„Genug für alle“ (Apostelgeschichte 6,1-7)

Stellt Euch einmal vor: Der Tisch ist schön gedeckt. Alles ist bereit für ein gemeinsames Essen. Überall stehen frisch zubereitete Speisen herum und dampfen auf den Platten und in den Töpfen. Es riecht umwerfend gut und das Beste ist: es gibt genug für alle. Und alle sind sie da. Sie haben Hunger mitgebracht. Kaum können sie es erwarten, dass es losgeht mit dem leckeren Essen. Die Augen sind groß. Umso länger werden die Gesichter, als beim Austeilen nicht alle etwas abbekommen. Ein paar am Tisch sind einfach übersehen worden. An ihnen sind die Köstlichkeiten vorbeigegangen, sie wurden ausgelassen.

Gut, denken wir uns, das kann mal passieren, wenn die Tischgesellschaft groß und unübersichtlich ist. Aber schon beim nächsten Festschmaus passiert das wieder. Und wieder. Eine ziemlich ungerechte Szene, die sich da so oder ähnlich abspielt – in unserem Predigttext. Denn in der urchristlichen Gemeinde, also da, wo es niemand vermuten würde, dort wird eine Gruppe von Menschen bei der Speisung vergessen. Das führt natürlich zum Konflikt…

In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst. Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia. Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie. Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.

Ja, der Konflikt über die ungerechte Verteilung des Essens schwelt solange, bis er ausbricht. Warum es überhaupt soweit kommen muss, ist ziemlich unklar, aber: Die erste christliche Gemeinde in Jerusalem bestand aus verschiedenen ethnischen Gruppen, die das Evangelium von Jesus Christus angenommen haben. Die meisten waren zwar jüdische Menschen. Aber die einen stammten aus Israel, andere aus dem Rest des römischen Weltreiches, wo hauptsächlich Griechisch gesprochen wurde. Aber nicht nur die Sprache war unterschiedlich, auch ihre kulturellen Hintergründe waren verschieden.

Sie waren zwar alle Jüdinnen und Juden, die  den Wanderprediger Jesus aus Nazareth für den Sohn Gottes hielten. Sie waren zwar vereint im Glauben, aber durch ihre Herkunft und Prägung trennten sie Welten.

Das ist fast so, wie in den evangelischen Gemeinden, auch wie bei uns hier: Als viele so genannte Russlanddeutsche aus den ehemaligen Sowjetrepubliken wie Kasachstan oder Kirgisien nach Deutschland kamen und dann hier in die Kirchen gingen, da waren sie auch zuerst ziemlich befremdet. Klar, der Glaube an den Gott der Bibel und an Jesus Christus war derselbe, aber sonst war so gut wie alles anders und fremd. Die Lieder waren ihnen völlig fremd und die Art zu beten. Die Predigten waren so ganz anders als das, was sie vorher gewohnt waren.

So etwa können wir uns vorstellen, wie das in Jerusalem damals war. Kleinere und größere Gruppen prägten das Miteinander. Und wie das auch heute noch oft so ist, wurde bei der täglichen Versorgung der Armen in der Gemeinde die kleinere Gruppe übergangen: nämlich die mit der schlechtesten Lobby. Diejenigen, die man nicht gut kennt, für die einzusetzen sich nicht unbedingt lohnt. Die fremden, griechischsprachigen Witwen, also ausgerechnet die mit den wenigsten Rechten, die ein echtes Versorgungsproblem haben, die blieben außen vor. Irgendwie ungerecht, oder?

Auch das kommt mir bekannt vor. Da muss ich gar nicht auf das antike Jerusalem schauen. Auch in unserer Zeit finde ich diese Ungerechtigkeit wieder. Auch heute gilt: Der Tisch der Welt ist gedeckt und er bietet genug für alle. Ja, unser Planet hält genügend Ressourcen und Nahrungsmittel bereit für die ganze Weltbevölkerung. Trotzdem hungern noch Menschen. Denn die Mittel sind immer noch ungerecht verteilt. Immer noch sitzen Millionen Menschen am Tisch und bekommen doch nichts ab. Immer noch werden die Bedürftigsten übersehen – manchmal zufällig, und oft genug völlig absichtlich.

