„Feuchte Augen im Advent“ (Lukas 1,46-55)

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat hingeblickt auf die Niedrigkeit seiner Magd; denn siehe, von nun an werden mich glückselig preisen alle Geschlechter.
Denn Großes hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein Name. Und seine Barmherzigkeit ist von Geschlecht zu Geschlecht über die, welche ihn fürchten. Er hat Macht geübt mit seinem Arm; er hat zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind. Er hat Mächtige von Thronen hinabgestoßen und Niedrige erhöht.
Hungrige hat er mit Gütern erfüllt und Reiche leer fortgeschickt. Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, dass er gedenke der Barmherzigkeit – wie er zu unseren Vätern geredet hat – gegenüber Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

Sie auch hier? Sieht man sich mal wieder im Gottesdienst. Wie geht es denn so? Haben Sie auch so einen Vorweihnachtsstress gerade? Ich nehme mir ja jedes Jahr wieder vor, mit den Vorbereitungen für Weihnachten früher anzufangen. Aber irgendwie klappt das nicht so. Naja, gehört wohl einfach dazu, so auf den letzten Drücker noch einkaufen und schmücken und so weiter. Sie kennen das ja!

Schön, dass wir uns mal wieder hier sehen. Wissen Sie, eigentlich gehe ich ja in der Adventszeit nicht so gerne in die Kirche. Klar, die schönen Lieder, die man da so singen kann, die liebe ich auch. Hab sie schon seit meiner Kindheit immer gern gemocht. „Die Nacht ist vorgedrungen“, das ist mein absolutes Lieblingsadventslied. Das summe ich manchmal sogar vor mich hin. Einfach so. Und wenn der Adventskranz hier in der Kirche brennt, das sieht schon schön aus.

Ich weiß nicht so genau warum, aber irgendwie schaffe ich es einfach nicht, in diesen Wochen vor Weihnachten sonntags in die Kirche zu gehen. Wie? Nein, es ist nicht der Stress. Nein, ich hätte auch genug Zeit. Wenn ich so überlege, dann ist das – glaube ich – eher eine innerliche Sache. Etwas in mir sträubt sich, in den Gottesdienst zu gehen – so kurz vor Weihnachten.

Das hat vor ein paar Jahren angefangen. Damals da war eine Freundin plötzlich sehr krank geworden. Ich habe da viel mit ihr gelitten und sogar für sie gebetet. Es war eine schlimme Zeit, da so vor Weihnachten. Und ich war ganz nahe am Wasser gebaut, wenn Sie verstehen, was ich meine. Also ich musste bei jeder Gelegenheit immer gleich weinen. Das hatte ich nicht unter Kontrolle. Die Tränen sind einfach so gekullert. Besonders im Gottesdienst. Bei den Liedern und den Texten, beim Beten ja und einfach so. Und da war es mir unangenehm, so in die Kirche zu gehen. Was hätten denn die anderen Leute denken sollen? „Guck mal, da ist die Heulsuse schon wieder!“

Ja, Sie haben Recht, es ist einfach komisch: Da ist man in der Adventszeit und alles soll doch so schön gemütlich sein. Ist ja eigentlich auch eine schöne Zeit so im Dezember. Draußen ist es kalt und nass. Es wird früh dunkel und dann leuchten in den Fenster die Lichterketten und Weihnachtsbögen. Ja, meine Nachbarn haben sogar eine ganze Rentierzucht im Vorgarten aufgebaut, die jeden Nachmittag vor sich hin funkelt.

Das gefällt mir schon alles. Und auch der Adventsmarkt ist eine tolle Sache. Einmal im Jahr auf unserem schönen Marktplatz mit einem warmen Getränkt in der Hand, da trifft man echt Hinz und Kunz. Nein, also eigentlich mag ich die Vorweihnachtszeit wirklich. Nur mit dem Gottesdienst, da habe ich so meine Probleme.

Ich bin immer noch ziemlich dünnhäutig, wenn ich mich dann mal so ausnahmsweise doch auf den Weg mache, so wie heute. Dann sitze ich da und spüre, ja, wie verletzlich ich immer noch bin. Dabei ist diese Freundin von damals längst wieder gesund. Ihr geht es gut und darüber bin ich auch heilfroh. Aber wenn wir mal ehrlich sind, dann gibt es doch immer irgendwas im Leben, worüber man traurig sein kann. Etwas, das einen in Gedanken beschäftigt. Was das Herz schwer macht. Bei mir ist es gerade so, dass ich ganz viel an meinen Bruder denke. Der hat gerade so viel Ärger um die Ohren, der Arme! Ob ich will oder nicht, ich muss einfach an ihn denken.

Oder wenn ich Zeitung lese, dann denke ich an all die Leute, denen es nicht so gut geht wie mir. Es ist ja nicht so, dass die mir alle egal wären. Die alten Leute, die ganz alleine feiern müssen oder diejenigen, denen in diesem Jahr etwas Schlimmes passiert ist und die dann unterm Weihnachtsbaum sitzen und ziemlich traurig sein werden, weil sie jemanden verloren haben oder so.

