„Frau, was wählst du?“ (2. Samuel 11f)

Ein Jahr voller Wahlen liegt vor uns. In kaum einem anderen Jahr gab es so viel zu wählen wie 2009: Der Landtag wurde schon gewählt, es warten noch Europaparlament, Kirchenvorstand und schließlich die Bundestagswahl im Herbst. Da ist es kein Zufall, wenn wir in diesem Superwahljahr fragen:

„Frau, was wählst du?“. Das ist der Titel der Predigtreihe, die heute beginnt und in der wir uns mit biblischen Frauengestalten beschäftigen wollen. Wir wollen herausbekommen, welche Wahl sie in ihrer jeweiligen Situation getroffen haben. Es sind ganz unterschiedliche Gestalten mit sehr unterschiedlichen Geschichten. Aber sie alle sind herausgefordert. Für sie geht es nicht um das Wählen einer bestimmten Partei oder eines politischen Programms, sondern darum, welchen Weg sie einschlagen, welches Verhalten und welche Richtung sie wählen in ihrem Schicksal.

„Frau was wählst du?“ Diese Frage stellt sich für Batseba zunächst nicht. Die junge Frau wird nicht gefragt, als sie von David aufgefordert wird, zu ihm in den Palast zu kommen. Sie wird nicht gefragt, als der König sich ihr nähert und mit ihr schläft. Sie wird nicht gefragt, als er sie hinterher wieder wegschickt. Sie wird auch nicht gefragt, als David später versucht, den Ehebruch zu vertuschen, der durch Batsebas Schwangerschaft offensichtlich wird. Erst will er Batsebas Mann das Kind unterjubeln. Und als das nicht klappt, lässt er ihn an vorderster Front im Krieg sterben. Danach nimmt David die schwangere Batseba bei sich auf. Ob das nach ihrem Willen ist, erfahren wir nicht. Und schließlich wird sie nicht gefragt, ob sie das Kind behalten möchte oder nicht. Es muss sterben – als Gottes Strafe dafür, dass David so brutal und gierig war. Der König wird von Gott in die Schranken gewiesen.

Und Batseba? Sie wird zu all dem nicht gefragt. Batseba hat keine Wahl. Als Frau ihrer Zeit hat sie keine Wahl. Sie hat nicht die Wahlfreiheit und keine eigenen Rechte, auf die sie sich berufen könnte. Stattdessen wird sie zum Spielball der Begierde und der Macht. König David verfügt über sie, ganz nach seinem Willen. Sie leistet keinen Widerstand, aber wie soll sie denn auch?

Batseba wird zum Spielball zwischen Männern. Zu ihrer Zeit galt eine Frau etwa soviel wie ein Stück Vieh oder ein Möbelstück, das „Mann“ besitzet. Vom Vater dem Ehemann symbolisch übergeben bei einer Hochzeitszeremonie, wechselt die junge Frau den Besitzer. Das hat auch Vorteile, eine gesicherte Existenz zum Beispiel. Uria, der Offizier, muss nun für ihren Unterhalt aufkommen. Dafür gehört sie ihm und muss ihm gehorchen und ihm zu Diensten sein, wenn er gerade mal nicht im Krieg ist.

Batseba hat keine Wahl. Oder doch? Menschen haben immer eine Wahl. Natürlich könnte sie weglaufen von Uria – aber der Preis wäre hoch. Ohne Rechte, ohne Unterhalt, ohne Zuhause – was wäre das für ein Leben? Natürlich könnte sie sich auch gegen König David wehren. Gegen seine Zudringlichkeiten. Aber auch das wäre gefährlich: es würde vermutlich ihr Leben kosten. Und wenn der Ehebruch herauskommt, wenn der Bauch wächst, dann droht ihr der Tod durch Steinigung. Sie sitzt in der Sackgasse.

Batseba wird auch zum Spielball Gottes. Als wäre ihr Leben nicht schon durcheinander genug, lässt Gott auch noch das Kind sterben. Nathan, der Prophet, verkündet es David. Das Kind muss sterben zur Strafe für den König und seine rücksichtlose Machtgier.

Nein, Batseba hat keine Wahl. Und Batseba steht für all die Menschen, die keine Wahl haben. Die an einem Punkt in ihrem Leben angekommen sind, wo ihnen die Optionen ausgehen. Situationen, in denen es eng wird. Wo aus der Sackgasse kein Weg heraus führt.

Es gibt solche Situationen, da haben Menschen einfach keine Wahl. Auch hier bei uns heutzutage. Denn wer das „Pech“ hat, mit einem so genannten Migrationshintergrund in Deutschland zur Schule zu gehen, hat keine Wahl. Meistens bleibt da nur die Haupt- oder höchstens die Realschule. Nur die wenigsten Jugendlichen aus Einwandererfamilien schaffen den Sprung in eine höhere Schulbildung. Ganz egal, wie schlau oder begabt Menschen sind, es hängt vor allem davon ab, aus welcher gesellschaftlichen Schicht sie kommen. In keinem anderen europäischen Land ist Bildung  abhängig vom sozialen Umfeld wie bei uns. Von wegen freie Wahl…

