„Krise“ (1. Johannes 2,15-17)

Liebt nicht die Welt und nicht, was in der Welt ist. In denen, die die Welt lieben, ist Gottes Liebe nicht. Denn alles in der Welt: das materielle Verlangen, das Streben nach Äußerlichkeiten und das Protzen mit Besitz, ist nicht göttlich, sondern weltlich. Die Welt vergeht und ebenso das Verlangen nach ihr. Die aber den Willen Gottes tun, bleiben in Ewigkeit.

Es war kein guter Tag gewesen, als er das Büro verließ. Kein guter Tag für ihn und kein guter Tag fürs Geschäft. Einen solchen schwarzen Tag an der Börse kannte er nur aus den Geschichtsbüchern. Bisher war die Arbeit mit Zahlen und großen Summen für ihn keine große Herausforderung gewesen. Gut, auch schon früher gab es mal deutliche Kursverluste, aber im Vergleich zu den Beträgen, mit denen er sonst zu tun hatte, war das alles noch im Rahmen geblieben. Bisher zumindest.

Aber heute war kein guter Tag gewesen. Es war ihm absolut schleierhaft, wie die Stimmung auf den anderen Finanzplätzen nach und nach so kippen konnte. Es schien, als würden sich die großen Börsen der Welt gegenseitig in den Abgrund reißen: Verluste ohne Ende! Einige Banken kamen jetzt in echte Existenznöte. Bisher hatte ihn das alles kalt gelassen. Bisher hatte er geglaubt, dass sich der Markt schon von selbst regulieren würde. Davon war er immer überzeugt gewesen, es war fast schon eine religiöses Gebot, das in seiner Ausbildung hoch und runter gebetet wurde. Und nun das! Was würde wohl aus seiner Firma werden? Aus seinem Job? Alles war offen.

Als er aus der Tür des Büroturms heraustrat, tat ihm die frische Luft gut. Er sog sie tief in seine Lungen und für einen Moment verschwand das leichte Schwindelgefühl, das er in den letzten Stunden gespürt hatte, seit er auf seinem Bildschirm die neuesten Kursentwicklungen gesehen hatte. Alles um ihn herum drehte sich, der Boden unter seinen Füßen schwankte. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Aber er musste gehen, sich bewegen, um seinen Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Nur wohin?

Diese große Stadt war ihm immer noch fremd, mit ihren Hochhäusern und dem rastlosen Verkehr, den vielen Taxis und Menschen, die so komisch redeten. In seine Wohnung zog es ihn nicht. Sie kam ihm auf einmal anonym und leer vor. Nichts und niemand würde dort auf ihn warten.

Ziellos schlug er den Weg zum Flussufer ein. Auch an herbstlichen Tagen war es dort schön. Zwar war er nur zwei oder drei Mal nach der Arbeit dort gewesen, aber es gefiel ihm. Dort kam er auch unter Menschen, was ihm schon lange nicht mehr passiert war. Denn Freunde hatte er hier nie gefunden und für ein regelmäßiges Hobby oder sogar Sport war einfach keine Zeit neben der Arbeit.

„Ja,“ dachte er, während er nachdenklich in die U-Bahn stieg, „wenn man es genau betrachtet, lebe ich eigentlich nur für meinen Job.“ Tatsächlich ging es für ihn in der Firma immer bergauf. Genauso wie der Aktienindex kletterte er auf der Karriere-Leiter nach oben. Für sein junges Alter hatte er schon Einiges erreicht. Sein Verantwortungsbereich war groß, er genoss hohes Ansehen, fuhr ein schnelles Auto und verdiente ziemlich viel Geld. Dafür hatte er so gut wie keine Freizeit. Sein Leben in dieser Welt beschränkte sich meistens auf das Büro, seinen Computer, die Arbeit, die hohen Geldsummen.

Endlich am Fluss angekommen, schlenderte er die Promenade unter den bunt gefärbten Kastanienbäumen entlang. Die blanken Früchte lagen überall auf dem Boden herum. Er hob eine auf und wiegte sie in der Hand. Wie glatt und makellos sie aussah! Und dann kam eine Erinnerung herauf, wie er als Kind mit seiner Mutter durch ein Meer von gelbem Laub gestapft war und sie dabei Kastanien sammelten, um daraus später kleine Tiere und Männchen zu basteln. Jetzt kam ihm dies vor wie aus einer anderen Zeit, ja aus einem anderen Leben, das mit ihm hier und jetzt nichts zu tun hatte.

Er ließ die Kastanie wieder fallen und trottete weiter auf der Promenade, überholt von joggenden Endvierzigern, die in hautengen Laufanzügen und mit Stöpseln im Ohr an ihm vorbeirauschten – den Blick starr auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne gerichtet. Seine Gedanken kehrten zurück in die Gegenwart. Was würde die Zukunft bringen? War es nicht möglich, dass der Markt, ja das ganze Wirtschaftssystem zusammenbricht? An diesem Tag war für ihn alles denkbar. Alles, woran sein Herz hing, alles, was ihn bisher ausgemacht hatte, das schien sich in Luft aufzulösen.

