelegen kommen, für alle Annehmlichen wird er unangenehm auffallen und für alle Bequemen wird er absolut unbequem erscheinen.

Das hat ihn ans Kreuz gebracht. Aber diesen weggeworfenen Stein des Anstoßes hat Gott selbst wieder aufgehoben und nicht nur das: Gott hat ihn zum Eckstein gemacht, d.h. zu dem Stein, der alles trägt, der die Form vorgibt, nach der ein Haus gebaut wird.

Nach wie vor, bis heute, ist er aber auch der kostbare Eckstein, das Lebensfundament und die Lebenskraft für all die Kleinen und die Alten, für alle Armen und Trauernden, für alle Kranken und Schwachen, für alle Anstößigen und Ausgestoßenen. Aus totem, leblosen Gestein, aus Menschen, die sich wie versteinert fühlten, weil ihnen die Freude am Leben abhanden gekommen ist, weil ihnen jedes Selbstwertgefühl genommen wurde, aus ihnen werden durch Jesus lebendige Steine, wertvolle Steine, mit denen Gott sein Haus bauen will – als Ort des Lebens und der Solidarität.

Das ist ein Haus, in dem Menschen verschiedener Generationen miteinander in Kontakt kommen. Wo nicht gleich darauf geschaut wird, was ich habe und was ich kann. Das ist ein Haus, in dem auch die Schöpfung einen eigenen Wert hat, der nicht einfach gegen höhere Rohstoffpreise ausgetauscht wird. Ein Haus mit großen Fenstern, durch die wir die Weite sehen können, in welche Gott uns stellt. Eine Weite der Lebens- und Liebesformen, wo nicht gleich alles verurteilt wird, was anders ist als der Mainstream.Und es ist ein Haus, das Schutz bietet. Das alle beschützt, die auf der Flucht sind: Vor Hunger oder vor sich selbst, vor Kriegen oder Perspektivlosigkeit.

Ein solches Haus baut Gott aus uns Menschen, die wir als lebendige Steine uns ganz nach unseren Möglichkeiten einbringen sollen. Denn es sind die Menschen, die eine Gemeinde und die weltweite Kirche in ihrer Vielfalt lebendig machen. Wir sind als Getaute Teil dieser Gemeinschaft und dürfen füreinander Verantwortung übernehmen.

Auch wenn es immer wieder welche gibt, die nicht dazu gehören wollen oder können. Solche Steine, die sich nicht in den Bau einfügen lassen, sollten wir nicht übersehen. Oft lohnt ein genauer Blick und Form und Farbe auch solcher Steine lassen sich entdecken, wenn wir aus Gottes Liebe leben. Sie werden alle ihre Gründe haben, warum sie nicht Teil des Hauses sind, das aus lebendigen Steinen gebaut ist. Aber sie können jederzeit selber lebendig werden und dem Haus etwas von ihrer ganz eigenen Lebendigkeit abgeben Und manche sind es auch schon – auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Niemand muss dazu gehören, aber alle dürfen. Der Eckstein ist groß genug.

Amen.

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