Aber nicht nur das sind Situationen, wo Menschen keine Wahl haben. Auch was das eigene Leben, die eigene Zukunft angeht, ist es heute nicht unbedingt leichter als früher. Früher, da war der Lebensweg oft vorgezeichnet. Der älteste Sohn hatte keine Wahl: Er musste den Betrieb oder den Hof des Vaters übernehmen und die Tochter wurde aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen verheiratet. Nichts mit romantischer Liebesheirat! Das ist heute zwar nicht mehr so üblich, aber das Leben ist trotzdem kompliziert. Denn wir müssen täglich wählen zischen dem was wir machen und wer wir sein wollen. Es ist die Schwierigkeit der Postmoderne, in der wir leben, in der so wenig selbstverständlich ist, und fast alles davon abhängt, was wir wählen  müssen oder wählen können. Das umfasst alle Bereiche unseres Lebens. Welche Klamotten trage ich, welches Handy kaufe ich oder kann ich mir leisten, welche Zeitung lese ich, will ich überhaupt Zeitung lesen? Mache ich meine Hausaufgaben oder hänge ich lieber die ganze Zeit vor der Playstation? Was soll ich beruflich machen? Soll ich mir ein Auto zulegen oder doch lieber mit der Bahn fahren? Kaufe ich meine Bücher im Internet oder beim Buchhändler vor Ort? Will ich mein Kind selber erziehen? Kann ich überhaupt mit ihm Zeit verbringen oder muss ich eigentlich nicht noch mehr jobben?

Die Frage „Was wählst du?“ müssen wir uns jeden Tag zu fast jeder Gelegenheit stellen. Und auch wenn das erst einmal paradox klingt: Dadurch haben wir keine Wahl. Wir haben keine Wahlfreiheit, wir haben Wahlzwang. Wir können nicht etwas wählen, wir müssen wählen, was wir machen und was wir sein wollen. Für eine echte Wahl fehlen uns aber oft die Bedingungen! In einer Beziehung wollen beide arbeiten, aber wo findet man am selben Ort für beide einen attraktiven Job?

Junge Eltern sollen schnell wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, weil sie gebraucht werden oder weil es finanziell sonst nicht reicht. Aber was sollen sie machen, wenn Betreuungsplätze knapp sind und keine Verwandten vor Ort, die dann mal auf den Nachwuchs aufpassen können?

Wir haben keine Wahl. Wir können nicht nicht entscheiden. Wir können nicht einfach sagen, ach es wird schon irgendwie. Wir sind zwar nicht mehr so fremdbestimmt wie früher, wie etwa Batseba in der Geschichte mit David, aber eine echte Wahl haben wir auch nicht.

Batseba steht für alle Menschen, die keine Wahl haben. Und – jetzt kommt das Verrückte: Sie ist eine Hoffnungsfigur für all diese Menschen. Denn Batseba hat zwar keine Wahl, aber sie trifft eine Entscheidung! Sie ist ein Spielball der Mächte, aber sie verkriecht sich nicht in sich selbst. Sie fällt eine mutige Entscheidung, mit der sie heraus kommt aus der engen Sackgasse. Sie schickt einen Boten zu David der ihm ausrichtet: „Ich bin schwanger.“ Drei Worte, mehr nicht. Es ist eine Feststellung, die Freude bedeuten kann, aber auch tiefe Ausweglosigkeit. Dieses Kind würde eindeutig den Ehebruch auffliegen lassen. Was Batseba hätte blühen können, schildert später die Geschichte, in der Jesus sich vor eine Frau stellt, die wegen Ehebruch gesteinigt werden soll. Jesus rette die Frau mit dem berühmten Satz: „Wer unter euch ohne Sünde sei, der werfe den ersten Stein.“

Bei der Beziehung zwischen dem mächtigen König David und der jungen Batseba war sie das schwächste Glied, nicht David. Er hätte sie erpressen können oder fallen lassen. Batseba hätte sich ihm wohl kaum verweigern können. Und doch dreht sie den Spieß um. In dem Moment, wo sie sich entscheidet, ihr Elend nicht mit sich selbst auszumachen, in dem Moment, als sie sich David mitteilt, findet sie einen Weg aus der Sackgasse. Wir hören von ihr kein Jammern oder Selbstmitleid. Mit der Nachricht aus drei Worten nimmt sie David in die Verantwortung und zwingt ihn zum Handeln. Natürlich erfordert das Mut, aber vielleicht ist es auch der Mut der Verzweiflung.

Ich finde, Batseba macht Hoffnung. Sie macht allen Menschen Hoffnung, die erstmal keine Wahl haben. Denn ihre Geschichte zeigt, dass man auch in ausweglosen Situationen nicht alleine bleiben muss. Sie hat keine Wahl, aber sie entscheidet sich. Am schwersten ist es wohl, zu erkennen, dass man eine Entscheidung treffen kann, auch dann wenn man keine Wahl hat. Das gilt auch für uns. Wir können uns entscheiden und damit aus so mancher Sackgasse herauskommen. Batseba entscheidet sich für ein Coming Out, für die befreiende Flucht nach vorne.

Und am Ende wird sie für ihr Verhalten von Gott belohnt. Das Kind aus der erzwungenen Nähe mit David muss zwar sterben – und das bleibt ein schreckliches und unergründliches Ereignis, über das man noch viele Predigten halten könnte. Aber am Ende wird Batseba noch ein Kind geschenkt. Und dieses Kind ist niemand geringeres als der zukünftige König Salomo, der mit seiner Weisheit und Klugheit den eigenen Vater weit übertreffen wird. Batseba schafft es damit sogar in den Stammbaum von Jesus, wie er uns am Anfang des Neuen Testaments überliefert wird. Und das als Frau!

Na, wenn das kein Grund zur Hoffnung ist!

Amen.

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