„Zuhause bei der Gerechtigkeit“ (2. Petrus 3,8-13)

Am Ewigkeitssonntag gehen viele von uns an das Grab eines Menschen, der zum eigenen Leben dazugehört hat. Oder sie suchen sich andere Orte des Trauerns, wenn es kein Grab gibt oder es zu weit weg ist. Und viele von uns hören heute im Gottesdienst den Namen eines geliebten Menschen, von dem sie in diesem Jahr Abschied nehmen mussten. Nach der Predigt nehmen wir uns die Zeit und den Raum für das Gedenken.

Hinter jedem Namen steht die Geschichte eines Lebens und eines Sterbens. Sie ist zugleich die Geschichte unserer Trauer. Dabei werden viele Fragen und Gedanken wieder wach:
Warum hast du so früh sterben müssen?
Warum hat das Beten nicht geholfen?
Warum gibt es noch keine Medizin gegen den Krebs?
Warum ist der Tod so grausam?
Warum müssen wir Abschied nehmen?
Warum die Tränen und das Leid?
Warum traf dich der Unfall?

Und manchmal, ganz leise, gibt es auch den Gedanken, dass der Tod eine Erlösung war.

Wenn wir mit dem Verlust eines nahen Menschen umgehen müssen, öffnet sich eine innere Tür und zum Vorschein kommt ein Wirrwarr der Gefühle. Wir verstehen den Tod  nicht und müssen ihn doch akzeptieren. Dabei ist es egal, wie alt wir sind. Junge und Alte, Große und Kleine stehen vor derselben Aufgabe: Wie können wir lernen mit dem Tod umzugehen? Der Predigttext kann uns da auf eine Fährte bringen, uns eine Ahnung davon geben, wie es gelingen kann, mit dem Tod umzugehen.

Dieses eine aber, ihr Lieben, sollt ihr nicht übersehen: Ein Tag ist in den Augen Gottes wie 1000 Jahre und 1000 Jahre sind wie ein Tag. Gott zögert die Erfüllung der Verheißung nicht hinaus. Das behaupten einige und sagen, es sei eine Verzögerung. Vielmehr wartet Gott geduldig auf euch: kein Mensch soll zugrunde gehen, sondern alle sollen den Schritt wagen und Buße tun.
Der Tag Gottes aber wird kommen wie ein Dieb. An diesem Tag werden die Himmel prasselnd vergehen, die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen und verglühen. Gott wird die Erde ansehen und wird alle Taten finden, die auf ihr geschehen sind. Wenn auf diese Weise alle Dinge aufgelöst werden, wie müsst ihr dann beschaffen sein? Als Menschen, die ein Leben führen, das Gott gefällt und ganz auf Gott ausgerichtet ist. Ihr erwartet, ihr beschleunigt die Ankunft von Gottes Tag, an dem die Himmel brennend verglühen und die Elemente vor Hitze zerschmolzen werden. Nach Gottes Verheißung erwarten wir aber neue Himmel und eine neue Erde. Dort ist Gerechtigkeit zu Hause.

Gewaltige Bilder schenkt uns der Text. Von einer kosmischen Katastrophe ist hier die Rede. Die Himmel werden vergehen am „Tage Gottes“. Eine große Hitze bringt alles zum Schmelzen. Alles, was in dieser irdischen Welt entscheidend war, worauf es ankam, womit wir unser Leben verbracht haben, alles, was bisher wichtig gewesen ist, das zählt am Ende nicht mehr.

Es sind Bilder vom Weltuntergang, wie sie mich spontan an das schreckliche Szenario von Ground Zero erinnern. Als das World Trade Center in New York am 11. September 2001 zerstört wurde, da haben viele das als ein Zeichen dafür gedeutet, dass das Ende der Welt gekommen sei.

Schleichender kommt das Ende vielleicht aber auch durch die drohende Klimakatastrophe. Wenn es in absehbarer Zeit immer wärmer wird, so ist in den Zeitungen zu lesen, dann ist irgendwann kein Leben mehr möglich auf unserem Planeten!

So oder so, das Ende der Welt wird immer wieder gerne mit schlimmen Ereignissen verbunden, die Angst und Schrecken hervorbringen. Tod und Weltuntergang. Aber das sind alles Spekulationen. Auch wenn sie mir noch so nahe gehen, sie bleiben seltsam fremd und abstrakt. Viel mehr als diese globalen Schrecken berührt uns doch in Wirklichkeit der konkrete Tod, der ein Gesicht hat. Was sind schon Vermutungen über ein mögliches Weltende, wenn man an einem Grab steht? Wenn der Sarg oder die Urne hinuntergelassen wird und die Tränen fließen! Irgendwie ist jeder Tod eines verwandten, befreundeten, geliebten Menschen ein ganz persönlicher Weltuntergang.

Die gemeinsame Zeit ist dann zu Ende. Alle schönen und schweren Momente, die geteilte Lebenszeit – das alles ist vorbei. Was bleibt ist die Erinnerung daran. Dabei ist es gleich, wie lange der gemeinsame Weg war und wie der Tod ins Leben trat. Ob man noch genug Zeit hatte sich voneinander zu verabschieden wie bei einer schweren Krankheit oder ob ganz plötzlich der Lebensfaden abgerissen ist.