Und in unserer Gesellschaft hierzulande sitzen wir alle an einem Tisch und doch gehen auch hier viele leer aus. Sie haben nicht nur oft ein Loch im Bauch, ganz konkret wie die Menschen mit Hartz IV oder ganz ohne Absicherung. Nein, es gibt auch genug Menschen bei uns, die einen anderen Hunger haben. Hunger auf erfülltes Leben, auf Gemeinschaft und Verständnis. Oder Hunger nach Gerechtigkeit, nach einem Sinn im Leben. Das sind Menschen, die sich nicht abspeisen lassen mit den Angeboten der Unterhaltungsindustrie: Superhelden und Zeichentrick-Paradies, Spielekonsolen rund um die Uhr, nicht immer nur abhängen und nicht wissen wohin mit sich. Nicht immer nur Arbeiten und Fernsehen. Es muss mehr geben, der Lebenshunger hat sie erfasst und sie werden bei der Speisung übergangen.

Manchmal gehöre ich auch zu diesen Leuten. Wer von euch nicht? Manchmal, da ist auch in mir der Lebenshunger so groß. Ich sitze am gedeckten Tisch und habe doch das Gefühl nichts abzubekommen. Obwohl ich an Gott glaube und darauf vertraue, dass zum Leben mehr gehört als das, was mir unsere Gesellschaft anbietet. Zwar habe ich genug zu essen (und das ist schon etwas, was vielen anderen fehlt), aber mein Hunger nach Sinn ist dadurch nicht gestillt.

Die christliche Urgemeinde in Jerusalem hat einen sehr pragmatischen Weg gefunden, um die Frage nach Gerechtigkeit für die griechischen Witwen zu lösen. Sie haben das Problem nicht verdrängt, sondern ernst genommen. Und dazu werden alle Gemeindeglieder miteingebunden: „Die Menge der Jünger wurde zusammengerufen“ heißt es im Predigttext. Also alle, die der frohen Botschaft von Jesus glauben. Alle stehen in der Verantwortung und alle sollen zusammen überlegen, wie das Problem zu lösen ist.

Mit anderen Worten: Es wird eine Gemeindeversammlung einberufen, so eine wie wir sie am letzten Sonntag auch hatten. Und dort werden sieben Menschen ausgewählt, die im Auftrag der ganzen Tischgemeinschaft dafür sorgen sollen, dass niemand mehr leer ausgeht. Damit erfüllen die sieben den göttlichen Willen. Denn Gott will, dass alle Menschen Anteil haben können an der Fülle. Nicht nur beim Essen, sondern auch im Leben. Gott will, dass wir einen Sinn in unserem Leben finden, etwas, das uns Erfüllung schenkt, die länger anhält als ein teures Fünf-Gänge-Menü. Denn Gott liebt die Gerechtigkeit, ja Gott hat eine ausgeprägte Sympathie für alle, die ungerecht behandelt werden. Für alle, die leer ausgehen im Leben, die übersehen und ausgegrenzt werden. Wer sich für solche Leute einsetzt, der hat Gott auf seiner Seite!

Das ist der Grund, warum die sieben Ausgewählten von den Aposteln mit Gebeten und Handauflegen eingesetzt werden zu ihrem Auftrag. Ein solcher „diakonischer“ Dienst ist ein Dienst im Namen Gottes. Der Hunger der Witwen wird dadurch gestillt. Und was ist mit dem Hunger nach Leben und Sinn? Ich glaube, wir sind dafür selbst die besten Expertinnen und Experten. Wir ahnen doch selbst, was wir brauchen, um erfüllt leben zu können. Ob es nun Gemeinschaft oder eine Sinn-volle Beschäftigung, von der auch andere etwas haben, wie ein ehrenamtliches Engagement im Verein oder in der Gemeinde. Möglichkeiten gibt es viele. Und es braucht unsere Mitarbeit als Christinnen und Christen in dieser Welt, damit eines Tages niemand mehr mit dem Gefühl der Leere im Bauch und in der Seele nachhause gehen muss.

Also lasst uns offen durchs Leben gehen: Als Suchende und zugleich Findende, als Hungernde und Gebende. Vielleicht ist das die wahre christliche Existenz: Mit dem Hunger nach Leben und Sinn anderen genau etwas davon abgeben.

Amen.

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