Und warum? Waren es die viel beschworenen „Mechanismen des Marktes“ gewesen? Ja, musste es vielleicht irgendwann so kommen? Steuerte diese Welt mit ihren fortschrittlichen Technologien und rapiden Veränderungen unvermeidlich auf ein Ende zu? Er war so in seine Gedanken versunken, dass er beinahe über die Bettlerin gestolpert wäre. Es war eine junge Frau, die am Rand der Promenade kniete und ihre Hände zu einer Schale geformt hatte. Er musste schlucken, als er sie ansah. Die Armut hatte ihre Spuren hinterlassen im Gesicht und den heruntergekommenen Kleidern.

So bewusst hatte er noch nie jemanden betteln sehen. Angeblich gab es davon mehrere in der Stadt. Aber wie konnte es sein, dass diese Leute sich in aller Öffentlichkeit so erniedrigen mussten? Eine Mischung aus Abscheu und Mitleid war dabei, als er ihr einen Euro in die dreckigen Hände legte. Vielleicht würde es bald noch viel mehr Menschen so schlecht gehen, wenn die Finanzkrise sich ausweiten sollte. Wie viele Leute würden empfindliche Verluste erleiden und dabei sogar an den Rand der Existenz geraten? Das hatte er sich bisher noch nie klar gemacht. Hinter den nackten Zahlen auf seinem Computer im Büro verbargen sich Menschen mit ganz konkreten Schicksalen und Lebensgeschichten.

Er schlug den Kragen seines Mantels hoch, denn der Wind wurde kälter, und dann ging er ganz schnell weiter. Hier wollte er nicht mehr bleiben, irgendetwas trieb ihn fort, weg vom Fluss. Nur mühsam überquerte er die Straße, wo sich der Verkehr wie eine unendliche Schlange voran schob. Dann kam er auf den historischen Platz vor dem Rathaus. Aber auch hier waren ihm jetzt zu viele Menschen. Er musste alleine sein, seine Gedanken ordnen und zur Ruhe kommen.

Sein Blick schweifte über den Platz – und blieb an der alten, kleinen Kirche hängen. An der Tür grüßte ein großes Schild mit der Aufschrift „Eintreten“ und ihm fiel ein, dass manche Kirchen angeblich ja auch unter der Woche geöffnet hatten. Langsam, ja fast beiläufig steuerte er auf das Gebäude zu. Es zog ihn irgendwie an. Schließlich drückte er die Klinke herunter und – tatsächlich – die Tür war offen.

Wie lange er schon nicht mehr in einer Kirche gewesen war, wusste er nicht. Es musste schon mindestens zehn Jahre her sein. Und damals war es an Weihnachten gewesen mit seiner Familie, zu der er in letzter Zeit nur noch sporadisch Kontakt hatte. Es war warm hier drinnen. Das überraschte ihn. Er hatte Kirchen immer nur als kalt und ungemütlich in Erinnerung. Aber hier war es anders. Überall brannten Kerzen und kleine Lampen sorgten für ein angenehmes Licht.

In der Kirche war nicht viel los, ein paar Touristinnen verewigten sich scheinbar gerade in einem Gästebuch. Ihre unterdrückten Stimmen hallten leise durch das Kirchenschiff, während irgendwo im hinteren Teil ein alter Mann offensichtlich in sich selbst versunken betete. Er ging ein paar Schritte auf den Chorraum zu und blickte auf zu den großen Fenstern, durch die sich die späte Herbstsonne in vielen Farben brach. Plötzlich, er konnte nicht genau sagen, warum, musste er sich setzen. Er sank auf den nächstbesten Stuhl und sein Blick ging nach innen.

Langsam dämmerte es ihm und die Erkenntnis traf ihn hart: Er war mit seinem Leben in eine Sackgasse geraten, ohne es zu merken. All die letzten Jahre hatte er nur funktioniert, ohne wirklich zu leben. Ja, sein Leben war mit Dingen ausgefüllt, die am Ende doch nur wenig Bestand hatten. Immer mehr Geld verdienen und immer größere Gewinne einfahren – das war sein Inhalt, sein Lebenszweck gewesen.

Nun, angesichts der zusammenbrechenden Geldmärkte erschien ihm das sehr oberflächlich. Konnte er immer so weitermachen? Sein Leben kam ihm auf einmal so leer vor wie seine eigene Wohnung. Etwas war anders geworden durch diese Krise, etwas in ihm wurde erschüttert. Aber darunter kam auch etwas zum Vorschein, das er schon fast vergessen hatte:

Er spürte Sehnsucht. Es war die Sehnsucht nach dem, was wirklich zählt im Leben. Die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, nach Solidarität und Freundschaft, und nach einem Sinn, der nicht an Geschäftszahlen gebunden ist. Wie erfüllend wäre es, wenn er etwas Bleibendes schaffen könnte und etwas, das diese Welt ein kleines Stückchen besser macht? Daran dachte er und es war ihm, als könnte ihn diese Sehnsucht beruhigen.

Natürlich hatte er noch keine konkrete Vorstellung vor Augen, wie er dieser Sehnsucht Raum in seinem Leben geben konnte. Aber dass sie da war und er sie spüren konnte, war für ihn ein großer Trost. Dadurch fühlte er sich nicht mehr ganz von den Sachzwängen dieser Welt gefangen. Er würde Wege finden, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Einen echten Sinn!

Und mit dieser Zuversicht stand er auf und ging zur Tür der Kirche. Und als er sich noch einmal umsah, hatte er den Eindruck, dass die Kerzen noch heller leuchteten als vorher.

Amen.

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