Also wahrscheinlich haben ganz viele Leute ein schweres Päckchen zu tragen, wenn sie in die Kirche gehen. Damit bin ich bestimmt nicht alleine. Vielleicht bin ich nur etwas sensibler, kann schon sein. Denn wenn ich an all die denke, denen es nicht gut geht, dann kommen mir fast schon wieder die Tränen. Dann bin ich im Herzen angerührt von dem Schicksal der anderen, das macht mich traurig.

Dann gehe ich eben mal nicht in die Kirche. Und – mal ganz ehrlich – so richtig toll fänden Sie es doch auch nicht, wenn da im Gottesdienst einer neben ihnen sitzt, der ständig feuchte Augen hat, oder? Es ist vertrackt: Ausgerechnet im Advent, wenn alle Welt einen auf Gute Laune macht, fühle ich mich so verletzlich, so angreifbar, dass ich manchmal echt losheulen könnte. Das ganze Jahr über bin ich nicht so drauf, aber vor Weihnachten, da trage ich mein Herz ganz ungeschützt vor mir her. Warum ist das bloß so?

Ach, Sie meinen, es liegt vielleicht am ganzen Stress? Könnte schon sein. Ich meine, je mehr wir im Stress sind, desto schwächer werden auch unserer Abwehrkräfte. Deshalb schniefen ja auch gerade so viele Leute rum und sind erkältet. Aber ob es das allein ist? Hm… Ehrlich gesagt habe ich mich neulich mal gefragt, ob das nicht auch direkt etwas mit Weihnachten zu tun haben kann. Denn wenn ich es richtig verstanden habe, geht es doch an Weihnachten darum, dass Gott Mensch geworden ist. In so einem kleinen Baby da. Verletzlich, ängstlich, nicht gerade sehr souverän oder cool.

Da muss ich sagen, diesen Gott oder vielmehr dieses Baby finde ich sehr sympathisch. Ich meine, wie stellen Sie sich denn Gott vor? Also ich dachte dabei immer an so einen großen Thron im Himmel, so aus Wolken. Aber wenn Gott ein Mensch wird und zu uns hier auf die Erde kommt, dann ist der Thron im Himmel wohl leer, nehme ich an. Und stattdessen liegt da so ein kleines Kind in einer Krippe und wartet darauf, dass es was zu essen bekommt oder getröstet wird.

Das muss doch bedeuten, dass Gott auch verletzlich geworden ist. Dass Gott auch mal nahe am Wasser gebaut ist, mal weinen muss und sich anrühren lässt, von dem, was andere ertragen müssen. Ja eigentlich, also wenn Sie mich fragen, dann ist das doch kein Zufall, wenn ich immer vor Weihnachten so besonders empfindlich bin. Wenn Gott doch auch so drauf ist…

Und nicht nur Gott: die Weihnachtsgeschichte, wie sie immer an Heilig Abend in der Kirche vorgelesen wird, da kommen ja Leute vor, die haben es auch nicht leicht. Wenn ich nur an die Maria denke… Die hat ja nichts zu lachen. So eine junge Frau und schon schwanger. Da ist an Karriere erstmal nicht zu denken. Und dann weiß sie noch gar nicht mal von wem das Kind ist! Also das sind Zustände…

Und dann gibt es doch da dieses Lied, das sie singt. Naja, eigentlich wird es nicht gesungen, sondern vorgelesen, wie heute. Das höre ich immer gerne in der Kirche – auch wenn ich dann wieder mit mir ringen muss. Ich finde, das sind einfach tolle Worte: „Er hat Mächtige vom Thron gestoßen und Niedrige erhöht.“ Also wenn Sie mich fragen: das klingt nach Revolution! Da wird alles anders. Kein Wunder: Gott wird Mensch. Das ist wahrscheinlich die größte Revolution, die es bisher gegeben hat. Einer, der freiwillig von seinem Thron runter kommt – da müssen auch die anderen runter von ihren Thronen.

Und das klingt doch so, als hätte Gott ein großes Herz für die Niedrigen, also für alle, denen es gerade nicht so gut geht. Dazu gehören sicher die Alten und die Kranken und die, die sich einsam fühlen. Und wahrscheinlich sind auch solche gemeint, die wegen irgendetwas von anderen niedrig gemacht werden, wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung. Ausgerechnet die werden also erhöht.

Ach, das ist doch herrlich, dass der Maria solche Worte zugeschrieben werden, oder? Wenn man überlegt, dass diese Frau dann doch noch Karriere gemacht hat – zumindest in der Kirche! Bei Gott ist scheinbar nichts unmöglich! Irgendwie macht mir das Mut. Da muss ich mich mit meinen Tränen gar nicht schämen, wenn es mich mal wieder erwischt. Es gibt eben einen Haufen Sachen, die mich anrühren. Na und? Dann weine ich halt mal. Das ist doch menschlich, oder? Wenn Gott Mensch wird, dann darf ich das doch auch sein. Gerade vor Weihnachten und gerade in der Kirche.

Also, ein schöne Adventszeit noch und falls wir uns nicht mehr sehen schon mal „Frohe Weihnachten“!

Amen.

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