Wie gehen wir mit den kleinen und großen Weltuntergängen um? Was haben wir dem Tod entgegenzusetzen? Zugegeben, der Predigttext gehört ursprünglich in einen anderen Zusammenhang. Da ging es um die Frage der Christinnen und Christen zwei Generationen nach Jesus, warum der Heiland nicht sofort wieder gekommen ist. Viel Spott mussten sie sich deshalb gefallen lassen. Wo ist er denn nun, der Auferstandene?

Die Antworten des zweiten Petrusbriefes können uns aber auch heute bei unsere Frage nach dem Umgang mit dem Tod helfen. Denn dort heißt es: Ein Tag ist in den Augen Gottes wie 1000 Jahre und 1000 Jahre sind wie ein Tag. Das heißt: Zeit ist nicht gleich Zeit. Unsere menschlichen Uhren gaukeln uns vor, die Zeit würde gleichmäßig fließen. Doch wer kennt das nicht: Da gibt es erfüllte Zeit, intensive Zeit, zum Beispiel, wenn man mit geliebten Menschen zusammen ist. Gesellige Stunden voll leichter Gemeinschaft, in der Familie oder im Freundeskreis. Und ehe man sich versieht, sind Stunden verflogen!

Und dann gibt es noch die quälend langsame Zeit. Bleiern und zäh zieht sie sich dahin, zum Beispiel im Wartezimmer eines Arztes, auf dem kalten Flur eines Krankenhauses oder einer Behörde. Ja, Zeit hat einen Wert, der sehr unterschiedlich sein kann. Dieses Geheimnis der Zeit kleidet die Bibel in Satz: Vor dir, Gott, sind tausend Jahre wie ein Tag.

Und wer weiß das schon, ob nicht ein kurzes Leben ein Leben mit erfüllter Zeit gewesen ist! Wer weiß das schon, ob es wichtiger ist, kurz und intensiv mit einem Menschen zusammen gelebt zu haben oder möglichst viele lange Jahre! Die Zeit haben wir nicht in der Hand, weder unsere Zeit noch die der Welt. Die Zeit liegt in Gottes Hand. In Gottes Augen gewinnt sie Ihren Wert, nicht durch das Ticken unserer Uhren.

Ich finde das beruhigend. So oft sind die menschlichen Maßstäbe zerbrechlich. So oft messen wir in Mengen: Wie viel Zeit, wie viel Geld, wie viel Urlaub, Autos, Schmuck oder Freunde wir haben – danach richtet sich unser Wert, unser Status in dieser Welt. Wie gut tut da der Blick Gottes, in dessen Augen wir immer mehr sind als die Summe dessen, was wir besitzen. Es ist ein geduldiger, ein liebender Blick, mit dem Gott uns ansieht, uns und unser Leben und Sterben. All das, was in unserem Leben Bruchstück bleibt, das ist aufgehoben bei Gott. Alles, was offen gebliebenen ist im Gespräch mit unseren Verstorbenen, eine Versöhnung, ein klärendes Wort oder das, was man schon so lange einmal sagen wollte und nun durch den Weltuntergang am Grab keine Gelegenheit mehr hatte – das alles findet ein Zuhause bei Gott.

Der zweite Petrusbrief formuliert es so: Nach Gottes Verheißung erwarten wir aber neue Himmel und eine neue Erde. Dort ist Gerechtigkeit zu Hause.

Der neue Himmel und die neue Erde sind Bilder für die Geborgenheit, in die wir Menschen fallen, wenn die Welt mit dem Leben eines nahen Menschen untergeht. Diese Verheißung gilt auch für uns, die wir weiterleben und mit dem Ende einer Lebenswelt umgehen müssen. Auch wir stürzen nicht in das hoffnungslose Nichts. Auch wir bekommen durch Gott eine Ahnung, wo es hingeht. Auf der Wanderung durch das Leben haben wir eine biblische Wanderkarte dabei und können auf ihr das Ziel schon sehen – ohne natürlich von der Karte ablesen zu können, wie es da aussieht am Zielort.

So ein bisschen ist das auch so beim Warten auf den neuen Himmel und die neue Erde: Wie sie aussehen werden, können wir nicht wissen. Aber es ist gut, zu wissen, dass es dieses Ziel gibt. Wenn Gott selbst Herr über die Zeit ist, wenn tausend Jahre wie ein Tag bei Gott sind, dann möchte ich gerne glauben: Der Tod entscheidet nicht über den Wert des Lebens und der Welt. Der himmlische Uhrmacher aber, der die Zeit stauchen und dehnen kann, damit sie Zeit für uns wird, setzt andere Maßstäbe.

Und er schenkt unserem Leben die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Damit wird der Abschied von unseren Lieben nicht unbedingt leichter. Aber wir können in der Trauer vielleicht etwas von dem erkennen, was Gott mit uns Menschen vorhat: Nichts und niemand geht verloren. Der neue Himmel und die neue Erde warten. In ihnen ist die Gerechtigkeit zuhause.

Gott sei Dank!

Amen.

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